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Gespaltene Gesellschaft - Wie finden wir wieder zusammen, Navid Kermani?

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Das Jahr 2019 war, im großen Rahmen gesehen, das vermutlich beste in der Geschichte der Menschheit. Und doch driftet Deutschland auseinander. Die Lösung? Der Versuch einer Antwort.

Claus Kleber im Gespräch mit dem Schriftsteller, Publizist, Philosoph über die Verfasstheit der deutschen Gesellschaft. Am Trennungspunkt von zwei Jahrzehnten gibt es eine Menge zu besprechen. Alarmierendes – aber auch Positives.

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Insgesamt war 2019 ein gutes Jahr. Gemessen an der Gesamtheit leben so wenige Menschen in extremer Armut wie nie zuvor - weniger als zehn Prozent. Zum Vergleich: 1980 waren es noch über 40 Prozent. Auch sind, wieder vorläufig an der Gesamtheit gemessen, noch nie so wenige Kinder gestorben; noch nie konnten so viele Menschen lesen und schreiben.

Und dennoch bleiben Fliehkräfte, die an unserer Gemeinschaft zerren. Die Jungen, die voller Zorn auf die Straße gehen. Ihre Wut richtet sich gegen das Phlegma der Alten, die, so der Vorwurf, den Klimawandel praktisch tatenlos hinnähmen.

Gleichzeitig wartet das Land weiter auf die innere Einheit: Im Osten erklärt man sich oft zum Bürger zweiter Klasse, der Bürger im Westen weiß oft mehr über die Provence als über Sachsen. Und in den immer teureren Städten verstehen die Menschen kaum das Leben auf dem Land, wo es Platz gibt, aber kaum Internet. Arm und Reich. Stand und Land. Jung und Alt. Ost und West.

Wie finden wir wieder zueinander?

Navid Kermani wagt im ZDF-Interview den Versuch einer Antwort. Der Autor setzt seine Hoffnung in die junge Generation. Im Gespräch mit Claus Kleber im heute journal sagt er: "Ich hoffe, dass eine Generation heranwächst, die noch eine Chance hat, das europäische Projekt fortzuführen, dass wir es zumindest noch nicht ganz zerstört haben, wenn die das Ruder übernehmen". Die, die jetzt das Sagen hätten, auch in Europa, hätten immer noch nicht begriffen, welche Stunde geschlagen habe.

Um die Konflikte in Deutschland zu verstehen, helfe ein Blick nach außen. Er beobachte auf der ganzen Welt einen ähnlichen Kernkonflikt: Überall auf der Welt würden sich die Lebensverhältnisse in der Mittelschicht angleichen. Das führe paradoxerweise aber nicht dazu, dass die Menschen kosmopolitischer würden. Sondern im Gegenteil, die Sehnsucht danach, etwas Eigenes zu haben, "etwas, was einen unterscheidet vom anderen", werde größer. Manchmal sei das die Religion, manchmal die Nation, manchmal die Kultur.

Wie kann man damit umgehen, wenn manchen Menschen "das Fremde" zu viel wird? Kermani: "Binnen einer Generation gab es einen demografischen Umbruch. Mittlerweile hat ein Drittel der Deutschen, der hier Lebenden, Eltern, die nicht aus Deutschland kommen". In jedem Land der Welt würde das Ängste hervorrufen. Politisch sei das nicht begleitet worden. Man müsse begreifen, dass Vielfalt, dass Einwanderung, Konflikte erzeuge. Er betont: "Es bietet aber auch viele Chancen".

Kermani: "Geschichte passiert nicht einfach"

Im Verhältnis zu anderen Ländern, würden Konflikte in Deutschland noch friedlich ausgetragen, sagt er und weist auf Konflikte in Frankreich und dem Nahen Osten hin. In Deutschland habe es über viele Jahre keine öffentliche Diskussion über diese Themen gegeben. Dass es auch mal rhetorisch knalle, finde er erst einmal nicht schlimm. "Hauptsache, es bleibt friedlich".

Im Gespräch zeigt sich Kermani auch hoffnungsvoll: "Das Tolle an der Geschichte ist ja, dass sie unvorhergesehen ist. Dass, wenn man glaubt, alles läuft schief, immer wieder auch Dinge passieren, die man nicht erwartet." Er betont: "Geschichte passiert nicht einfach. Geschichte wird gemacht".

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