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Gewalt in der Pflege - Wenn Fürsorge überfordert

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Viele stoßen bei der Pflege von Angehörigen an ihre Grenzen. Aus Überforderung wird Wut. Aus Wut wird Gewalt. Es fehlt an Hilfsangeboten für Pflegebedürftige und Angehörige.

Er habe damals nicht lange nachgedacht, sagt Michael Fuhrmann. Als seine Mutter vor fünf Jahren pflegebedürftig wurde, sagte er sich: "Ich möchte für sie da sein." Fuhrmann ist mit seinen 73 Jahren selbst Rentner, seine Mutter ist 92 Jahre alt. Der Sohn wechselt sich in der Betreuung seiner Mutter mit deren Lebensgefährten ab, der gemeinsame Umgang wirkt liebevoll und vertraut.

Alleine aufstehen und die tägliche Körperhygiene, das kriege seine Mutter noch sehr gut bewerkstelligt, so Fuhrmann. Allerdings könne sie sehr schlecht sehen und hin und wieder habe sie Erinnerungslücken. Die führten mal zu Streit. Sich dann zurückzunehmen, sei ein Balanceakt. "Das ist nicht immer einfach", so der Sohn. Zwischenzeitlich fiel der Lebensgefährte der Mutter krankheitsbedingt aus. In dieser Zeit stemmte Michael Fuhrmann die Pflege ganz alleine. "Es gab Situationen, in denen ich hätte heulen können", sagt der 73-Jährige.

Immer mehr ältere Menschen, immer mehr Pflegebedürftige

Nicht jeder hat den Mut, so ehrlich über die Überforderung bei der Pflege zu sprechen. Das zeigen die Recherchen für diesen Beitrag. Die meisten pflegenden Angehörigen, die Ähnliches erlebt haben wie Michael Fuhrmann, wollen weder offen noch anonymisiert über ihre Erfahrungen sprechen. Dabei sind Überlastung in der Pflege und ihre Folgen Themen, die viele Menschen betreffen.

Gewalt in der Pflege

Laut statistischem Bundesamt waren Ende 2015 in Deutschland rund 2,9 Millionen Menschen pflegebedürftig im Sinne des Pflegeversicherungsgesetzes. Knapp die Hälfte von ihnen wurde zu Hause versorgt. 1,38 Millionen Menschen wurden in der Regel allein durch ihre Angehörigen gepflegt. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung schätzt, dass die Zahl pflegebedürftiger Menschen bis 2030 auf insgesamt 3,5 Millionen steigen wird. Die Zahl der betagten, hilfsbedürftigen Menschen wächst stetig und schnell.

Gerade vor diesem Hintergrund lässt einen die bevölkerungsrepräsentative Studie der Stiftung "Zentrum für Qualität in der Pflege" aufhorchen. Im Jahr 2014 fragten die ZQP-Forscher pflegende Angehörige, ob sie sich ihren hilfsbedürftigen Familienmitgliedern gegenüber in einer Belastungssituation mindestens einmal unangemessen verhalten haben. 35 Prozent der Befragten bejahten dies.

Bereits Beschimpfungen sind Gewalt

Dabei geht es um körperliche Aggression gegen ältere Menschen, aber eben nicht nur. Wesentlich häufiger kommt es zu Beschimpfungen, dem Verwehren von Hilfe oder dem Entzug von Aufmerksamkeit. All das definiert die Weltgesundheitsorganisation WHO als Gewalt gegen Ältere, ebenso wie finanzielle Ausbeutung oder die Einschränkung der Freiheit.

Wie man alte, pflegebedürftige Menschen besser vor Gewalt schützen kann, damit habe sich die Politik bisher nicht ausreichend beschäftigt, kritisiert Prof. Cornelia Schweppe von der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. "Wenn Sie das Gefühl haben, dass in Ihrem Nachbarhaus ein Kind misshandelt wird, können Sie sich ans Jugendamt wenden. Wenn es um ältere Menschen geht, gibt es nichts Vergleichbares", so die Sozialpädagogin.

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Schweppe hat eine internationale Konferenz in Mainz anberaumt. Die Teilnehmer aus Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft wollen zum einen die Aufmerksamkeit der Bevölkerung auf den Schutz älterer Menschen vor Gewalt bei der Pflege lenken. Zum anderen soll das Symposium Anstöße liefern, um Menschen sowohl in der häuslichen als auch stationären Pflege besser zu schützen. Das Thema gehöre auf die politische Agenda, so Schweppe. In der Kinder- und Jugendhilfe habe man in den vergangenen Jahren viel erreicht, aber auch für die Alten müssten die erforderlichen Mittel bereitgestellt werden.

Pflegende Angehörige besser unterstützen

Michael Fuhrmann sieht das ähnlich. Es gebe nicht genug Angebote für Menschen, die ihre Angehörigen zu Hause pflegen, sagt der 73-Jährige. In der Politik werde viel über den demographischen Wandel geredet, es passiere aber wenig. Als er merkte, dass ihn die Pflege seiner Mutter zwischenzeitlich überlastete, suchte er aus eigenem Antrieb heraus eine Gesprächsrunde auf, in der alle Mitglieder vor ähnlichen Herausforderungen stehen. Er habe rechtzeitig gehandelt, sonst wäre er ausgerastet, sagt Fuhrmann. Mit anderen Betroffenen ehrlich über die Belastung bei der Pflege zu sprechen, allein das habe ihm bereits geholfen.

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