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Aktivistin im Interview - "Wir sehen nur die Spitze des Eisbergs"

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Die Welt ist sehr unsicher für Frauen, sagt die Ärztin und Aktivistin Monika Hauser im heute.de-Interview. Sie fordert ein Ende von struktureller Gewalt und ihrer Verschleierung.

Archiv: Frauen der muslimischen Minderheit der Rohingya überqueren am 28.09.2017 in Teknaf, Bangladesch, im Regen mit ihren Kindern ein schlammiges Feld
Quelle: dpa

heute.de: Aktuell häufen sich international die Nachrichten über sexualisierte Gewalt gegen Frauen. Was zeigen die prominenten Beispiele?

Monika Hauser: Wir sehen immer nur die Spitze des Eisbergs, wenn so was an die Öffentlichkeit kommt. Die Gewalt ist immer da, vollzieht sich aber vor allem im Verborgenen. Es zeigt sich auch, dass wir nach wie vor in männerdominierten Strukturen leben, die solche Gewalt erst ermöglichen, denn zu viele Männer nutzen ihre Macht aus, indem sie übergriffig werden.

heute.de: Mit Ihrer Organisation medica mondiale kümmern Sie sich seit fast 25 Jahren um weibliche Überlebende von Gewaltverbrechen. Ist die Welt für Mädchen und Frauen in dieser Zeit sicherer oder gefährlicher geworden?

Hauser: Auch in Deutschland gibt es trotz juristisch sicherer Lage noch viel Gewalt. Mit Blick über den Tellerrand hinaus sehe ich die Lage leider noch düsterer. Die Welt ist in vielen Teilen sehr unsicher für Mädchen und Frauen geworden. Wir erleben eine Vielzahl von Konflikten und in Kriegsgebieten weiter extremste Formen meist sexualisierter Gewalt gegen Frauen.

heute.de: Sie beklagen, dass die politisch Verantwortlichen trotz internationaler Abkommen zu wenig tun, um dies zu verhindern. Aber wie können Frauen in solchen Gebieten effektiv geschützt werden?

Hauser: Die UN-Resolution 1325 aus dem Jahr 2000 sieht den Schutz von Frauen vor sexualisierter Kriegsgewalt vor, ebenso ein stärkeres Mitwirken von Frauen an Konfliktlösungen, Friedensverhandlungen und der Strafverfolgung der Täter. Das ist ein wichtiges Werkzeug, es muss aber auch genutzt werden. Stattdessen trägt falsche internationale Politik mit dazu bei, dass Lage für Mädchen und Frauen so unsicher geworden ist.

heute.de: An was denken Sie konkret?

Hauser: Internationale Militärinterventionen etwa in Afghanistan, Irak und Libyen treiben die Konflikte an statt zu einer Befriedung beizutragen. Oder es ist doch Wahnsinn, wenn wir Saudi-Arabien aufrüsten und das Land führt dann im Jemen Krieg. Lebensräume werden zerstört, Frauen vergewaltigt. Waffenexporteure sind mitschuldig an solchen Katastrophen. Wenn Frauen vor solchem Grauen fliehen, sind sie weiter extremen Gefahren ausgesetzt. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass sie auf der Flucht Gewalt erleben und vergewaltigt werden, ist extrem hoch.

heute.de: Sie haben gesagt, dass heute die Sicherheitslage der Frauen heute in weiten Teilen der Welt "düster" sei. Warum ist das so?

Hauser: Eine neoliberale Wirtschaftspolitik, die auf reine Gewinnmaximierung ausgerichtet ist, hat in vielen Ländern verheerende Folgen für die Schwächsten der Gesellschaft und das heißt für Mädchen und Frauen: Noch mehr Gewalt und noch unsicherere Lebensbedingungen. Sie müssen sich in sehr gefährliche Abhängigkeiten begeben, um überleben zu können. Es ist ein Teufelskreis, der nur durchbrochen werden kann durch einen Paradigmenwechsel, ein Ende struktureller Gewalt.

heute.de: Inwiefern erleben Sie bei Ihrer Arbeit Solidarität von Männern in stark patriarchalisch geprägten Ländern?

Hauser: Häufig erleben wir zunächst eine reservierte bis ablehnende Haltung, aber wenn wir etwa Beamte auf ihre Familiensituation ansprechen, auf ihre Töchter, dann bekommen sie oft offene Ohren und werden zu Unterstützern. In Afghanistan etwa haben wir auch Trainings über Frauenrechte gemacht mit religiösen Autoritäten. Die haben dann angefangen zu predigen, dass Gewalt gegen Frauen verwerflich ist. Ein Beispiel dafür, dass nicht alles düster ist.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

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