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Ex-Neonazi über die rechte Szene - "Die wollen jetzt noch mehr erreichen"

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Neun Jahre lang war Felix Benneckenstein Teil der rechten Szene. Was er in diesen Tagen in Chemnitz beobachtet, schockiert den Aussteiger. Er glaubt: Das war noch nicht alles.

Demonstranten der rechten Szene in Chemnitz
Demonstranten der rechten Szene in Chemnitz Quelle: dpa

Felix Benneckenstein ist derzeit viel auf YouTube unterwegs. Stundenlang schaut er sich die gleichen Szenen aus Chemnitz an, immer wieder aus anderen Perspektiven. "Das ist eine Entwicklung", sagt Benneckenstein und zögert kurz, "die löst schon Angst aus".

Benneckenstein, 31 Jahre alt, beobachtet die Ausschreitungen in Chemnitz genau. Noch vor ein paar Jahren hätte er die Machtdemonstration der rechten Szene begrüßt. Neun Jahre lang war Benneckenstein ein Teil von ihr, ein überzeugter Neonazi. Am Ende ist er gemeinsam mit seiner Frau Heidi ausgestiegen. Heute helfen die beiden anderen Menschen beim Ausstieg. "Wenn ich bei diesem Aufmarsch in Chemnitz dabei gewesen und erkannt worden wäre, dann wäre das sehr, sehr schlecht für mich ausgegangen", ist Benneckenstein überzeugt.

heute.de: Bleiben die Ausschreitungen von Chemnitz in diesem Ausmaß ein einmaliges Ereignis? 

Benneckenstein: Ich weiß, dass man in der Szene das Gefühl hat: Der Rechtsstaat kapituliert langsam. Für die ist das ein erster Schritt zu einer Revolution. Die wollen jetzt noch mehr erreichen.

heute.de: Wie lässt sich das wieder einfangen?

Benneckenstein: Das ist schwierig. Diese Leute lassen sich nicht wegdiskutieren. Aus der rechtspopulistischen Strömung ist längst eine Bewegung geworden, flächendeckend, in fast ganz Deutschland. Die Menschen, die am Rand so einer Demonstration stehen, die vielleicht auch Angst haben, mit denen muss man diskutieren. Man darf das Reden ja nicht aufgeben, niemanden ausgrenzen. Aber man darf auch nicht zu viel erwarten. Und gerade während der Aufmärsche ist ein Diskutieren so gut wie gar nicht möglich. Gerade in der Hooligan-Szene werden solche Tage offensiv beworben. 'Da wird es knallen, da sind wir entsprechend aufgestellt.' Da kommen viele nur wegen der Aussicht, ihre Gewalt ausleben zu können.

Gibt es ein Patentrezept?

Man erhofft sich von Benneckenstein ein Patentrezept. Eine Musterlösung, wie aus Rechtsextremen wieder normale Bürger werden. Er hat das schließlich auch geschafft. Doch wer den Aussteiger danach fragt, was Politik und Zivilgesellschaft tun können, erfährt schnell: die Möglichkeiten sind rar.

heute.de: Viele suchen derzeit einen Schuldigen. Jemanden, der dafür verantwortlich ist, dass das rechte Gewaltpotenzial in Sachsen – aber auch anderswo – so groß geworden ist. Für einige ist dieser Schuldige der Staat. Für andere ist es mangelnde politische Bildung. Für wieder andere Perspektivlosigkeit. Was glauben Sie?

Benneckenstein: Das Problem ist: Wir müssen das individuell betrachten. Das ist schwierig, gerade bei einer so großen Menge wie in Chemnitz. Da können wir nicht von den einzelnen Menschen erfahren, warum sie dort stehen. Es gibt zwar verschiedene Katalysatoren, die das Abdriften in die Szene beflügeln. Wirtschaftliche Ängste und Sorgen spielen da bestimmt eine Rolle.

Aber wir müssen auch sehen, dass da Strukturen am Werk sind, die über Jahrzehnte gewachsen sind. Allein die ostdeutsche Hooligan-Szene. Da wurde oft weggesehen, die konnten ungestört agieren. Und nachdem sich die Hooligans 2014 mit ihrem Protest gegen Salafisten politisiert und erstmals über Vereinsgrenzen hinweg zusammengeschlossen haben, haben wir es nun mit einer großen, sehr, sehr beängstigenden Masse an Menschen zu tun. Das ist ein Mob, der Straßenkampf-Erfahrung ohne Ende hat - und sich bei Pegida-Demonstrationen immer wieder als starker Beschützer der Wutbürger aufspielen konnte. 

heute.de: Aber wie soll der Staat, sollen Lehrer, die Zivilgesellschaft darauf reagieren? Auch um zu verhindern, dass noch mehr Menschen in die rechte Szene abdriften?  

Benneckenstein: Zunächst einmal: Bei denen, die sich schon radikalisieren, sind Lehrer und andere Vertreter des Staats im Grunde genommen machtlos. Die nimmt man nicht mehr als Autoritätspersonen wahr.

Dennoch haben gerade Lehrer eine wichtige Aufgabe. Sie müssen sich mit den Inhalten auseinandersetzen, den Jugendlichen die Parolen der Neonazis erklären. Denn früher oder später kommen sie sowieso damit in Berührung, gerade in Regionen wie Chemnitz. Wenn Neonazis dann die Chance haben, das Hitler-System als Sozialismus auf nationaler Grundlage zu verharmlosen, von einer 'Volksgemeinschaft' schwärmen dürfen – dann lösen sie bei vielen Jugendlichen einen 'Aha-Effekt' aus. Den hatte ich beim Einstieg auch. Ich dachte: Das sind ja gar nicht die bösen Leute. Die gehen für Frieden auf die Straße. Gegen Drogen. Gegen Sexualstraftaten. Diese Parolen zu erklären – das wäre enorm wichtig.

heute.de: Und die Radikalen? Soll der Staat da tatsächlich machtlos sein?

Benneckenstein: Die Politik hat jahrelang hingenommen, das immer mehr Bürger das Gefühl haben: 'Die vertreten uns gar nicht mehr.' Diese lange aufgebaute Politikverdrossenheit lässt sich nicht mit ein, zwei Ratschlägen ändern. Wichtig ist nur, dass wir jetzt nicht wegschauen. Auch wenn es unangenehm ist. Die Hetzjagden am Sonntag waren zwar schon sehr extrem. Was in Chemnitz passiert ist, ist meiner Meinung nach aber noch steigerungsfähig.

Gerade die Hooligan-Szene wird versuchen, demnächst noch einen Schritt weiterzugehen. Es gab ja schon heftige Warnschüsse, etwa als 200 Hooligans Leipzig-Connewitz zerlegt haben. Da muss der Rechtsstaat durchgreifen. Und auch der Verfassungsschutz. Ich habe zu oft das Gefühl, dass Neonazis nur als Neonazis gelten, wenn sie sich auf Nazidemos blicken lassen – und sonst tun und lassen können, was sie wollen.

"Es wurde ein Selbstläufer"

Im Gespräch erzählt Felix Benneckenstein auch viel über seinen eigenen Werdegang. Aufgewachsen in einem weltoffenen Milieu, mit 13 dann der Umzug nach Erding bei München. Benneckenstein rebelliert gegen Autoritätspersonen, bricht das Gymnasium ab, am Ende sogar die Hauptschule. "Das muss man erstmal schaffen", sagt er heute. In seiner Clique gibt es einen Rechtsruck. Hitler, das Dritte Reich – anfangs reagiert er darauf noch ablehnend.

Benneckenstein hat einen Bruder mit Down Syndrom, er weiß, was in der NS-Zeit mit Menschen geschah, die anders waren. Doch auf der Suche nach Antworten wendet er sich an die Falschen – an überzeugte Neonazis. Deren Geschichts-Revisionismus überzeugt ihn, "ich wollte überzeugt sein, dass alles ganz anders war", sagt Benneckenstein.

Hätte niemand in seinem persönlichen Umfeld ihn abhalten können? Müssen nicht Eltern, Freunde und Familie da einspringen, wo Politiker, Lehrer und andere machtlos sind? Bei ihm gab es Momente, da wäre ein Umdenken möglich gewesen, glaubt Benneckenstein. In der Anfangszeit, zu Beginn der Radikalisierung. "Doch danach wurde es ein Selbstläufer", sagt er.

Benneckenstein: Ich habe mich von meiner Familie abgekapselt. Die hatten keinerlei Einfluss mehr darauf. Dabei haben meine Eltern durchaus versucht, was empfohlen wird: Die Tür zum Elternhaus nicht ganz zu schließen, immer wieder versuchen, das anzusprechen. Aber das ist bei mir nur eskaliert.

heute.de: Und wenn Freunde Sie angesprochen haben?

Benneckenstein: Die haben auch nur bis zu einem bestimmten Punkt Einfluss. Natürlich muss man versuchen, mit dem Menschen zu diskutieren. Allein schon für das eigene Gewissen. Aber der neue Freundeskreis wächst ja mit der Radikalisierung mit. Und um sich nicht selbst komplett aufzuopfern, muss man auch auf dem Schirm haben: Der natürliche Prozess von Radikalisierung ist nicht die Deradikalisierung. Der Ausstieg ist nicht der logische Weg, sondern das weitere Abdriften.

Wer aus der rechten Szene aussteigen will, findet bei Exit Deutschland Ansprechpartner.  

Der Autor auf Twitter: @waskevinsagt.

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