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Zwischen Macht und Ohnmacht

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Häusliche Gewalt - Zwischen Macht und Ohnmacht

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Jeden dritten Tag stirbt hierzulande eine Frau durch einen gewalttätigen Partner. Viele denken, häusliche Gewalt könnte sie nie treffen, doch dahinter steckt eine komplexe Dynamik.

Von Gewalt betroffene Frauen sollen nach Vorstellungen von Bundesfamilienministerin Franziska Giffey in Zukunft einen Rechtsanspruch auf einen Platz im Frauenhaus erhalten. Im Moment gebe es aber nicht genügend Plätze.

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"Naja, er ist halt immer etwas komisch, wenn er was getrunken hat." Oder: "Er kann es eben nicht leiden, wenn ich diesen kurzen Rock trage." Es sind solche Sätze, die die Sozialarbeiterin Eva Inderfurth oft hört. Sätze, die verschleiern sollen, was in der Partnerschaft wirklich los ist. Sätze, die gesagt werden, um sich nicht mit der drückenden Wahrheit beschäftigen zu müssen: Opfer häuslicher Gewalt geworden zu sein.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir alle Menschen im Umfeld haben, denen häusliche Gewalt passiert ist.
Eva Inderfurth, Sozialarbeiterin

"Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir alle Menschen im Umfeld haben, denen häusliche Gewalt passiert ist", sagt Inderfurth heute.de. Sie arbeitet bei der Frauenberatungsstelle Düsseldorf und kennt die Schicksale hinter den Zahlen, die auf nüchterne Weise zeigen, wie groß das Problem von Gewalt gegen Frauen in Deutschland tatsächlich ist. Heute hat das Bundeskriminalamt ihre Statistik für 2018 veröffentlicht.

  • Jeden dritten Tag stirbt eine Frau durch häusliche Gewalt. 2018 waren es 122.
  • Jeden Tag versucht mindestens ein Mann, seine Partnerin oder Ex-Partnerin zu töten.
  • 2018 wurden in Deutschland mehr als 140.000 Menschen Opfer von Gewalt in der Partnerschaft, davon 81 Prozent Frauen.

Nur jede fünfte Betroffene sucht Hilfe

Familienministerin Franziska Giffey geht davon aus, "dass nur 20 Prozent der Betroffenen Hilfe suchen". Die Frage bleibt: Wann ist man "betroffen"? Die EU beschreibt das so:

Das würde mir nie passieren?

Es geht nicht darum, dass Menschen blöd sind und es ist auch selten so, dass sofort der erste Schlag oder die erste Gewalttat stattfindet.
Eva Inderfurth, Sozialarbeiterin

"Ganz häufig sind Frauen bei uns, die sagen: 'Ich hätte nie gedacht, dass mir das passiert'", erzählt Inderfurth. Doch hinter häuslicher Gewalt stecke eine Dynamik, die viel komplexer sei, als von außen betrachtet. "Es geht nicht darum, dass Menschen blöd sind und es ist auch selten so, dass sofort der erste Schlag oder die erste Gewalttat stattfindet. Meistens fängt es viel subtiler an", erklärt sie. "Die betroffenen Frauen befinden sich auf einmal in einer Situation, in die sie selbst nicht fassen können, hineingeraten zu sein."

In der Frauenberatungsstelle trifft Inderfurth auf Frauen jeglichen Alters, jeglicher sozialer Schicht: "Von ganz jungen Frauen bis über 80-Jährige, ohne und mit Migrationshintergrund, aus Leitungsebenen, mit Arbeitslosengeld-Bezug, ohne und mit Behinderung." Sie sagt: "Häusliche Gewalt macht nirgendwo Halt."

Wieso reden so viele Frauen nicht? Auch dafür sind die Gründe nach Angaben der Sozialarbeiterin sehr vielschichtig. Viele Täter würden sich im Umfeld ganz anders benehmen als unter vier Augen. Oft seien sie liebende Familienväter, sehr freundlich, charmant, witzig und gebildet. "Männer, in die sich die Frauen irgendwann mal verliebt haben und wo es auch gute Phasen gibt. Aber dann gibt es eben auch die Phasen, die zum Teil lebensgefährlich sind."

Scham, Isolation, Angst

Was der Gewalt zu Grunde liegt, ist ein Machtkampf. Es geht um Macht und Ohnmacht.
Eva Inderfurth, Sozialarbeiterin

Diese Lebensgefahr mache einen weiteren wesentlichen Grund aus, der dazu führe, dass Frauen sich nicht trauten, Hilfe zu suchen. Wenn die Opfer isoliert seien, keinen Kontakt mehr nach außen hätten, ihr Selbstwert so demontiert sei, dass sie glaubten, nichts mehr alleine zu schaffen, und ihnen dann noch mit dem eigenen Tod oder dem Tod ihrer Familienmitglieder gedroht würde, "dann kann das so bedrohlich sein, dass es einem gar nicht möglich ist, den Schritt zu wagen und sich Hilfe zu suchen", erläutert Inderfurth.

Das Schlimme sei, dass die Angst oft berechtigt, die Drohungen meistens real seien. Die Zahl der Tötungsdelikte bestätigt das. "Was der Gewalt zugrunde liegt, ist ein Machtkampf. Es geht um Macht und Ohnmacht", sagt Inderfurth.

Dass es ein großes Hilfs- und Schutzangebot gibt, sei außerdem vielen Frauen nicht bekannt. Auch das sei etwas Typisches: "Solange es uns nicht betrifft, beschäftigen wir uns nicht damit", sagt Inderfurth. Das soll der heutige internationale Tag gegen Gewalt an Frauen ändern.

Stefanie

Gewalt gegen Frauen -
"Kein Zustand, den man Liebe nennen kann"
 

Stefanie ist 34, lebt in Berlin und schreibt auf Instagram. Über ihr Leben, ihren Heilungsprozess und ihre Vergangenheit mit einem gewalttätigen Mann. Ihre Geschichte.

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