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Perspektive der Alpenregion - "Abhängigkeit vom Tourismus wird überschätzt"

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Idyllisch, überlaufen oder abgehängt? Geograph Marius Mayer sprach mit dem 3sat-Wirtschaftsmagazin makro über die neuen wirtschaftlichen Perspektiven der Alpenregion.

Zu Gast bei makro ist Prof. Marius Mayer. Die Alpen, sagt er, lebten nicht nur vom Tourismus, sondern auch von anderen Dienstleistungen, Industrie und Landwirtschaft, was oft übersehen werde.

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Der abgelegene, ländliche Raum ist neuerdings in aller Munde, oft im Zusammenhang mit  "abgehängt". Die Alpen sind so etwas wie die Peripherie im Herzen Europas. Doch wie schlägt sich die Region angesichts von Landflucht und Globalisierung? Gar nicht so schlecht, findet Marius Mayer, Professor für Wirtschaftsgeographie in Greifswald. Was allerdings den ausufernden Güterverkehr angeht, so fordert er, die Transitgebühren für Lkw so stark zu erhöhen, "dass die Bahn zum attraktivsten Anbieter wird".

makro: Hat die Alpenregion wirtschaftlich überhaupt eine ernstzunehmende Alternative zum Tourismus?

Dichter Verkehr schiebt sich am 01.07.2017 über die Autobahn 8 in Fahrtrichtung Salzburg und Brenner-Autobahn im Hofoldinger Forst bei Sauerlach
Staus wie am Brenner sind in den Alpen an der Tagesordnung Quelle: dpa

Marius Mayer: Ja, weil die wirtschaftliche Abhängigkeit vom Tourismus überschätzt wird. Nur relativ wenige Gemeinden sind monostrukturell auf Tourismus ausgerichtet. Unsere Sichtweise auf die Alpen blendet die tief gelegenen Talschaften häufig aus. In diesen Tälern lebt aber der Großteil der Bevölkerung, befinden sich Industrie- und sonstige Dienstleistungsstandorte sowie Flächen der Intensivlandwirtschaft. Für die hochgelegenen, peripheren Talschaften ist der Tourismus allerdings tatsächlich derzeit ein unverzichtbarer Wirtschaftszweig.

makro: Sind die bisherigen touristischen Wachstumsraten haltbar und ist dies überhaupt erstrebenswert?

Mayer: Der Alpentourismus befindet sich seit geraumer Zeit in einer Stagnations- oder Stabilisierungsphase, d.h. wenn noch Wachstum stattfindet, dann eher moderat und von hohem Niveau ausgehend. Es gibt aber durchaus Reiseziele mit rückläufigen Gästezahlen. Insofern besteht die Herausforderung eher darin, das heutige hohe Level zu halten.
Weiteres Wachstum halte ich an den meisten Standorten nicht für erstrebenswert, was auch von der dortigen Bevölkerung zumeist so gesehen wird. Das Bewusstsein für die negativen Nebeneffekte der Tourismusentwicklung ist dort weit verbreitet.

makro: Wie stark beeinflussen Klimaveränderungen die wirtschaftliche Entwicklung?

Mayer: Derzeit noch kaum spürbar. Eine Reihe kleinerer Skigebiete wurde bereits geschlossen. Dies liegt aber meistens nicht alleine an abnehmender Schneesicherheit. Viele dieser Skigebiete waren nie schneesicher und sind nun Opfer des Trends zu größeren, besser ausgestatteten und tendenziell höher gelegenen Skigebieten.
Durch den massiven Ausbau der technischen Beschneiung können sich die Skigebiete sicherlich noch einige Jahrzehnte an die prognostizierte Erwärmung anpassen. Dadurch steigen allerdings die Kosten, was den Konkurrenzdruck erhöht und das Skifahren als Breitensport gefährden könnte.
Für den Sommertourismus sind die Auswirkungen der Erwärmungsprozesse noch ziemlich unklar. Die Saison wird länger, Konkurrenzdestinationen am Mittelmeer könnten im Hochsommer zu heiß werden. Eine Renaissance der alpinen Sommerfrische ist also nicht ausgeschlossen.

makro: Eine wachsende Verkehrslawine schiebt sich durch die Täler - sowohl Güterverkehr als auch Touristen. Kriegt man den Verkehr auf die Schiene - und wenn ja, wie?

Mayer: Eine Maßnahme sind die neuen Eisenbahnbasistunnel an Lötschberg, Gotthard, Brenner und Mt. Cenis, die jedoch auch mit einem Ausbau der Zulaufstrecken inner- und außerhalb der Alpen sowie einer verbesserten Zusammenarbeit der Bahngesellschaften einhergehen müssen. Daran hakt es derzeit noch, z.B. bei der Brenner-Zuwegung im deutschen Inntal.
Zum Zweiten müssen die Transitgebühren für Lkw so stark angehoben werden, dass die Bahn zum attraktivsten Anbieter wird. Dagegen sperrt sich allerdings die EU. Wie es gehen könnte, zeigen die Ansätze aus der Schweiz mit einer klaren Limitierung der Anzahl alpenquerender Lkw.
Den touristischen An- und Abreise- sowie Ausflugsverkehr wird man aus meiner Sicht ebenfalls nicht ohne eine deutliche Verteuerung reduzieren können. Das Angebot öffentlicher Verkehrsmittel ist in den meisten Alpenregionen mit Ausnahme der Schweiz zu dünn, zu teuer und der Privat-Pkw zu bequem für die Mehrzahl der Besucher. Künftige Ansätze könnten Bahnanreisen mit kostengünstigen Elektro-Fahrzeugen vor Ort kombinieren.

makro: Gibt es Konzepte zur regionalen Wirtschaftsentwicklung jenseits des Tourismus, z.B. für kleine und mittelständische Industrieunternehmen, Technologieparks etc.?

makro
Quelle: ZDF

Mayer: In dieser Hinsicht stellen die Alpen keinen Sonderfall unter den ländlichen Peripherien Europas dar. Spezielle auf Gebirgsräume zugeschnittene Konzepte gibt es daher meines Wissens nicht. Gerade in den flachen Talböden hat in den letzten Jahrzehnten eine deutliche Expansion der Gewerbegebiete stattgefunden, so dass kaum mehr Unterschiede zum außeralpinen Raum bestehen.
Nachteile alpiner Standorte sind die begrenzte Flächenverfügbarkeit (Anm.: nur knapp 13 Prozent Tirols sind bspw. Dauersiedlungsraum), das Fehlen von Steuerungszentralen der Wirtschaft sowie die Erreichbarkeit von außeralpinen Metropolregionen. Chancen bieten Verknüpfungen zu handwerklichen Traditionen und deren Weiterentwicklung im digitalen Zeitalter sowie die Attraktivität der Alpen für den Zuzug von Hochqualifizierten.

Das Interview führte Carsten Meyer

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