ZDFheute

Vorschläge zur Gewaltprävention im Sport

Sie sind hier:

Gewalt im Amateurfußball - Vorschläge zur Gewaltprävention im Sport

Datum:

K.O.-Schläge, Prügeleien und Beschimpfungen: Gewalt scheint im Amateurfußball an der Tagesordnung. Aber stimmt das wirklich? Erklärungsversuche in einer aufgeheizten Debatte.

Archiv: Ein verletzter Schiedsrichter-Assistent nach dem Abpfiff in Jena
Teilweise brutale Gewalt im Amateur-Fußball wird zum Problem für den DFB.
Quelle: Imago

"Wer den Schiedsrichter beschimpft oder beleidigt, muss mit Verweisung unserer Sportanlage rechnen. Der Vorstand." Schilder mit dieser Aufschrift stehen seit Jahrzehnten am Rand der Amateurplätze, mal mehr, mal weniger verwittert. Sie wirken fast putzig angesichts der Bilder von Amateurplätzen, die heute millionenfach über die sozialen Netzwerke verbreitet werden.

Berliner Schiris setzen Zeichen

Wie die aus dem hessischen Dieburg, wo der Schiedsrichter eines Spiels in der Kreisliga von einem Spieler als Reaktion auf eine rote Karte so zusammengeschlagen wurde, dass er mit dem Rettungshubschrauber ins Krankenhaus geflogen werden musste. Die Tat fiel just auf das Wochenende, an dem die Berliner Schiedsrichter streikten, weil einer von ihnen im September nach einem Spiel der Berlin-Liga ebenfalls geschlagen worden war.

"Wir wollen auf die Gewalt auf Fußballplätzen aufmerksam machen", sagte Schiedsrichtersprecher Ralf Kisting. Man habe schon im Frühjahr auf Nachwuchsprobleme aufgrund der anhaltenden Gewalt hingewiesen. Der Schiedsrichter-Ausschuss des Berliner Fußballverbandes verzeichnete in der laufenden Saison bereits 109 Vorfälle von Gewalt und Diskriminierung auf den Berliner Fußballplätzen, in 53 Fällen seien die Schiedsrichter als Opfer gezählt worden.

So sehr sich alle Beteiligten einig sind, dass mehr gegen die Gewalt auf den Plätzen geschehen muss - egal von wem sie ausgeht -, so uneindeutig sind die wenigen wissenschaftlichen Erhebungen, die es zu diesem Thema gibt. Langzeitstudien gibt es gar nicht, Momentaufnahmen einige.

Für eine Dissertation, die Ende dieses Jahres erscheinen soll, hat Dr. Thaya Vester von der Universität Tübingen alle Schiedsrichter des Württembergischen Fußballverbandes sowohl nach der Saison 2011/2012 als auch nach der Saison 2016/2017 nach Gewaltvorkommnissen und ihrem Sicherheitsgefühl befragt. Beide Faktoren seinen nahezu gleichgeblieben, so der im "Spiegel" veröffentlichte Befund.

Unverändertes Sicherheitsgefühl

Auch der Deutsche Fußballbund (DFB) hat in dem seit 2015 nach jeder Saison veröffentlichten "Lagebild Amateurfußball" jahrelang keine Zunahme der Gewalt gegen Schiedsrichter feststellen können. Dies hat sich im aktuellen Bericht geändert. Für die Saison 2018/2019 stellt der Bericht mit 2.906 Angriffen auf Schiedsrichterallerdings erstmals eine leichte Zunahme fest, obwohl gegenüber der Vorsaison knapp 50.000 Spiele weniger absolviert wurden.

Der Spielbetrieb in Deutschland mit bis zu 80.000 Spielen am Wochenende läuft weitgehend störungsfrei.
"Lagebild Amateurfußball" des DFB

Als Angriffe gelten sowohl körperliche Angriffe als auch Beleidigungen. Insgesamt kommt der DFB aber zu dem Schluss: "Der Spielbetrieb in Deutschland mit bis zu 80.000 Spielen am Wochenende läuft weitgehend störungsfrei." Lediglich 0,05 aller Spiele würden abgebrochen.

0,05 Prozent Spielabbrüche

Die Stimmung ist im Moment aufgeheizt, es hat Konjunktur, übereinander und weniger miteinander zu sprechen.
Angelika Ribler, Sportwissenschaftlerin und Psychologin

Eine Zunahme der Gewalttätigkeiten im Amateurfußball kann auch die Sportwissenschaftlerin und Psychologin Angelika Ribler, die sich seit über 20 Jahren mit dem Thema befasst, nicht feststellen. "Allerdings sind die Konflikte komplexer geworden, weil sehr viele unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Sichtweisen teilnehmen", sagt Ribler im Gespräch mit heute.de. "Die Stimmung ist im Moment aufgeheizt, es hat Konjunktur, übereinander und weniger miteinander zu sprechen."

Zur Aufheizung der Stimmung trägt bei, dass die Gewalthandlungen durch Handyaufnahmen und soziale Medien heute sichtbarer sind und sich schnell verbreiten. Wenn früher bis zum Rückspiel viel Zeit zum Abkühlen der Emotionen war, köcheln diese heute lange weiter und erfahren immer neue Interpretationen.

Gemeinsames Coaching

Umso wichtiger ist es, dass die Beteiligten ins Gespräch kommen, wie es nach dem Vorfall in Berlin geschehen ist, der den Schiri-Streik ausgelöst hat. Dort werden auf Vorschlag des geprügelten Schiedsrichters laut taz die Schiedsrichter-Lehrgemeinschaft Kreuzberg und möglichst viele Mitglieder des betroffenen Vereins ein mentales interkulturelles Coaching absolvieren.

Je schlechter ein Verein geführt ist, desto schwieriger ist es, auf die Spieler und Trainer Einfluss zu nehmen.
Angelika Ribler, Sportwissenschaftlerin und Psychologin

Allein die von den Landesverbänden erarbeiteten Konzepte zur Gewaltprävention und zum Konfliktmanagement werden nicht dazu führen, wieder mehr Menschen Lust auf das Schiedsrichtern zu machen. Dafür ist eine deutlich größere Unterstützung der in den Vereinen verbliebenen Aktiven nötig, die durch den Rückgang der Ehrenamtlichkeit stark gebeutelt sind. "Je schlechter ein Verein geführt ist, desto schwieriger ist es, auf die Spieler und Trainer Einfluss zu nehmen", sagt Angelika Ribler.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.