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Deutscher Ethikrat - Gentechnik: Alles machen, was man kann?

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2018 erschütterte die Geburt der mutmaßlich ersten genetisch veränderten Babys die Welt. Nun hat der Deutsche Ethikrat Stellung zu Eingriffen in die menschliche Keimbahn bezogen.

Mit dem neuen biotechnischen Verfahren der Genschere können Wissenschaftler menschliches Erbgut gezielt verändern. Es bleibt die Frage: "Soll die Medizin alles dürfen, was möglich ist?"

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Auf Seite 193 der Stellungnahme des Ethikrates ist das ganze Dilemma übersichtlich dargestellt. "Entscheidungsbaum Keimbahnintervention" ist der Titel des Schaubildes, über dem der Ethikrat jahrelang gesessen und über das er nachgedacht hat. Es sieht aus wie ein wissenschaftliches Monopoly: Kann man eine der Fragen nicht ethisch zufriedenstellend beantworten, geht es zurück auf die Ausgangsfrage: Wollen oder sollen wir alles tun, was wir technisch zu tun vermögen? Die Wissenschaftler fragen natürlich differenzierter.

Darf man Erbgut verändern, um Krankheiten zu reduzieren?

Grob aus dem Wissenschaftsduktus übersetzt lauten einige dieser Entscheidungsfragen: Darf oder soll man in die menschliche DNA eingreifen, um Krankheiten zu reduzieren, die durch den Defekt eines einzelnen Gens entstehen, Krankheiten wie Chorea Huntington, Mukoviszidose oder Sichelzellenanämie? Darf oder soll man in die menschliche DNA eingreifen, um Krankheitsrisiken zu reduzieren, wenn in einer Familie zum Beispiel häufig Brustkrebs, Depressionen oder Alzheimer auftreten?

Und wenn man sich für einen Eingriff entscheidet, darf oder soll man das an menschlichen Embryonen erforschen dürfen oder nicht? Es sind schwere Fragen, weil sie von so vielen verschiedenen Standpunkten aus betrachtet werden können und müssen. Es geht um Menschenwürde, um den Schutz des Lebens und der Integrität, um Freiheit und Wohltätigkeit, um Gerechtigkeit, Solidarität und Verantwortung. Wie also wollen wir es halten mit den neuesten Errungenschaften der Gentechnik? Und warum drängen diese Fragen so?

Ethikrat beschäftigt die Frage schon viele Jahre

Ende November 2018 schockte der chinesische Wissenschaftler und Unternehmer He Jiankui die Weltöffentlichkeit: In mehreren YouTube-Videos bekannte er sich dazu, Zwillingsmädchen auf die Welt gebracht zu haben, deren DNA er in der Petrischale nach künstlicher Befruchtung so bearbeitet haben will, dass die Mädchen gegen HIV immun seien. Der Mann wurde unter Hausarrest gestellt, seine Forschungen gestoppt. In dieser Woche veröffentlichten Experten in China eine Untersuchung des Experiments und bescheinigen He Jiankui, dass er, der weitgehend im Geheimen gearbeitet hat, wissenschaftlich auch noch schlampig gearbeitet habe.

Seit der Geburt von Lulu und Nana, so sollen die beiden Mädchen heißen, ist die Debatte darum, ob man in die menschliche Keimbahn eingreifen darf, nicht abgerissen. Der deutsche Ethikrat hatte sich mit dieser Frage lange vorher auseinandergesetzt, weil die 26 Wissenschaftler, die jeden Monat regelmäßig zusammenkommen, kommen sahen, dass die Forschung auf diesem Gebiet der Gentechnik schneller voranschreitet als erwartet.

Seit am 17. August 2012 im Wissenschaftsmagazin "Science" die bahnbrechende Arbeit der französischen Mikrobiologin Emmanuelle Charpentier und der US-Biochemikerin Jennifer Doudna erschien, die die Entdeckung der sogenannten Genschere Crispr/Cas9 bekanntgaben, stand die Befürchtung im Raum, dass jemand den Tabubruch begeht und in die Keimbahn von Embryonen eingreift, die dann auf eine Gebärmutter übertragen werden. Mit Lulu und Nana ist die Welt 2018 von der Wirklichkeit überholt worden.

Ethikrat hält Eingriffe wegen Risiken für unverantwortlich

Der Ethikrat, dessen Mitglieder aus ganz unterschiedlichen Fachgebieten von Medizin über Recht bis zur Philosophie kommen, hat nun in einer über 200 Seiten langen Stellungnahme dargestellt, wie er die schwierigen Fragen beantworten würde: Die Wissenschaftler schließen Keimbahneingriffe nicht aus, halten sie aber derzeit wegen ihrer unabsehbaren Risiken für ethisch unverantwortlich. Deshalb fordert der Rat ein internationales Moratorium: Er "empfiehlt dem Deutschen Bundestag und der Bundesregierung, auf eine verbindliche internationale Vereinbarung, vorzugsweise unter der Ägide der Vereinten Nationen, hinzuwirken." Das ist auch deshalb wichtig, um nationale Unterschiede wie es sie jetzt zum Beispiel bei der Kinderwunschbehandlung sehr stark gibt, zu verhindern.

Auf mehr Antworten aber konnten die Wissenschaftler sich abschließend nicht verständigen. Auf die Frage zum Beispiel, ob an sogenannten verwaisten Embryonen - überzählige Embryonen, die nach einer künstlichen Befruchtung von den leiblichen Eltern zur Forschung der Wissenschaft überlassen werden – Grundlagenforschung betrieben werden darf oder soll, wurde kein Konsens erzielt. Und dennoch: Die Stellungnahme ist wichtig. Sie ist eine wichtige Diskussionsgrundlage für den ethischen Blick auf die Gentechnik. Der Ethikrat fordert selbst die Bundesregierung auf, einen "strukturierten Bürgerdialog" einzurichten. Den braucht es über jede der im Schaubild des Entscheidungsstammbaums aufgeworfenen Fragen: Einen Dialog zwischen Wissenschaft, Politik und Bürgern. Weil es um Entscheidungen geht, die die Menschheit angehen. Und um die Frage: Wer wollen wir sein?

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