Sie sind hier:

Gastland auf der Buchmesse - Georgien - klein, aber voller Kultur

Datum:

Georgien ist Gastland der Frankfurter Buchmesse 2018: So groß wie Bayern, etwas mehr Einwohner als Berlin und so vielfältig wie ein ganzer Kontinent. Und mit einer uralten Kultur.

Georgien: Landschaft bei Svaneti
Georgien bietet Kaukasus und viel Kultur. Quelle: imago

Wissen Sie, wo Georgien ist? Hinter der Türkei und unterhalb Russlands, auf dem Weg in den Iran. Georgien - das ist so klein und dabei alt, ehrwürdig und voller antiker Mythen. Vom Berg Kasbeg etwa, ganz im Norden des Landes, kurz vor der Grenze zu Tschetschenien, heißt es, man hätte an ihn Prometheus gefesselt. Heute kann man ihn erklettern, drei Tage soll man für die 5.047 Meter brauchen - und dann kann man herunterschauen auf die berühmte "georgische Heerstraße". Auf der kamen sie bis heute alle, auf dem Weg von Moskau, und reisten in die georgische Hauptstadt: Dumas und Tolstoi, Lermontov und Tschechov. Und bis heute treibt es sie alle nach Tbilissi - der Hauptstadt, dem Paris des Ostens, Ausgangspunkt der Seidenstraße, Karawanserei und Kreuzung auf dem Weg von Europa nach Asien.

Infokarte: Georgien
Quelle: ZDF

Keiner nimmt den Georgiern ihre Sprache

Tbilissi - wie soll man das nur aussprechen? Die meisten sagen ganz schnöde: Tiflis. Doch damit liegt man nicht nur falsch, sondern man bringt sich auch um diesen zarten Zungenschlag, den man vom T zum nachfolgenden Bilissi bewältigen muss. Georgisch, das ist eine Sprache mit 33 wundersam geschwungenen Buchstaben - und die hat man über die letzten Jahrtausende hinweg verteidigt, noch nicht mal die Sowjets haben den Georgiern ihre Buchstaben und ihre Sprache abspenstig machen können.

"Wir Georgier sind stolz auf unsere Sprache" erklärt denn auch Aka Morchiladze, einer der berühmtesten Schriftsteller des Landes. Eines seiner größten Bücher ist "Santa Esperanza" - ein Roman aus über dreißig Einzelromanen, die man in beliebiger Reihenfolge lesen kann. In denen erzählt Morchiladze von einer fiktiven Insel im Schwarzen Meer. Und obwohl alles, aber auch wirklich alles in diesem Buch erfunden ist, ist diese Fiktion vielleicht einer der besten Reiseführer, die man mit nach Georgien nehmen kann.

Die Georgier lieben ihre Dichter

Vielleicht muss man ja auch fliehen in die Fantasie, wenn die Wirklichkeit so ist, wie sie ist. Denn Georgien wurde immer wieder überrollt von immer anderen Ansprüchen - nach der frühen Christianisierung kamen Tamerlan und seine Horden. Lange Zeit war Georgien besetzt von der Sowjetunion und mit diesem Erbe schlägt sich die junge Demokratie bis heute herum. "Von der Sowjetunion besetzt" - bei näherer Betrachtung ist auch das nur die halbe Wahrheit. Einer der bekanntesten Georgier ist schließlich Stalin. Der, man mag es kaum glauben, in seiner Jugendzeit Gedichte schrieb, natürlich auf Georgisch.

An Stalin sollte man Georgien nicht messen - obwohl sein Geburtshaus samt Museum in Gori den größten Touristenmagneten des Landes darstellt, ist es nicht repräsentativ für den Umgang des Landes mit seiner Vergangenheit. Die Georgier lieben ihre Dichter - etwa Wascha Psawela, den man mitten im Wald ein von Schulklassen umlagertes Museum gebaut hat. Über eine Stunde zuckelt man über eine Schotterstraße dahin. Wascha Pschawela war ein Naturlyriker, der allem Komfort entsagte und eine recht verwegene Fellmütze trug. Doch wer im Westen kennt Wascha Pschawela, wer Schota Rustaveli und sein Nationalepos "Der Recke im Tigerfell", wer Ilia Tschatschawadse oder Alexander Kasbegi? All diese fremd klingenden Namen - ist es nicht für die Georgier ziemlich ungerecht, dass wir sie nicht kennen?

Im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse stellen wir Georgiens Kulturszene und spannende literarische Neuerscheinungen vor.

Beitragslänge:
28 min
Datum:

Buchmesse auch politisch wichtig

Mit der Buchmesse will sich Georgien aber nicht nur literarisch, sondern auch politisch präsentieren. Das Land soll "Teil der europäischen Familie" werden, meint etwa Mikheil Giorgadze, georgischer Kultusminister, vor dessen Ministerium, wie vor fast jedem öffentlichen Gebäude Georgiens, die europäische Flagge weht. Das ist natürlich ein hehres Ziel - das Land ist so klein, die Arbeitslosigkeit so groß, und Gebiete wie Ossetien sind seit mehr als zehn Jahren von Russland annektiert. Dazu hat man eine zwar schöne Sprache mit einer der wohl schönsten Schriften der Welt, doch die kann halt kaum ein anderer auf der Welt lesen. Das Georgische zwingt seine Schriftsteller seit jeher dazu, sich Alternativen zum Überleben zu suchen.

Der georgische Schriftsteller Davit Gabunia
Der georgische Schriftsteller Davit Gabunia Quelle: dpa

Nur zwei Beispiele: Der junge Schriftsteller Davit Gabunia etwa schreibt und inszeniert Stücke für das eigene Off-Theater in Tbilissi, übersetzt aus dem Schwedischen ins Georgische und hat daneben auch noch Harry Potter aus dem Englischen übertragen. Zur Buchmesse wird sein erster Roman auf Deutsch erscheinen. "Farben der Nacht" - und so viel darf man schon mal sagen: spannend wie ein Hitchcock.

Georgiens Schriftsteller träumen - von Georgien

Andere Schriftsteller wechseln nicht nur die Sprache, sondern gleich das Land. Größter Literaturstar Georgiens in Deutschland ist die Schriftstellerin Nino Haratischwilli. Sie studierte zwar in Tbilissi, doch dann zog sie nach Deutschland. Ihren Bestseller, die georgische Familiensage "Das achte Leben" schrieb sie auf Deutsch. Der wird erst jetzt ins Georgische übersetzt. Nino Haratischwilli, das Aushängeschild Georgiens in Deutschland, ist in ihrem Heimatland nahezu unbekannt.

Erfinderisch sein, mindestens zwei Jobs machen oder ins Ausland gehen: So sind wohl die meisten Schriftsteller Georgiens unterwegs. Und in der Fremde träumen sie dann vor allem: von Georgien! Von heißen Sommernächten auf den Holzbalkonen Tblissis, vom schweren roten Wein, etwa einem Tsinandali zu würzigen Chingali mit freiem Blick auf die Erhabenheit des Kaukasus. Sie sind sehr gastfreundlich. Und niemand wird das Land ohne den Wunsch "Nachvamdiz" verlassen. Komm wieder. Auf Wiedersehen.  

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.