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Bürger helfen sich selbst - Genossenschaftlich gegen "Mietenwahnsinn"

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In Zeiten der akuten Wohnungsnot liegt genossenschaftliches Bauen wieder im Trend. Projekte versprechen niedrige Mieten, lebenslanges Wohnrecht und ein Gemeinschaftsgefühl.

Wohnprojekt der Amaryllis eG in Bonn-Beuel
Nicht nur in Frankfurt, in vielen anderen Städten setzen Menschen zunehmend auf Wohngenossenschaften - wie hier beim Wohnprojekt der Amaryllis eG in Bonn-Beuel.
Quelle: imago

Die Liste so genannter deutscher "Schwarmstädte" ist lang. Ganz oben München, Leipzig und Frankfurt am Main - Metropolen, die so attraktiv sind, dass neue Einwohner wie in Schwärmen kommen. Die Schattenseite: Wirtschaftsboom und Zuzug sorgen dafür, dass das Immobilienangebot klein ist, die Mieten steigen und sich auch Paare mit zwei guten Gehältern die Kaufpreise für Wohnungen oder Bauland kaum noch leisten können.

In all diesen Schwarmstädten, wie Ökonomen sie nennen, sorgen sich viele Menschen um das soziale Klima und suchen nach Lösungen für die Wohnungsmisere.

Die Frankfurterin Sabine Künzel gehört zu ihnen. "Die Preise in der Stadt sind der Wahnsinn, und es wird immer verrückter", sagt die junge Mutter. Zum Gespräch in einem Straßencafé im Frankfurter Nordend hat sie ihre kleine Tochter mitgebracht. Auch wegen des Kindes haben sich Künzel und ihr Mann dazu entschieden, sich einer der etwa 70 sozialen Wohnungsbau-Initiativen Frankfurts anzuschließen.

Frankfurts größtes Mehrgenerationenhaus entsteht

Gemeinsam mit rund 50 weiteren Familien investieren sie ihr Geld in Frankfurts größtes Mehrgenerationenhaus, das auch im Rahmen des Bundesprogramms 'Gemeinschaftlich wohnen, selbstbestimmt leben' als Modellprojekt gefördert wird. Das Prinzip: Jeder bezahlt zunächst 500 Euro pro Quadratmeter, den er bewohnen möchte. Das macht bei einer 100-Quadratmeter-Wohnung 50.000 Euro. Mit dem Startkapital konnte die "Wohngeno"-Genossenschaft damit beginnen, den Bau zu finanzieren und auch einen Immobilienkredit bei einer Bank aufnehmen. Alle Familien, die Geld investiert haben, werden später in dem Haus zur Miete wohnen.

Blick auf Frankfurt am Main im Sommer (Archivbild)
In Frankfurt liegen die Mieten inzwischen im Schnitt bei fast 18 Euro pro Quadratmeter.
Quelle: colourbox.de

Das klingt erstmal paradox, aber für Sabine Künzel macht es trotzdem Sinn. "Die Miete ist günstiger als bei normalen Neubauten und hohe Mietsteigerungen sind unwahrscheinlich - im Gegenteil, sie kann noch günstiger werden, wenn erstmal die Kredite an die Bank zurückgezahlt sind." Es ist aber noch etwas anderes, das der jungen Frau ein gutes Gefühl gibt: "Es gibt ein lebenslanges Mietrecht, und das ist auch vererbbar auf die Kinder." Sabine Künzel streichelt ihre Tochter und lächelt. Auch für die nächste Generation bedeutet das Investment der Eltern also Sicherheit.

Genossenschaftliche Immobilen-Finanzierungsmodelle gelten inzwischen nicht nur in Frankfurt als zukunftsträchtig. Viele Städte und auch der Bund unterstützen deshalb genossenschaftliche Bauprojekte, die vor allem das Ziel haben, ihre Mitglieder mit preisgünstigem Wohnraum zu versorgen. Stadtplaner wie Dirk Schubert sehen darin einen wichtigen Beitrag, den sozialen Wohnungsbau in Deutschland wieder zu stärken. Dies sei dringend nötig, "denn inzwischen sind ja nicht mehr nur einkommensschwächere, sondern auch Haushalte der Mittelschicht auf sozialen Wohnungsbau und mietpreisgünstigen Wohnraum angewiesen".

Der Traum einer "lebendigen Wohngemeinschaft"

Genossenschaftliches Bauen ist eine Alternative zu Finanzierungskonzepten des "freien Markts", die auf möglichst hohen Profit ausgerichtet sind. In Frankfurt liegen die Mieten inzwischen im Schnitt bei fast 18 Euro pro Quadratmeter; für den Kauf in beliebten Vierteln werden Preise bis zu 20.000 Euro pro Quadratmeter verlangt. Sabine Künzel sieht in der Spekulation mit Wohnraum eines der größten Probleme der Stadt. "Das ist ein Skandal in einer Zeit, in der so viele Menschen verzweifelt auf Wohnungssuche sind", sagt sie.

Das "Wachsen" ihres Mehrgenerationenhauses kann sie inzwischen täglich beobachten. Geht alles nach Plan, kann die Familie ihr neues Heim ab nächstem Jahr bewohnen. Sabine Künzel macht schon jetzt mit den anderen Nachbarn Pläne für die Gemeinschaftsräume in ihrem Haus. Außerdem gibt es die Idee für einen Garten auf dem Dach und eine "Architekturkompetenzgruppe". Dort geht es vor allem um die Frage, wie es mit Architektur gelingen kann, dass die Hausbewohner wirklich gerne miteinander leben statt nur nebeneinander. Sabine Künzel sagt: "Die zentrale Idee bei dem Projekt ist ja, mit Freunden zusammenzuleben und eine lebendige Gemeinschaft mit Jung und Alt wachsen zu lassen."

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