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"Die Stimmung ist aufgeheizt"

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Gewalt im Amateurfußball - "Die Stimmung ist aufgeheizt"

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Nach wiederholten Angriffen auf Schiedsrichter sind Konzepte gegen die Gewalt gefragt. "Man muss ins Gespräch kommen und nicht nur Strafen aussprechen", sagt Angelika Ribler.

Fußball - Gewalt gegen Schiedsrichter
Fußball - Gewalt gegen Schiedsrichter
Quelle: dpa

heute.de: Frau Ribler, das von Ihnen entwickelte Projekt zum Konfliktmanagement im Fußball existiert bereits seit 1998, das Problem ist also nicht neu. Ist es größer geworden?

Sehr viele unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Sichtweisen spielen gemeinsam Fußball beziehungsweise treiben Sport.

Angelika Ribler: Nach bestimmten Vorfällen gibt es eine große öffentliche Aufmerksamkeit, dazwischen gibt es ruhigere Phasen. Die Konfliktfälle, die wir zusammen mit dem Hessischen Fußball-Verband bearbeiten, kommen kontinuierlich rein. Genauso wie die Bildungsnachfragen von Vereinen, die sich auf den Weg gemacht haben, vorbeugend etwas zu unternehmen. Aus den Studien, die mir bekannt sind und aus eigenen Untersuchungen, kann ich keine Zunahme der Gewalt feststellen. Allerdings sind die Konflikte komplexer geworden, weil sehr viele unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Sichtweisen gemeinsam Fußball spielen beziehungsweise Sport treiben.

heute.de: In der öffentlichen Wahrnehmung wird diese Komplexität oft auf die Teilnahme von vielen Menschen mit Migrationshintergrund reduziert.

Ribler: Es gibt unterschiedliche Wahrnehmungen, warum sich Konflikte in bestimmten Konstellationen häufen. Die eine, häufig geäußerte Wahrnehmung ist zum Beispiel, dass migrantische Spieler härter zuträten, weil sie ein "südländisches Temperament" hätten. Die andere Wahrnehmung ist, dass man von Schiedsrichtern und Sportgerichten nicht gleichbehandelt werde und härtere Strafen für vergleichbare Vergehen erhalte. Über diese Wahrnehmungen muss man ins Gespräch kommen und nicht nur Strafen aussprechen, wenn sich die Konflikte entladen haben.

Der Berliner Amateurverein Friedenauer TSC stellt den Schiedsrichtern Sicherheitspersonal zur Seite - als Zeichen gegen die immer wieder aufflammende Gewalt gegen die Unparteiischen.

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heute.de: Da schaukelt sich also etwas hoch?

Es hat Konjunktur, übereinander und weniger miteinander zu sprechen.

Ribler: Die Stimmung ist im Moment aufgeheizt, es hat Konjunktur, übereinander und weniger miteinander zu sprechen. Spieler, Trainer, Schiedsrichter und Zuschauer sind ja auch Bürger. Sie gehen zur Schule oder arbeiten, werden vielleicht auf dem Wohnungsmarkt diskriminiert. Die ganze Welt ist auf dem Platz oder in der Sporthalle, mit allen gewachsenen Vorurteilen, erfahrenen Beleidigungen und Diskrimierungen. Das muss überhaupt nicht an Migration gekoppelt sein, sondern zum Beispiel auch an einen sozialen oder Bildungshintergrund. Man kennt sich teilweise lange und hat stereotype Zuschreibungen aufgebaut, wie: "Da kommen die Asis oder die Studenten oder die Ausländer, da kann man den jeweiligen Knopf drücken, um zu provozieren." 

heute.de: Steht das nicht im Widerspruch dazu, dass dem Fußball eine besondere integrative Funktion zugeschrieben wird?

Ribler: Das ist überhaupt kein Widerspruch, das sind zwei Seiten einer Medaille. Da wo sich die Menschen auf Augenhöhe begegnen, wo sie miteinander und gegeneinander spielen und nicht für den anderen den Putzjob machen oder in der Küche stehen, da kommt Integration ganz anders zum Tragen. Der DFB überlegt zu Recht gerade, ob man nicht lieber von Teilhabe als von Integration spricht. Dass Menschen zu einem "homogenen Block an Deutschen" dazukommen, in den sie integriert werden müssten, ist schon lange ein Märchen. Diese Erzählung bildet die Grundlage für die zurzeit oft zu hörenden rechtspopulistischen Argumentationen. Die deutsche Gesellschaft war schon immer vielfältig. Dieses Denken in "Wir und die Anderen" muss aufgebrochen werden - das versuchen wir in unserer Arbeit.

heute.de: Werden die Konflikte nur in den Fußball hineingetragen oder entstehen sie auch dort?

Schiedsrichter werden auf mögliche Konfliktsituationen vorbereitet oder nach Gewalterfahrungen gecoacht.

Ribler: Je schlechter ein Verein geführt ist, desto schwieriger ist es, auf die Spieler und Trainer Einfluss zu nehmen. Auch gibt es zu wenig Schiedsrichter und sie erfahren viel zu oft Beleidigungen und Gewalt. Dann beenden sie ihre ehrenamtliche Tätigkeit. Das kann ich gut nachvollziehen, ist aber ein Problem. Zum Glück haben der DFB und die Landesverbände aber bereits viel auf den Weg gebracht. So werden Schiedsrichter auf mögliche Konfliktsituationen vorbereitet oder nach Gewalterfahrungen gecoacht, damit es nicht so hohe Abbrecherquoten gibt. Es gibt auch niedrigschwellige Angebote für Trainer, Spielführer und ganze Jugendmannschaften, damit diese auch selbst deeskalierend wirken können. Das Konfliktmanagement-System entwickelt sich, die Konzepte sind da, kommen aber noch zu wenig zur Anwendung.

heute.de: Woran liegt das?

Strafen ohne Gespräche und Nachbereitungen greifen nur bedingt.

Ribler: Im Fußball und auch in anderen Sportarten dominiert das Muster "richtig" und "falsch" sowie "Recht" und "Unrecht". Dialogformate finden zwar statt, stehen aber oftmals unverbunden nebeneinander. Ich würde mir wünschen, dass die Verantwortlichen in den Sportgerichten noch mehr einsehen, dass Strafen ohne Gespräche und Nachbereitungen nur bedingt greifen. Das würde auch ihre Arbeit entlasten, wenn nicht dieselben Vereine in der nächsten Runde wieder vor dem Sportgericht stehen.

Das Interview führte Ralf Lorenzen.

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