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Gerhard Ludwig Müller - Der verbitterte Kardinal

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Es läuft derzeit nicht gut für Kardinal Gerhard Ludwig Müller, lange einer der wichtigsten deutschen Kirchenmänner. Erst entmachtet ihn Papst Franziskus im Vatikan. Dann kommt aus Deutschland Ungemach. Ein Gespräch mit einem Mann, der sich ungerecht behandelt fühlt.

Der Finanzchef des Vatikans, George Pell, wurde vorübergehen beurlaubt. Grund sind Ermittlungen aufgrund von Missbrauchsvorwürfen gegen den ranghohen Kardinal in seiner Heimat Australien. Pell weist die Vorwürfe zurück.

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Es ist Anfang Juli in Rom und glühend heiß. Die Klimaanlage brummt. Kardinal Gerhard Ludwig Müller sitzt vor einer großen Bücherwand in seiner Wohnung unweit des Vatikans und deutet auf die Anlage. "Ich bin drei Mal umgezogen, bis ich hier in die Wohnung einziehen konnte. Dann die Renovierung, die Klimaanlage, das alles auf eigene Kosten", sagt er. Drei Mal umziehen für einen der wichtigsten Posten der katholischen Kirche - den er jetzt allerdings verloren hat.

Fünf Jahre als Chef der Glaubenskongregation vorbei

Der ehemalige Regensburger Bischof war fünf Jahre lang Chef der Glaubenskongregation im Vatikan und gehörte zu den mächtigsten Männern im Kirchenstaat. Bis Papst Franziskus seine Amtszeit Anfang Juli überraschend nicht verlängerte. "Ich bin alleine für dieses Amt nach Rom gegangen", sagt der 69-Jährige. "Es ist nicht so wie wenn man bei einer Regierung berufen wird oder bei internationalen Organisationen, wo alles bezahlt wird. Da hat sich niemand um mich gekümmert." Und: "Wir Deutschen kriegen die Wohnungen, in die man am meisten investieren muss. Mehr will ich dazu nicht sagen."

Das Amt sei ihm "auf den Leib" geschnitten gewesen. Warum also die Entscheidung des Papstes, die von den meisten als Rauswurf interpretiert wurde? "Von interessierten Seiten wurden angebliche Spannungen ins Gerede gebracht. Der Papst hat mir jedoch immer wieder versichert, dass er diesen Gerüchten keinen Glauben schenkt und mir voll vertraut", so Müller. Aber genaue Gründe kenne er nicht.

Müller sieht sich nicht als "Scharfmacher"

Er sehe sich nicht als Gegenspieler des Papstes oder als "Scharfmacher", als der er immer wieder dargestellt wird. "Ich glaube, ich war in meinem Leben nie konservativ oder ein Hardliner. Das geistige und religiöse Leben in konservativ und progressiv einzuteilen ist ein Armutszeugnis und verrät nur die Aggression derer, die lieber andere diskriminieren, statt sich mit ihnen argumentativ auseinander zu setzen."

Doch irgendwas muss schief gelaufen sein. Die Glaubenskongregation ist unter anderem für die Aufklärung von Missbrauchsfällen zuständig. Da gab es immer wieder Kritik, dass Müller diese nicht genug vorantrieb oder gar behinderte. Darauf angesprochen wird der sonst so gefasste Kardinal plötzlich lauter und emotionaler. "Es trifft einfach nicht zu, dass wir in irgendeiner Weise bei der Verfolgung solcher Straftaten nachlässig gewesen sind oder aus mangelndem Arbeitseinsatz den Abschluss eines Prozesses verschleppt hätten", sagt er. "Das genaue Gegenteil ist der Fall." Auch gegen Widerstände habe er eine Null-Toleranz-Linie gefahren.

Es sei offensichtlich, dass die katholische Kirche bei dem Thema Missbrauch härter angegangen werde als andere Institutionen. "Es gibt Geistliche - Gott sei es geklagt - die solche Verbrechen begangen haben. Aber deshalb kann man nicht die anderen, nur weil sie auch Priester sind, kollektiv verdächtigen." Die Glaubenskongregation brauche mehr Mitarbeiter, um die Fälle schneller bearbeiten zu können.

Seine Korrektheit eckte an

Auch der Missbrauchs-Skandal bei den Regensburger Domspatzen, der während Müllers Amtszeit als Bischof in der bayerischen Stadt bekannt wurde, holte ihn erst diese Woche wieder ein: Jahrzehntelang wurden mindestens 547 Chorknaben Opfer von körperlicher oder sexueller Gewalt, wie aus einem Abschlussbericht hervorgeht, der Dienstag veröffentlicht wurde. Er habe die Aufklärung vorangetrieben, so Müller, er verstehe nicht, wieso da von Behinderung die Rede sei.

Der Zwei-Meter-Mann spricht oft von Dekreten, von Prozessen, von Struktur, von Ordnung, weniger von direkter Kommunikation mit den Opfern. "Manche denken, sie schreiben einen Brief und bekommen gleich eine Antwort mit dem Urteil über einen Angeklagten. Das ist einfach nicht möglich, weil der Prozessablauf eine Struktur hat und nach objektiven Kriterien durchgeführt werden muss."

Seine Korrektheit kam offenbar auch nicht bei jedem in der Kurie gut an. Der damalige deutsche Papst Benedikt XVI., zuvor ebenfalls Präfekt der Glaubenskongregation, holte ihn 2012 nach Rom. Am Anfang sei ihm oft gesagt worden: "Typisch deutscher Theologieprofessor, der nicht versteht, dass man auch mal nach Bedarf 2 + 2 = 5 sein lassen kann", erzählt Müller. "Ich bin nicht in Rom aufgewachsen, ich bin kein Kurialer, darauf lege ich großen Wert. Ich bin ein Bischof, der von außen reingekommen ist. Vielleicht wird man als Nordländer immer ein Fremdkörper im System sein."

Kein schlechtes Wort über Franziskus

Seit dem Amtsantritt von Franziskus weht ein anderer Wind im Vatikan, ein lateinamerikanischer. Der Kardinal wählt seine Worte in dem zwei Stunden langen Gespräch merklich mit Bedacht, wenn es um Franziskus geht. Er verliert kein schlechtes Wort über den Argentinier, sagt, er habe zum Pontifex eine Beziehung, die "von Anfang an, glaube ich, gut" gewesen sei.

Was er aber von einigen Personalentscheidungen des Papstes hält, lässt er in dem Gespräch immer wieder durchblicken. "Nur mit qualifizierten Mitarbeitern kann das eigene Werk gut gelingen", ist sich Müller sicher. "Früher hat man immer gesagt, ein guter Herrscher hat sich immer dadurch ausgezeichnet, dass er die besten, auch unbequemen Berater sich an die Seite geholt hat, nicht die Opportunisten und Mediokritäten, die schon zu allen Zeiten zur Macht hindrängten."

Zum Kreis der unbequemen Berater zählt sich der gebürtige Mainzer wohl auch selbst. Denn von "höfischem Gehabe" am Vatikan oder "Karrieristen, die durch Schmeicheleien versuchen, irgendwelche Pöstchen zu bekommen", hält Müller nichts. "Lieber einen Nachteil in Kauf nehmen als das Gewissen zu verbiegen", sagt er. Müller lehnt grundlegende Reformen in der katholischen Kirche ab, er gilt als einer der führenden Kritiker des Papst-Schreibens über Familie und Liebe, "Amoris Laetitia". Darin hatte der Pontifex 2016 angeregt, dass es geschiedenen und wiederverheirateten Menschen unter gewissen Umständen erlaubt sein soll, an der Kommunion teilzunehmen.

Müller ist traurig

Der ehemalige Dogmatikprofessor aber ist gegen die Zulassung zivil wiederverheirateter Geschiedener zu den Sakramenten. Ist daran auch nicht zu rütteln, wenn ein Partner hintergangen und geschlagen wurde, sich scheiden lässt, neu verliebt, heiratet - und im tiefen katholischen Glauben bleibt? "Gott ist das Maß der Realität", sagt
Müller strikt. "Und nicht einfach das, was faktisch ist. Was tatsächlich besteht, ist nicht automatisch gut."

Auch von der "Ehe für alle", wie sie der Bundestag kürzlich beschlossen hat, hält er nichts. Sie sei ein "Etikettenschwindel". "Personen gleichen Geschlechts können keine Ehe eingehen, weil dem Begriff nach die Beziehung von Mann und Frau für die Ehe wesentlich ist." Wie geht es nun mit ihm weiter? Einen konkreten Posten hat der Kardinal nun nicht mehr. Eine Rückkehr nach Deutschland sei keine Option. "Was soll ich jetzt in Deutschland, da habe ich alles aufgegeben für den Dienst an der Weltkirche in Rom." Traurig sei es schon, dass nun kein Deutscher mehr in einem so hohen Kurienamt sei. Das sehe der emeritierte Papst Benedikt genauso: Der sei auch "enttäuscht", dass sein Vertrag nicht verlängert wurde, so Müller.

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