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30 Jahre Friedliche Revolution - "Wir Deutschen haben uns gegenseitig beschenkt"

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30 Jahre nach der Friedlichen Revolution 1989 sagt Joachim Gauck: "Wir haben uns damals gegenseitig beschenkt". Es gebe nichts Größeres als ein Bürger zu sein.

Gespräch im Kubus, diesmal mit Bundespräsident a.D. Joachim Gauck.

Beitragslänge:
4 min
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Andreas Postel: Ich erinnere an den 6. Dezember 1989 als Willy Brandt in die (Rostocker) Marienkirche kam und sagte, es wird keine Wiedervereinigung geben, weil sich das, was mal war nicht wieder vereinigt, sondern dass etwas Neues entsteht und darauf hatte er Lust. Ist diese Aufbruchsstimmung 30 Jahre später so überhaupt noch zu transportieren?

Joachim Gauck: Es sind prägende Erfahrungen, die unterschiedlich sind, die haben wir uns nicht gesucht, aber  gemacht. Und das ist der Unterschied zwischen Ostdeutschland und Westdeutschland. Wenn Du seit der Nachkriegszeit in einer Schule, die wirklich eine breite Vielfalt lehrt, in Unis, wo die Wissenschaft nicht gelenkt wird, mit Medien, die nicht zensiert werden, mit richtigen Gewerkschaften, mit richtigen Parteien, wenn du eine Fülle, ein ganzes Ensemble von Mitwirkungsmöglichkeiten hast, verändert sich dein Status in der Gesellschaft.

Du bist dann nicht nur einer, der gelebt wird, sondern, wenn Du willst, kannst du mitwirken. Und wir hatten diese Zeit nicht, wir haben diese Zeit der Herausbildung einer Zivilgesellschaft seit 1990.   Dadurch entsteht im Grunde diese Andersartigkeit der politischen Kultur in Ost- und Westdeutschland. Das wird sich in ein, zwei, drei Jahrzehnten erledigen, weil dann unsere Bevölkerung diese Lernprozesse in Richtung Zivilgesellschaft auch hinter sich hat.

Postel: Sie sagen ja immer, die Freiheit der Erwachsenen ist Verantwortung. Was meinen Sie in diesem 30. Jahr, in dem Diskussionen oft stark aufgeladen sind, durch neue aufkommende populistische Strömungen und nationalistische Strömungen, wie stark muss da Verantwortung genommen werden in der Freiheit und ist das nicht vielfach Angst, auch vor der Globalisierung?

Gauck: Das sind Menschen, die Sorge haben, dass diese Zukunft in Freiheit,  in Eigenverantwortung zu gefährlich ist. Und dass es besser sei in erprobten Einheiten und mit den Erfahrungen, die wir früher hatten, Politik zu machen. Und wenn diese Parteien nun demokratisch sind, und einige werden es, bei anderen muss noch was passieren, dann gibt es sehr interessante öffentliche Debatten. Und das ist unsere Zukunftsaufgabe.

Dass wir uns vorbereiten auf das, was wir mitbringen an Freiheitsliebe, das übersetzen in Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen - wie es mehr als die Hälfte der Ossis tut. Wir sprechen ja nicht über die Ossis, die haufenweise unsere Städte und Dörfer regieren, in Parlamenten sitzen, Unternehmen haben oder so was. Sondern wir sprechen fortwährend über die, die irgendwo Schmerzen hatten, als sei das die Mehrheit.

Postel: Ich ahne, was Sie auf die Frage antworten, wenn man Sie nach einer Ossi-Quote fragt …

Gauck: Geht’s noch? ... Ich möchte keine Ossiquote. Ich möchte, dass es so bleibt, wie es ist. Dass wir die Möglichkeiten, die wir errungen haben und die uns zustehen nach unserer Verfassung, dass wir die nutzen. Und wenn es in diesem Land genügend Menschen gibt, die diese Möglichkeiten, die ihnen das Land gibt, wahrnehmen, dann erübrigt sich die Frage nach der Quote.

Postel: Was wünschen Sie sich für die Erinnerung  nach 30 Jahren friedlicher Revolution?

Gauck: Da habe ich mal gesagt, wir Deutschen haben uns eigentlich gegenseitig beschenkt. Die Ostdeutschen haben dem ganzen Deutschland diese Erfahrung gegeben, Freiheit selbst errungen und erkämpft zu haben. Und die Westdeutschen haben uns in eine Demokratiegeschichte und in eine Geschichte des wirtschaftlichen Aufbaus und der sozialen Marktwirtschaft einbezogen. Eigentlich haben wir einander viel gegeben. Und ich wünschte, dass wir uns das gemeinsam deutlich machen. Und dabei unsere Rolle niemals zu klein einschätzen, es gibt eigentlich nichts Größeres als ein Bürger zu sein.

Andreas Postel ist Leiter des ZDF-Landesstudios Thüringen.

Das Gespräch im Kubus ist eine Kooperation des ZDF-Landesstudios Thüringen mit der Stiftung Ettersberg, die sich mit der Erforschung europäischer Diktaturen und der Aufarbeitung der SED-Diktatur beschäftigt. Außerdem beteiligt ist die Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, mit freundlicher Unterstützung von Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V.

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