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Ein Tod mit Ansage

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US-Luftschlag im Irak - Ein Tod mit Ansage

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Die Tötung schiitischer Militärs sendet Schockwellen durch Nahost. Ghassem Soleimani wurde seine Bekanntheit zum Verhängnis. Mehr Folgen könnte der Tod eines Mitreisenden haben.

Für den Kommandeur einer von Mythen umgebenen Spezialeinheit der iranischen Revolutionsgarden war General Ghassem Soleimani auffällig präsent in der Öffentlichkeit. Bei Fernsehauftritten saß er schon direkt neben Revolutionsführer Ali Khamenei, ließ sich auf Demonstrationen wie an vorderster Front im Kreis seiner Soldaten und Bewunderer fotografieren. Der wichtigste Strippenzieher in den Stellvertreterkriegen der Region, der Mastermind, der hinter Tod und Terror steckt - so lauten Charakterisierungen Soleimanis in den internationalen Medien.

Sein Aufstieg zu einem der populärsten Militärs nicht nur im Iran selbst, sondern auch bei vielen Schiiten in benachbarten Staaten ist fest verknüpft mit den Al-Kuds-Brigaden. Die Einheit, die er seit Ende der 1990er Jahre befehligt, taucht seit den 1980er Jahren immer wieder in Konflikten auf - von Afghanistan über den Libanon bis hin zu Syrien. Sie erfüllt Aufgaben, die typischerweise von Geheimdiensten übernommen werden: verbündete Gruppen bewaffnen, ausbilden und ideologisch stärken. Sie sind die Netzwerker, die den Geist der Islamischen Revolution in die Region tragen sollen.

Darum war die Rolle ihres Anführers Soleimani ebenso propagandistisch wie praktisch militärisch: "Erst durch die Berichterstattung westlicher Medien ist Ghassem Soleimani so populär geworden", gibt der Iran-Experte Walter Posch zu bedenken. Auf die militärischen Fähigkeiten der Al-Kuds-Brigaden habe der Tod ihres Anführers nur geringe Auswirkungen. "Iran hat genug Leute, die diese Rolle ausüben können."

"Märtyrertod gute Lösung für iranische Führung"

Die iranische Führung hätte damit rechnen können, dass die USA es auf Soleimani abgesehen hatten: "Soleimani stand schon sehr lange in der Öffentlichkeit. Es war genug Zeit, damit sein Umfeld und viele seiner Schritte genau beobachtet werden konnten. Das hat förmlich danach geschrien, dass er abgeschossen wird. Das war ein Tod mit Ansage." Einen so beliebten General mittelfristig in den Ruhestand zu schicken, wäre für die iranische Führung schwierig gewesen. Die USA sind diesen Überlegungen nun zuvor gekommen. "Sein Zenit war sicherlich schon überschritten, und der Märtyrertod ist da eine gute Lösung", so der Iranist Posch, der an der Landesverteidigungsakademie Wien forscht.

Soleimani stand schon sehr lange in der Öffentlichkeit. Es war genug Zeit, damit sein Umfeld und viele seiner Schritte genau beobachtet werden konnten. Das hat förmlich danach geschrien, dass er abgeschossen wird.
Walter Posch, Landesverteidigungsakademie Wien

Von der iranischen Seite erwartet Posch keine unmittelbare militärische Reaktion gegen die USA oder Israel. Wichtiger sei die Frage, ob durchsickert, dass andere arabische Regierungen den USA bei der Planung der gezielten Tötung geholfen haben könnten. Dann könnte die iranische Regierung sich in eine Position gedrängt fühlen, in der sie aktiv werden muss: "Wenn ihr einen General von uns umbringt, dann bringen wir einen von euch um", beschreibt Posch die Dynamik zwischen dem Iran und seinen arabischen Nachbarn.

Wer saß sonst noch mit im Auto?

Weitreichende Reaktionen könnte darum weniger der Tod von Ghassem Soleimani, sondern vielmehr der eines Gefährten nach sich ziehen, der beim gleichen Luftschlag ums Leben kam: Abu Mahdi al-Muhandis. Al-Muhandis war Anführer der irakischen Hisbollah-Brigaden, die die USA für jüngste Angriffe auf Staatsbürger im Irak verantwortlich machen. Gleichzeitig war er auch stellvertretender Vorsitzender der al-Haschd asch-Schabi, der Volksmobilmachungskräfte. Das ist der wichtige Dachverband jener schiitischen irakischen Milizen, die im Kampf gegen den IS eine wichtige Rolle gespielt haben. In ihnen sind viele der wichtigsten Massenorganisationen des Landes vertreten - mit Hunderttausenden Anhängern. Vielleicht das wichtigste politische Projekt von Abu Mahdi al-Muhandis war die Integration dieser Milizkräfte in die regulären irakischen Streitkräfte.

In der schiitischen irakischen Zivilbevölkerung war er überaus beliebt, sein Tod könnte weitreichende Folgen für den Irak haben: "Der Tod von Al-Muhandis wiegt wichtiger als der von Soleimani", argumentiert Walter Posch. Es sei eine Fehlinterpretation, ihn und seine Milizen als komplett vom Iran gesteuert zu beschreiben: "Er ist einen sehr nationalistisch irakischen Kurs gefahren und war ein populärer Führer der irakischen Schiiten. Auf Al-Muhandis könnte jetzt jemand folgen, der weniger erfahren, weniger gut vernetzt ist."

Die Führer anderer populärer schiitischer Milizen können jetzt versuchen, in dieses Machtvakuum zu stoßen. Einer von ihnen ist Moktada as-Sadr, berüchtigter Kommandeur der Mahdi-Armee, die während des irakischen Bürgerkriegs zwischen 2003 und 2008 gegen die US-Streitkräfte kämpfte. Diese Milizgruppe war zuletzt offiziell aufgelöst, wenige Stunden nach dem Luftschlag kündigte As-Sadr auf Twitter die erneute Mobilisierung der Mahdi-Armee "zur Verteidigung des Iraks" an. Die Auswirkungen des Militärschlags auf die innenpolitische Lage des Irak sind darum möglicherweise schwerwiegender als die Eskalation mit dem Iran.

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