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Gewalt in Afghanistan - Verhandeln in Doha, Bomben in Kabul

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In Katars Hauptstadt Doha verhandeln Taliban und USA über einen US-Truppenabzug aus Afghanistan. Am Hindukusch aber eskaliert die Gewalt. Darunter leiden auch deutsche Helfer.

Afghanische Ansässige inspizieren den Ort einer Explosion in Kabul (Afghanistan) am 03.09.2019
Wie hier in Kabul erschüttern immer wieder Anschläge das Land.
Quelle: Reuters

Auf erbittertste Weise bekämpfen sich US-Soldaten und Taliban-Milizionäre in Afghanistan. Seit inzwischen 18 Jahren. Unter den Kombattanten, vor allem aber unter Zivilisten, sind die Opfer immens. Auf ein Ende des Krieges arbeiten die USA und die Taliban derzeit in Doha hin. Der Plan: Washington holt bis Ende 2020 schrittweise seine gut 14.000 Soldaten heim und im Gegenzug verpflichten sich die Taliban, den Kontakt zu internationalen Terrororganisationen zu kappen und die Waffen niederzulegen. Doch Frieden in Afghanistan ist weiter fern.

Solange nichts unterschrieben ist, wird weitergekämpft

Denn während US-Chefunterhändler Zalmay Khalilzad in Doha bereits verkündete, dass das Truppenabzugsabkommen fertig verhandelt sei und nur noch "die Unterschrift des US-Präsidenten" gebraucht werde, haben die Taliban in den vergangenen Tagen in Afghanistan zahlreiche Bombenanschläge verübt, durch die ausländische Militärs, afghanische Sicherheitskräfte und vor allem Zivilisten verletzt und getötet wurden.

Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid bezeichnete die großangelegten Angriffe der Miliz als Reaktion auf fortdauernde Militäreinsätze der afghanischen Armee und ihrer US-Verbündeten. Der Deutschen Presse-Agentur bestätigte Mudschahid gleichzeitig, dass das Abkommen mit den USA unterschriftsreif sei. An ein unterzeichnetes Dokument werde man sich halten.

Trumps "Deal" mit den Taliban würde keinen Frieden garantieren

Doch selbst wenn die Taliban dieses Versprechen einhalten würden, wäre das noch keine Garantie auf friedliche Verhältnisse im Land. Denn die Taliban sprechen nicht für die afghanische Nation. In Doha etwa sitzen keine afghanischen Regierungsvertreter mit am Tisch. Die Taliban sehen im Präsidenten des Landes ohnehin nur "eine Marionette Washingtons". Zusätzlich verkompliziert wird die Lage dadurch, dass die für dieses Jahr geplante Präsidentschaftswahl schon mehrfach verschoben werden musste – das sorgt für weitere politische Instabilität.

Sollte es tatsächlich zu einem von US-Präsident Donald Trump geforderten "Deal" mit den Taliban kommen, müssten im Nachgang Vertreter der Taliban, der Kabuler Regierung, der parlamentarischen Opposition und der Zivilgesellschaft einen innerafghanischen Friedenschluss aushandeln.

Kabul: Taliban müssen "barbarische Ansichten" aufgeben

In dem Land, das sich seit 1979 im Bürgerkrieg befindet, rechnet dabei niemand mit schnellen Ergebnissen. Zu groß sind die Differenzen in der Frage, wie und wohin sich das Land entwickeln will. Für die Regierung ist klar, dass sich Afghanistan, das zu den ärmsten Staaten der Welt zählt, nur mit weiterer Hilfe der internationalen Gemeinschaft entwickeln könne. Denn in weiten Teilen Afghanistans fehlt die Infrastruktur und neun von zehn Afghanen können weder lesen noch schreiben.

Radikale Taliban hingegen wollen archaische Strukturen beibehalten, unter denen vor allem Frauen leiden. Der Anbau von Rauschmitteln und Handel mit Heroin und Cannabis spült indes viel Geld in die Kassen. Ein starker Staat gilt nur als Gefahr für dieses Geschäft. Regierungsvertreter sprechen davon, dass die Taliban ihre "barbarischen Ansichten" aufgeben müssten und sich nicht länger gegen gesellschaftlichen Fortschritt stemmen dürften.

Deutsche Helfer: Zunahme der Gewalt "schmerzt uns sehr"

Zivile Aufbauhelfer sind unter diesen Umständen großen Gefahren ausgesetzt. "Die Lage in Afghanistan verschlechtert sich seit Jahren kontinuierlich – in diesem Jahr erleben wir im Umfeld der Wahlen und der Friedensverhandlungen nochmals eine Zunahme der Gewalt", sagt Caritas-Sprecher Achim Reinke. Aufgrund von Kämpfen und Anschlägen könnten die Helfer ihre Einsätze nicht wie geplant ausführen. "Das schmerzt uns sehr, da zugleich die Notwendigkeit zu helfen in Afghanistan so groß ist wie selten zuvor." Reinke berichtet etwa davon, dass 60 Prozent der Kinder in Afghanistan mangelernährt seien und dringend Hilfe benötigten.

Auch die deutsche Welthungerhilfe, die in Afghanistan seit 1992 ununterbrochen tätig ist, berichtet davon, dass die Sicherheitslage "derzeit sehr angespannt und so schwierig wie seit langer Zeit nicht" sei. Die Arbeit an den Projekten werde dadurch deutlich erschwert. Nach einem verheerenden Taliban-Bombenanschlag zu Beginn der Woche in Kabul haben die deutschen Mitarbeiter der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) die Stadt "temporär verlassen", berichtet GIZ-Sprecher Max Bosse.

Wenn Helfer zu Opfern werden

Die Ärzte ohne Grenzen verhandeln mit allen Konfliktparteien Sicherheitsgarantien, bevor sie Projekte starten. Doch auch das hat die Mitarbeiter in der Vergangenheit nicht immer geschützt. Die Organisation erinnert an einen Angriff der US-Luftwaffe im Oktober 2015 auf eine Klinik in Afghanistan. Dabei wurden 42 Menschen getötet, darunter 14 Mitarbeiter der Ärzte ohne Grenzen. Die aktuellen Taliban-Anschläge beweisen indes aufs Neue, dass auch unabhängige, unparteiliche Helfer ständig Gefahr laufen, zwischen den Kriegsfronten zerrieben zu werden.

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