Sie sind hier:

Geplante Doğan-Übernahme - Gefahr für die Pressefreiheit in der Türkei?

Datum:

Ein einflussreiches Medienhaus soll von einem Unternehmer gekauft werden, der als Unterstützer Erdoğans gilt. Kritiker fürchten Konsequenzen für die türkische Berichterstattung.

Archiv: Das türkische Medienhaus Dogan
Doğan-Zentrale in Istanbul Quelle: ap

"Ich bin jetzt über 80 Jahre alt und habe mich bewusst dafür entschieden, meine Verleger-Karriere zu beenden", schrieb Medien-Tycoon Aydın Doğan in den Zeitungen der Doğan-Mediengruppe am Freitag an die Leser und Mitarbeiter. Im Zuge dieser Entscheidung habe er "Gespräche mit unserem Freund seit über 60 Jahren, der Demirören-Gruppe" aufgenommen.

Was so lapidar daher kommt, ist eine Mega-Medienfusion mit Auswirkungen auf die gesamte Presselandschaft in der Türkei. Mit einem Börsenwert von rund 723 Millionen Euro betreibt die Doğan-Mediengruppe unter anderem die renommierte Zeitung "Hürriyet", außerdem "Posta" und die Sportzeitung "Fanatik", sowie die Bild- und TV-Nachrichtenagentur Doğan News Agency und den Fernsehsender "CNN Türk".

Doğan-Medien weniger regierungskritisch?

Alle standen bislang in dem Ruf, sich eine leidliche Unabhängigkeit bewahrt haben. Und das trotz massiver Angriffe der Steuerbehörden auf den Doğan-Konzern. Im Jahr 2009 verhängten sie eine Strafe in Milliardenhöhe wegen Steuervergehen. Seitdem war Aydin Doğan vorsichtig geworden und versuchte, jeder weiteren Konfrontation mit der Regierung aus dem Wege zu gehen. Trotzdem bewahrte er seine Medien-Gruppe vor dem Zugriff regierungsfreundlicher Investoren. Das könnte sich nun ändern.

Doğan, der seinen Rückzug mit seinem Alter begründet, will sein Lebenswerk an jemanden übergeben, der nur wenig jünger ist als er selbst. Mit 79 Jahren scheint der Bau- und Immobilienmogul Erdoğan Demirören noch lange nicht satt. 2011 erwarb er von Doğan bereits die Zeitungen "Milliyet" und "Vatan", die seitdem weitaus weniger regierungskritisch berichten. Im Gegenzug erhielten seine Bauunternehmen lukrative Bauaufträge. Demirören gilt als Unterstützer von Präsident Erdoğan, und sollte der geplante Übernahme-Coup gelingen, dürfte er die Medienlandschaft in der Türkei nachhaltig verändern. Vermutlich nicht in Richtung Pluralität und Meinungsvielfalt, sondern eher in Richtung einer regierungsfreundlichen Berichterstattung.

Kritik von Opposition und Journalisten

Journalistenverbände weltweit und die größte türkische Oppositionspartei CHP warnen. Die Wettbewerbskommission möge diesen Deal ablehnen, forderte der stellvertretende CHP-Fraktionsvorsitzende Özgür Özel, vorausgesetzt, "sie treffe eine korrekte und unparteiische Entscheidung". Diese Einschränkung allein lässt Böses ahnen.

Kritik kam auch von türkischen Journalisten: "Mit dieser riesigen Übernahme kommt die türkische Massenmedien-Industrie unter die direkte politische Kontrolle von Präsident Erdogan", meinte der renommierte Kolumnist Kadri Gürsel im Kurzmitteilungsdienst Twitter. Er vergleicht die Veränderungen in der türkischen Presselandschaft mit der erfolgreichen Gleichschaltung wichtiger Medien in Vladimir Putins Russland.

Starker Druck auf kritische Stimmen

Die Wissenschaftlerin und Publizistin Ceren Sözeri sieht allerdings in der geplanten Übernahme auch ein Risiko für Demirören und die Regierung Erdoğan selbst. Zwar werde Demirören sicher nun noch mehr Bauaufträge erhalten, schließlich gehe es ihm nur ums Geld. Doch er werde "keine ruhige Minute mehr schlafen können", schrieb Sözeri in der Zeitung "Cumhürriyet". Medienboss in der Türkei zu sein, sei ein riskantes Unterfangen. Nun säße ihm "permanent die Angst im Rücken, dass er dem großen Boss auf den Schlips getreten sein könnte".

Und auch für die Regierung Erdoğan, meint Sözeri, sei der Deal nicht unproblematisch. Um jene Hälfte der Bürger zu erreichen, die seine AK-Partei nicht gewählt hätten, seien Zeitungen wie "Hürriyet" durchaus nützlich gewesen. Nun würde sich die kritische Öffentlichkeit radikaleren Presseorganen zuwenden. Und damit sei das gegnerische Lager für die Regierung Erdogan endgültig verloren. Doch dass die türkische Machtelite tatsächlich in solchen Kategorien denkt, ist eher unwahrscheinlich. Zu stark ist der Druck auf kritische Stimmen. Und die könnten  mit der geplanten Übernahme durch die Demirören-Gruppe noch ein wenig leiser werden.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.