Sie sind hier:

Dritter Geschlechtseintrag - Der Erfolg ist eine "kleine Revolution"

Datum:

Männlich oder weiblich - bald sind das nicht mehr die einzigen Optionen im Geburtenregister. Das Bundesverfassungsgericht fordert eine eigene Kategorie für Intersexuelle.

Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe hat entschieden bis Ende 2018, neben weiblich und männlich, eine weitere Geschlechtsbezeichnung für intersexuelle Menschen zu schaffen.

Beitragslänge:
2 min
Datum:

Jetzt ist es amtlich: Intersexuelle Menschen haben einen Anspruch auf eine dritte Option in der Geschlechter-Frage. In Standesämtern muss nun nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts eine neue Kategorie in Geburtsregistern eröffnet werden. Die Richter in Karlsruhe sehen in der aktuellen Formulierung eine Diskriminierung und einen Verstoß gegen das allgemeine Persönlichkeitsrecht für Personen, deren Geschlecht nicht klar bestimmbar ist.

Menschen wie Vanja zum Beispiel. Als intersexueller Mensch stieß Vanja ständig auf kleine Hürden im Alltag, einfach weil es nie die passende Geschlechtsbezeichnung auf Formularen, Toiletten oder Reisepässen gab. Vanja hatte genug davon und war bereit, Klage einzureichen. Ein offizieller Geschlechtseintrag sollte her. Die Kampagnen-Gruppe "Dritte Option" entstand und zusammen reichten sie im Sommer 2014 einen Antrag im Standesamt Verden ein, Vanjas Geburtsstandesamt. Von hier aus ging der Fall schnell über mehrere Instanzen zum Bundesverfassungsgericht. Vanja und das Team blieben währenddessen nicht untätig: Die Gruppe wollte auch in der Gesellschaft auf das Problem des Geschlechtseintrages aufmerksam machen, hielt bundesweit Vorträge. Am Mittwochmorgen veröffentlichte das Verfassungsgericht dann den Beschluss: Die Klage war erfolgreich.

Ein Klick für den Datenschutz

Erst wenn Sie hier klicken, werden Bilder und andere Daten von Drittanbietern nachgeladen. Ihre IP-Adresse wird dabei an externe Server (Facebook, Google, Instagram, Twitter, etc.) übertragen. Über den Datenschutz dieser Anbieter können Sie sich auf den jeweiligen Seiten informieren. Um Ihre künftigen Besuche zu erleichtern, speichern wir Ihre Zustimmung in einem 'ZDF-Cookie'. Diese Zustimmung können Sie in den Einstellungen unter 'Mein ZDF' jederzeit widerrufen. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Wieso ist die dritte Option so wichtig?

In dieser Gesellschaft hat ein Großteil der Bevölkerung einen Geschlechtseintrag, den sie beispielsweise im Reisepass wiederfinden. Jedoch sei es notwendig, dass dies auch für Personen gilt, die weder Frau noch Mann sind, erklärt Moritz Schmidt, Mitglied der Kampagnen-Gruppe "Dritte Option". Bei den meisten Menschen stößt diese Forderung aber auf Unverständnis. Die Gesellschaft habe nicht akzeptiert, dass Menschen ohne eindeutiges Geschlecht geboren werden können. Viele Kleinkinder werden zwangsweise operiert, damit die Gesellschaft sie in eine der zwei Schubladen stecken kann: Mann oder Frau. "Das ist für die meisten eine traumatische Erfahrung." Daher sei es wichtig, eine rechtliche Anerkennung für Intergeschlechtliche zu schaffen.

Diskriminierung im Alltag

Für Intersexuelle bringt jeder Tag Probleme. Die komischen Blicke der Mitmenschen, die einen nicht zuordnen können, die Formulare in Behörden, die öffentlichen Toiletten. "Ich glaube es gibt für intergeschlechtliche Menschen ganz viele Schlüsselmomente in ihrer Biografie. Wenn ihnen beispielsweise gesagt wird: 'Du passt nicht hierein, irgendwas ist falsch mit dir' oder 'du bist krank'", erzählt Schmidt. Oder wenn eine Klage abgewiesen werde und damit im Staat feststehe: Euch gibt es nicht. "Irgendwann summiert sich das und macht einen mürbe." Für Vanja und die "Dritte Option" war klar: So kann es nicht weiter gehen. Zusammen formulierten sie die Klage, am Mittwoch gab ihnen das Bundesverfassungsgericht recht - ein Durchbruch.

Die Hintergründe zur Entscheidung für die dritte Option

Wie wirkt sich der Entschluss aus?

Nachdem die Gruppe Recht bekommen hat, steht jetzt offen, welche Auswirkungen der Beschluss letztendlich mit sich zieht. Markus Schmidt ist gespannt. "Es wird sich zeigen, was der Gesetzgeber daraus machen wird. Aber natürlich hängen auch im Alltag Folgeregelungen daran. Zum Beispiel die Frage um öffentliche Toiletten, die bisher ausschließlich aus Männer- und Frauentoiletten besteht." Auch geschlechtsgetrennter Sportunterricht, Elternschaft und die Ehe für alle seien Themen, die von nun an neu definiert werden sollten. Im Vorfeld könne man allerdings schwer absehen, welche Regelungen aufgrund des neuen Geschlechtseintrags tatsächlich angepasst werden.

Trotzdem ist das Urteil des Verfassungsgerichts ein großer Schritt. "Tatsächlich glaube ich, dass eine kleine Revolution dadurch angestoßen wurde", sagt Schmidt. Auch Vanja ist sich der Auswirkung des Entschlusses bewusst: "Es ist eine große Freude. Das Gericht hat deutlich gemacht, dass es Menschen gibt, die nicht als Mann oder Frau leben, und dass das keine 'Störung' ist." Laut Gerichtsbeschluss könnten bis zu 160.000 intersexuelle Menschen in Deutschland leben.

Die "Dritte Option" hat ihr Ziel erreicht. Trotzdem ist der Weg bis zur Anerkennung noch lang. Es werde noch viel Regelungsbedarf geben, zu dem weiter gearbeitet werden muss, so Schmidt. Allerdings bringt das Urteil bereits einen Teilerfolg. Die gesellschaftliche Akzeptanz sei schon gestiegen, in den Medien gebe es mehr und mehr Aufmerksamkeit für das Thema. Wie geht es mit Vanja und dem Team weiter? "Erstmal werden wir feiern", lacht Schmidt. Danach werde man sehen, ob und wie man weiter arbeitet. Schritt für Schritt zur gesellschaftlichen Akzeptanz.

Was ist Intersexualität?

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.