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Gewalt gegen Frauen in Kriegen - Hohe Dunkelziffer der Opfer

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Deutschland will seinen Vorsitz im UN-Sicherheitsrat nutzen, Frauen vor Gewalt in bewaffneten Konflikten besser zu schützen. Eine Bestandsaufnahme der aktuellen Situation.

Frau steht in Zelt eines Flüchtlingslagers
(Archivbild)
Quelle: dpa

Gewalt gegen Frauen in bewaffneten Konflikten - was versteht die UN darunter?

Laut den Vereinten Nationen (UN) umfasst Gewalt gegen Frauen in bewaffneten Konflikten alle Formen von geschlechtsspezifischer physischer, sexueller und psychologischer Gewalt, die zeitlich, geographisch oder kausal mit einer bewaffneten Auseinandersetzung verbunden sind.

Die Gewalttaten können sowohl von staatlichen als auch nicht-staatlichen Akteuren ausgeübt werden. Mord, Folter, Vergewaltigungen, angeordnete Schwangerschaftsabbrüche und Zwangsprostitution sind Beispiele von konfliktverbundener Gewalt. Der UN-Generalsekretär veröffentlicht jährlich einen Bericht zu konfliktbezogener sexueller Gewalt (der Bericht für 2018).

Welche Rolle spielen Vergewaltigungen als Waffe im Krieg?

Eine neue Dimension sexualisierter Gewalt gegen Frauen sei der Einsatz der Massenvergewaltigung von Frauen als Kriegswaffe, sagt Godula Kosack, Vorstandsvorsitzende der Frauenschutzorganisation Terre des Femmes. Massenvergewaltigungen wurden erklärtermaßen im Balkankrieg gegen die muslimische bosnische Bevölkerung eingesetzt. Laut UN wurden während dieses Konflikts in den frühen 1990er Jahren 20.000 bis 50.000 Frauen vergewaltigt.

KFOR-Soldaten im Kosovo (Archiv 2001)
KFOR-Soldaten im Kosovo (Archiv 2001)
Quelle: dpa

Selbst diejenigen, die zum Schutz der Zivilbevölkerung in Kriegsgebieten eingesetzt sind, beteiligen sich manchmal an Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Zwischen 2004 und 2016 soll es weltweit 2.000 Fälle gegeben haben, bei denen Frauen und Kinder von Blauhelmen aus den UN-Friedenstruppen vergewaltigt wurden. Inge Bell, stellvertretende Vorstandsvorsitzende von Terre des Femmes, deckte den Missbrauch minderjähriger Zwangsprostituierter durch deutsche KFOR-Soldaten im Jahr 2000 auf. Die Soldaten waren im Friedenseinsatz in Mazedonien stationiert.

Genaue Opferzahlen gibt es allerdings nicht. Viele Vergewaltigungen werden häufig nicht angezeigt, weil die Opfer keinen Zugang zu einem funktionierenden Rechtssystem haben oder weil sie einer zweiten Stigmatisierung entgehen wollen. Die Dunkelziffer ist daher hoch.

Welche Daten erhebt die UN zu sexueller Gewalt in Konfliktgebieten?

Der aktuelle Bericht des UN-Generalsekretärs zu sexueller Gewalt in Konflikten berücksichtigt 19 Konflikt- und Postkonfliktländer, über die glaubhafte und verifizierbare Informationen verfügbar sind, und listet 47 staatliche und nichtstaatliche Gruppen auf, die glaubhaft verdächtigt werden, systematische Vergewaltigungen oder andere Formen sexueller Gewalt in Konflikten begangen zu haben.

Die Daten wurden durch spezielle Monitoring- und Analyseinstrumente der UN gesammelt. Im aktuellen Bericht werden Zahlen zu den von den UN dokumentierten Fällen in Afghanistan, der Zentralafrikanischen Republik, Kolumbien, der Demokratischen Republik Kongo, Irak, Libyen, Mali, Myanmar, Somalia, Südsudan, Sudan (Darfur), Syrien und Yemen genannt. Daraus lässt sich aber wegen der hohe Dunkelziffer keine weltweite Statistik ableiten. Allein in der Demokratischen Republik Kongo gibt es laut UN jeden Monat 1.100 Vergewaltigungen; jeden Tag werden im Durchschnitt 36 Frauen und Mädchen vergewaltigt.

Was unternehmen Helfer vor Ort?

Friedensnobelpreisträger Denis Mukwege hilft seit Jahren in seinem Krankenhaus Vergewaltigungsopfern. Im Interview erklärt er, was sich seiner Meinung nach ändern muss.

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5 min
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Im vergangenen Jahr erhielten Denis Mukwege und Nadia Murad den Friedensnobelpreis für ihren Kampf gegen sexualisierte Gewalt in bewaffneten Konflikten. Denis Mukwege engagiert sich für Opfer sexualisierter Gewalt und verurteilt immer wieder die Straflosigkeit für Massenvergewaltigungen. Er operiert im Ostkongo Opfer von Vergewaltigungen. Mukwege gilt als weltweit führender Experte für die Behandlung von Verletzungen durch Gruppenvergewaltigungen und als Aktivist gegen sexuelle Gewalt. Die Jesidin Nadia Murad überlebte 2014 den Genozid des Islamischen Staats (IS) an den Jesiden und ist seit 2016 die erste UN-Sonderbotschafterin für die Würde der Überlebenden.

Welche Schwerpunkte setzt die UN-Sonderbeauftragte?

2009 wurde zum Thema sexualisierte Gewalt in bewaffneten Konflikten die Position einer Sonderbeauftragten des UN-Generalsekretärs geschaffen: Special Representative of the Secretary-General on Sexual Violence in Conlict. Seit Juni 2017 bekleidet Pramila Patten aus Mauritius das Amt im Rang einer UN-Untergeneralsekretärin.

UN-Sonderbeauftragte Pramila Patten
UN-Sonderbeauftragte Pramila Patten
Quelle: imago

Ihre Prioritäten sind unter anderem: Die Praxis der Straffreiheit bei sexuellen Gewalttaten in Konflikten soll beendet werden. Staaten, die Strategien gegen Gewalt in bewaffneten Konflikten entwickeln und durchsetzen, sollen von den UN unterstützt werden. Die Öffentlichkeit soll für das Thema sensibilisiert werden.

Welche Rolle spielen Frauen in Friedensprozessen?

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Friedensabkommen mindestens zwei Jahre Bestand hat, steigt laut UN um 20 Prozent, wenn Frauen in den Friedensprozess einbezogen werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Abkommen 15 Jahre hält, steige sogar um 35 Prozent. Das sind Gründe, warum Frauen stärker als bislang in Lösungen für bewaffnete Konflikte einbezogen werden sollen.

2018 waren in den UN-Hauptabteilungen Friedenssicherungseinsätze und Politische Angelegenheiten 41 Prozent Frauen in Leitungspositionen. Das waren 13 Prozent mehr als 2017. Der Anteil von Frauen in militärischen Truppen bei UN-Friedensmissionen lag allerdings bei nur vier Prozent, bei Polizeiaktionen der UN zur Friedenssicherung waren zehn Prozent Frauen beteiligt. 2018 leiteten drei von 16 UN-Friedensmissionen mit Polizeikomponenten Frauen. In militärischen UN-Friedenseinsätzen gab es nur eine Befehlshaberin.

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