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Globale Lieferketten - Von Tettnang aus die Welt retten

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Große Marken produzieren meist in Billiglohn-Ländern, wegen niedriger Löhne und Sozialstandards. Die Arbeiter leiden dagegen unter schlechten Arbeitsbedingungen. Ein Hersteller von Outdoor-Artikeln in Tettnang produziert unter fairen Bedingungen. Das macht das Geschäft nicht einfacher.

Dank Kohle und fossilen Brennstoffen hat China bisher die meisten Treibhausgase weltweit ausgestoßen. Nun will das Land Vorreiter beim Klimaschutz sein und investiert in erneuerbare Energien.

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Mitten zwischen Hopfen- und Maisfeldern im beschaulichen Tettnang am Bodensee produziert ein deutscher Outdoor-Hersteller Sportartikel und Camping-Ausrüstung für den Weltmarkt. Das Unternehmen konkurriert mit den großen Marken - ein hart umkämpfter Markt. Dennoch hat sich Geschäftsführerin Antje von Dewitz ein hohes Ziel gesetzt: Sie will das Unternehmen zum nachhaltigsten Outdoor-Ausrüster in ganz Europa machen. "Wir haben eine Wirtschaft, die Armut produziert, Leute ausbeutet und auf Kosten der Natur ist", sagt die 44-Jährige. "Die Frage ist doch gar nicht mehr, kann man auch nachhaltig wirtschaften, sondern wie kann es nachhaltig gehen." 2008 hat sie die Geschäftsführung von ihrem Vater übernommen, der das Unternehmen Anfang der Siebziger Jahre gegründet hat. Antje von Dewitz ist selbst Outdoor-Fan, kommt regelmäßig mit dem Fahrrad zur Arbeit.

Höchste Standards garantiert durch "Fair Wear"

Nachhaltig wirtschaften, das heißt für ihr Unternehmen faire Arbeitsbedingungen für alle Mitarbeiter, auch die in Asien. Zwar fertigt der Outdoor-Hersteller auch Fahrrad-Taschen und Rücksäcke im heimischen Tettnang. 80 bis 90 Prozent der Produktion kommen jedoch aus Asien, vor allem aus Vietnam und China.

Die Firma ist deshalb Mitglied der "Fair Wear Foundation", einer Vereinigung zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie. 80 Unternehmen mit 120 Marken gehören inzwischen der Vereinigung an. "Fair Wear" gilt derzeit als Label mit den höchsten Standards für die Textilbranche. Dazu zählen unter anderem die Begrenzung der Arbeitszeit, keine ausbeutende Kinderarbeit, Versammlungsfreiheit und das Recht auf Tarifverhandlungen sowie existenzsichernde Löhne. Die Einhaltung der Bedingungen überprüft die Foundation durch regelmäßige Besuche in den Fabriken und Gesprächen mit den Mitarbeitern. Nur Unternehmen, die überprüft wurden und Mängel in einem bestimmten Zeitraum abstellen, dürfen mit dem Label "Fair Wear" werben.

Drei bis vier Mitarbeiter zuständig für Verbesserungen der Arbeitsbedingungen

"Die größten Schwierigkeiten haben wir mit den Überstunden", gibt von Dewitz zu. Anders als im klassischen Textilmarkt gibt es in der Outdoor-Branche nur zwei Saisons. "Die Herausforderung ist, die Aufträge so auf das Jahr zu verteilen, dass nicht so viele Überstunden entstehen", erklärt die Firmenchefin.

Absolute Sicherheit, dass alle Standards auch eingehalten werden habe man nie, sagt von Dewitz. Aber sie sei sich ziemlich sicher, dass durch die Kontrollen Missstände transparent würden und so abgeschafft werden könnten. Jeweils drei bis vier Mitarbeiter in Vietnam und China arbeiten zudem direkt mit den Fabriken an Verbesserungen der Arbeitsbedingungen. Das Unternehmen geht sogar noch einen Schritt weiter und will die Umwelt- und Sozialstandards auch bei den Materiallieferanten wie Spinnereien, Webereien oder Färbereien umsetzen. Und das sind eine ganze Menge, bedenkt man, dass eine Outdoor-Jacke aus 50 Einzelteilen besteht.

Zu den meisten Vorlieferanten hat der Outdoor-Hersteller selbst keine Geschäftsbeziehungen, der Einfluss ist also gering. Deshalb hat das Unternehmen in einem zweijährigen Pilotprojekt die Produzenten geschult. Sie sollen in Zukunft selbst auf die Standards bei ihren Lieferanten achten und eigenverantwortlich Maßnahmen ergreifen. "Wenn die Lieferanten ein Verständnis und ein Bewusstsein für die Schadstoffvermeidung und den Umweltschutz entwickeln, setzen sie dies nach unserer Erfahrung auch gründlich um", meint Antje von Dewitz.

Nicht Marketing, sondern Nachhaltigkeit hat Priorität

Zehn bis 15 Prozent kosten die Maßnahmen für Umweltschutz und Sozialstandards das Unternehmen mehr. Den Mehraufwand kann von Dewitz aber nicht komplett an ihre Kunden weitergeben. "Unsere Preise sind in den letzen Jahren zwar gestiegen, aber nicht in der gleichen Höhe. Wir bewegen uns immer noch im mittleren Preissegment", erklärt sie. Der Outdoor-Markt sei in den letzten Jahren zwar stark gewachsen, aber auch hart umkämpft. Das Unternehmen spart deshalb beim Marketing, verzichtet zum Beispiel auf kostspielige TV-Kampagnen und gibt sich mit einer geringeren Marge ab. Trotzdem ist der Umsatz 2016 um neun Prozent gestiegen.

Antje von Dewitz würde sich wünschen, dass mehr Firmen ihrem Beispiel folgen. "Wenn wir das als kleines, mittelständisches Unternehmen schaffen, dann können das andere auch", ist sie sich sicher. Helfen würde, wenn Unternehmen nicht nur nach Umsatz und Ertrag bewertet würden, sondern auch danach, ob sie nachhaltig wirtschaften.

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