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Gewalt gegen Homosexuelle - Das unterschätzte Problem

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In der Ehe sind Homosexuelle seit diesem Jahr gleichgestellt. Doch an flächendeckender Akzeptanz fehlt es weiterhin. Hassmotivierte Taten zeigen: Homophobie bleibt ein Problem.

Kriminalität und Gewalt (Symbolbild)
Gewalt gegen Homosexuelle - ein unterschätztes Problem. Quelle: dpa

Berlin, Tempelhof, der 9. September, es ist 4:30 Uhr. Ein 43-Jähriger will einen Club betreten, in dem er in der Nacht bereits gefeiert hat. Doch der Türsteher verwehrt ihm den Wiedereintritt. Er beleidigt den Mann homophob, schlägt ihm schließlich die Faust in den Bauch. Anschließend schubst er ihn so stark, dass der Mann zu Boden fällt und mit dem Kopf auf den Gehweg schlägt.

Berlin, Pankow, der 13. Mai. Zwei Frauen küssen sich gegen 18 Uhr im Außenbereich eines Cafés in der Kopenhagener Straße. Ein Radfahrer hält an, um die Frauen homophob und volksverhetzend zu beschimpfen. Danach fährt er unerkannt weiter.

Berlin, Neukölln, der 27. Mai. Ein 35-Jähriger wird mitten am Tag auf dem Hermannplatz aus einer Gruppe heraus beleidigt. Die Frauen und Kinder beschimpfen ihn wegen seiner sexuellen Orientierung. Die Männer schlagen und treten ihn, knicken einen seiner Finger um. Erst als eine Passantin ihn in ein nahe gelegenes Lokal bringt, ist er in Sicherheit.

Beispiele zeigen: Homophobie bleibt Problem

Drei Beispiele aus der Hauptstadt, die sich nach Zeugenaussagen in diesem Jahr so zugetragen haben - und die zeigen: Homophobie bleibt ein Problem. Auch 2017, im Jahr der Ehe für Alle.

Markus Ulrich weiß das. Er ist Sprecher des Lesben- und Schwulenverbands Deutschland (LSVD) und kennt die aktuellen Kriminalstatistiken, die einen kontinuierlichen Anstieg der homophob motivierten Straftaten hierzulande nahelegen. Registrierte das Bundesinnenministerium im ersten Halbjahr 2016 noch 102 Fälle, waren es im ersten Halbjahr 2017 bereits 130, darunter 26 Körperverletzungen und 25 Volksverhetzungen. Die Zahlen sind noch nicht endgültig: Es handele sich nur um "vorläufige Fallzahlen", heißt es aus dem Ministerium, die sich bis zum Meldeschluss am 31. Januar 2018 noch verändern könnten.

Hohe Dunkelziffer bei homophober Gewalt

Für Ulrich sind die Zahlen so oder so nur die Spitze des Eisbergs. "Das sind Mindestwerte", sagt er, "die Dunkelziffer ist vermutlich hoch". Er nennt mehrere Gründe, warum die offiziellen Statistiken seit Jahren nur niedrige Fallzahlen vorweisen.

"Da ist zunächst mal die Anzeigebereitschaft der Opfer", sagt Ulrich. "Wenn mich jemand auf offener Straße als Schwuchtel beleidigt - gehe ich deswegen zur Polizei? Finde ich, dass es den Aufwand wert ist? Weiß ich überhaupt, dass es eine Straftat ist?", listet Ulrich mehrere Faktoren auf. "Bei vielen älteren Opfern kommt hinzu, dass sie noch Erfahrungen mit staatlicher Verfolgung gemacht haben", sagt der LSVD-Sprecher. "Die haben die Polizei nicht immer als Freund und Helfer wahrgenommen, und unter Umständen Angst, nun nicht ernstgenommen zu werden, noch einmal diskriminiert zu werden."

Doch selbst wer als Opfer homophober Gewalt den Schritt zur Polizei wage, werde nicht zwangsläufig als Opfer homophober Gewalt in die Datenbank aufgenommen, sagt Ulrich. "Der Punkt ist doch: Auf wen treffe ich bei der Polizei?" Nicht immer würden alle Motive abgefragt und erhoben, sagt Ulrich. Dabei sei das entscheidend. "Das Motiv Homophobie muss vom Opfer benannt, aber auch von der Polizei erfragt werden, damit der Fall als politisch motivierte Straftat registriert wird", sagt Ulrich. Für viele Polizisten sei das noch realitätsfern. "Jahrelang war politisch motivierte Kriminalität entweder Links- oder Rechtsextremismus. Hasskriminalität ist noch zu jung, um in allen Köpfen angekommen zu sein", sagt er.

Berliner Projekt wertete allein 2016 Hunderte Fälle aus

Dass diese Hürden tatsächlich existieren, beweist Maneo, ein schwules Anti-Gewalt-Projekt in Berlin. Schwule und Lesben, die von homophober Gewalt betroffen sind, können das dort melden. Allein im Jahr 2016 vernahm Maneo 632 Meldungen und Hinweise auf neue Fälle, die meisten aus Berlin. 353 konkrete Fallmeldungen wurden schließlich ausgewertet. Das Ergebnis: 102 Fälle von teils gefährlichen Körperverletzungen; 79 Nötigungen und Bedrohungen; 68 Beleidigungen, darunter auch Volksverhetzungen. Außerdem: zehn Fälle von sexueller Nötigung, auch Vergewaltigungen, sowie vier Tötungsdelikte.

Diese Zahlen zeigen: Allein in der Hauptstadt gab es 2016 mindestens drei Mal mehr homophob motivierte Straftaten, als das Bundesinnenministerium in ganz Deutschland registrierte. Eine Dimension, die eine gewaltige Dunkelziffer vermuten lässt.

Ulrich: Bildung gegen Homophobie

Um das Problem besser zu erfassen, fordert Ulrich unter anderem eine bessere Ausbildung von Polizisten. "Die Polizei darf nicht nur in Großstädten sensibilisiert werden", sagt Ulrich. "Sie muss auch mal den Kontakt zur Community suchen, um zu sagen: 'Ihr könnt zu uns kommen, wir nehmen euch ernst.'"

Aber Ulrich weiß auch, dass das Kernproblem ein anderes bleibt - die Homophobie grundsätzlich. "Wir kommen nicht homophob auf die Welt", sagt er. "Wir lernen die Abwertung von Schwulen, Lesben, queeren und transgeschlechtlichen Identitäten erst." Das ließe sich mit einer besseren Bildung verhindern. "Wir müssen uns darüber hinwegsetzen, wie Männer und Frauen zu sein haben", sagt Ulrich. "Denn diese tiefgehende Unterscheidung in unserer Gesellschaft, die immer mit Hierarchien verbunden ist, führt dazu, dass Menschen, die diese Vorstellungen nicht erfüllen können und wollen, Erfahrungen mit Diskriminierung machen."

Wenn das gelinge, würden die Allermeisten irgendwann nicht nur die Ehe für Alle befürworten - sondern es auch in Ordnung finden, wenn die Lehrerin der eigenen Kinder lesbisch sei oder sich zwei Männer küssten. "Dann wären wir vielleicht so liberal, wie wir gerne tun", sagt Ulrich.

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Homophobie, wie sieht es damit in Deutschland aus? Und weltweit? In 13 Staaten droht Schwulen und Lesben die Todesstrafe.

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