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Kolumbien zwischen Schock und Aufbruch

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Massenproteste münden in Gewalt - Kolumbien zwischen Schock und Aufbruch

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Die Massenproteste haben in Kolumbien ihre Spuren hinterlassen: Präsident Duque steht massiv unter Druck, die Menschen fürchten weitere Gewaltexzesse, ein Klassenkampf droht.

In weiten Teilen Südamerikas gehen die Menschen auf die Straße um gegen die Regierung zu protestieren - auch in Kolumbien. In Bogotá forderten Zehntausende Reformen und ein Ende der Korruption.

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Über eine Stunde lang schlugen die Kolumbianer in der Nacht zum Freitag auf ihre Kochtöpfe. Die sogenannten "Cacerolazos" sind in Lateinamerika eine weit verbreitete Form, Unmut über die gerade regierenden Politiker zu äußern. Mit dem Kochlöffelprotest endete ein denkwürdiger Tag in dem südamerikanischen Land. Mehr als 200.000 Menschen gingen in Kolumbien auf die Straße, um vom konservativen Präsidenten Ivan Duque eine neue Politik zu fordern.

Nach 15 Monaten im Amt hat Duque bislang weder eine überzeugende Marschroute noch eine überzeugende Überschrift über seine Präsidentschaft gefunden. Er wirkt bisweilen wie eine ferngesteuerte Kopie seines Mentors, dem ehemaligen rechtskonservativen Präsidenten Alvaro Uribe (2002 – 2010). Uribe war die zweite Zielscheibe der Proteste am Donnerstag. Statt klarem Profil reihen sich in der Amtszeit Duques bislang Pannen an Pannen, ärgern sich Kolumbianer über personelle Fehlbesetzungen an wichtigen Schaltstellen der Regierungsarbeit.

Duque vermeidet konkrete Zusagen

Dass der Protest von einer solchen breiten Masse getragen wird, hat Duque offenbar nicht erwartet. "Im Vorfeld der Demonstrationen hat sich das kommunikative Ungeschick des Präsidenten gezeigt: In völliger Verkennung der Sachlage haben er und vor allem die noch konservativeren Vertreter seiner Regierung die Veranstaltungen als gewalttätigen Umsturzversuch extremistischer Linker dargestellt", sagt Politikwissenschaftler Jochen Kleinschmidt (39) von der "Universidad del Rosario" in Bogota. Am Abend versprach Duque immerhin seinen Landsleuten in einer TV-Ansprache den Dialog zu vertiefen. Konkrete Zusagen aber machte er nicht.

Menschen protestieren in Bogota (Kolumbien) am 21.11.2019
Protest mal anders. Diese Demonstranten wollten kreativ gegen die Regierung auf die Straße gehen.
Quelle: ZDF/Tobias Käufer

Neue Generation will auf Argumente statt Gewalt setzen

Gesprochen werden könnte aber über vieles. Die Kritik der Demonstranten fand sich auch auf den Protestplakaten wieder, die beim überwiegend von jungen Studentinnen und Studenten getragenen Generalstreik in der Hauptstadt Bogota zu sehen waren: Eine unausgegorene Sozialpolitik, zu niedrige Mindestlöhne und eine Bildungspolitik, die die Kinder der einkommensstarken Bevölkerungsschichten bevorteilt. Die entsetzliche Serie an Morden gegen Menschenrechtler, Indigene und soziale Aktivisten, die einfach kein Ende zu nehmen scheint.

Wurde das früher zu Zeiten des Bürgerkrieges gegen die inzwischen entwaffnete FARC-Guerilla von der Mehrheit der Kolumbianer als Kollateralschaden still schweigend hingenommen, wächst seitdem eine neue Universitätsgeneration heran, die auf Argumente statt auf Attentate setzt und die keinesfalls mehr bereit ist, diese Gewalt gegen Menschenrechtler einfach so hinzunehmen.

Ebenso wenig wie Duques Fremdeln mit der Umsetzung des Friedensvertrags mit der FARC, die zwar sein Vorgänger – Friedensnobelpreisträger Juan Manuel Santos – ausgehandelt hat, den Duque aber umsetzen muss. Wie sehr sich die Stimmung im Land gewandelt hat, zeigt die scharfe Kritik an einem Bombenangriff auf ein Lager von offenbar zwangsrekrutierten Kindersoldaten abtrünniger Kämpfer der FARC-Guerilla, bei dem 18 Kinder und Jugendliche starben.

Menschen protestieren in Bogota (Kolumbien) am 21.11.2019
Demonstranten üben auf einem Plakat Kritik an einem Bombenangriff auf ein Lager mit Kindersoldaten.
Quelle: ZDF/Tobias Käufer

Gewalttäter übernahmen die Straßen

Die zweite Seite der Medaille war der Stimmungsumschwung nach einem überwiegend friedlichen Protest der Zivilgesellschaft bei Einbruch der Dunkelheit in Bogota und in Cali. Dort übernahmen nun - offenbar gezielt organisiert - gewaltbereite Randalierer die Regie. Anfangs schafften es noch mutige Studenten sich den Krawallmachern mit einer Menschenkette in den Weg stellen, doch am Ende setzten sich die Gewalttäter durch.

Geschockt verfolgten die friedlichen Demonstranten aus der Nähe und der Rest der Bevölkerung an den Fernsehgeräten, dass nun gezielte Angriffe gegen die Infrastruktur gefahren wurden. Busstationen wurden zerstört, Feuer gelegt, Gebäude attackiert. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty will Hinweisen nachgehen, dass es zu massiven Übergriffen der Polizei gekommen ist. Der linksgerichtete Oppositionspolitiker Gustavo Petro rief für Freitag zu einer Fortsetzung der Mobilisierung auf.

Kolumbien droht Klassenkampf

Bogotas Bürgermeister Enrique Penalosa sprach am Abend von Sachschäden in Millionenhöhe. "Geld, dass nun nicht mehr für Investitionen in Kindergärten, Senioren, Parks oder die Sicherheit zur Verfügung steht", twitterte Penalosa. In Cali soll es vereinzelt sogar zu Übergriffen auf Wohnblocks gekommen sein. Dort stellten sich den Randalieren bewaffnete Bürger in den Weg.

Ein Vorgeschmack auf einen Klassenkampf, der Kolumbien droht, sollte es Duque nicht schaffen, die Kritik in eine neue empathischere Politik einfließen zu lassen.

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