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Siemens und Bombardier - Görlitz demonstriert gegen Job-Kahlschlag

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In Görlitz demonstrierten Siemensianer, Bombardier-Waggonbauer und Einwohner für den Erhalt des Standortes. Es geht um mehr als um Jobs - es geht um die Zukunft der Region.

Rund 7000 Menschen demonstrieren am 19.01.2018 in Görlitz, Ostsachsen, für den Erhalt der Standorte von Siemens und Bombardier
Görlitz: Demo für den Erhalt der Siemens- und Bombardier-Jobs Quelle: dpa

"Ich bin wahnsinnig stolz auf Euch", ruft Philip Singer in sein Megaphon, als sich in der Görlitzer Bahnhofstrasse die beiden Demonstrationszüge aus Siemensianern und Waggonbauern vereinigen. "Das sieht so beeindruckend aus", ruft er. Fast hört man die Stimme des geübten IG-Metall-Demonstrationsleiters ein wenig zittern. 2.000 Menschen führt er jetzt schon an, mehr als 7.000 werden es noch auf dem Weg durch die Görlitzer Innenstadt.

Das kommt nicht von ungefähr. Die Meldungen von der Schließung des Siemens-Werks traf Görlitz ins Mark. Die Stadt bangt schon um Bombardier, denn auch hier stehen Tausende Jobs auf der Kippe. Und nun Siemens. Lange glaubten sie in Görlitz an ein gigantisches Missverständnis.

Sie glaubten an ein Missverständnis

Siemens hatte auf die Energiewende verwiesen und darauf, dass der Markt nicht mehr nach schweren Kraftwerksturbinen verlange. Eben daraus hatten sie in Görlitz ihre Hoffnung geschöpft. Denn: Hier würden gar keine Kraftwerksturbinen hergestellt, sondern kleinere Industrieturbinen. Vereinfach gesagt könne man sie überall dort aufstellen, wo Wärme anfalle, oder Dampf, den die Turbinen dann in Strom wandeln. So erläutert es ein Siemensianer vor dem Werkstor. Und dass Görlitz damit auch Solar- oder Biogas-Kraftwerke beliefern könne, Sonderschichten fahre, ausgelastet sei und auch 2018 volle Auftragsbücher habe.

Annemarie F. lässt den vereinigten Zug der Waggon- und Turbinenbauer an sich vorüberziehen. Gleich wird sie sich mit ihrem Schild einreihen. "Wir wollen HIER leben!" steht darauf. Man muss nicht lange mit ihr reden, um zu spüren, wie nah ihr die Sache geht. "Mein Mann arbeitet bei Bombardier, mein Sohn geht dort in die Lehre. Noch vor kurzem hat man ihm eine Übernahme angeboten - und nun? Alles nichts mehr wert!" Dabei sei die Lehre bei Bombardier damals für ihren Sohn wie ein "Sechser im Lotto" gewesen. Und nun blickt Annemarie F. einer einsamen Zukunft entgegen. Eine Tochter habe sie schon "an den Arbeitsmarkt in anderen Regionen verloren". Nun fürchtet sie, dass auch ihr Sohn ganz wegzieht, und dass ihr Mann pendeln muss.

Stadt droht Abwärtsspirale

Grundlos sind die Sorgen nicht. Nicht nur Sachsen steuert einem gigantischen Fachkräftemangel entgegen. Vermutlich finden die gut ausgebildeten Siemensianer und Waggonbauer schnell neue Jobs - nur eben nicht hier in der Region. Und was heißt es für die Seele einer Stadt, wenn ihr Tausende Gutverdiener den Rücken kehren? Oliver Holtemöller vom Leibnitz Institut für Wirtschaftsforschung in Halle warnt von einer drohenden "Abwärtsspirale". Denn wer wolle dann hier noch investieren? Welcher Arbeitgeber hoffe noch, hier ausreichend Arbeitskräfte zu finden, in einer Stadt am äußersten Rand Deutschlands? In einer Stadt, ohne nennenswerte industrielle Kerne, ohne Jugend?

Siemens indes bleibt bei seinen Schließungsplänen. Der Konzern räumt Kommunikationspannen ein und verweist darauf, dass Görlitz tatsächlich Industrieturbinen baue, die aber im Weltmarkt unterboten würden. Und dass das Werk langfristig eben doch nicht rentabel sei. Keine Hoffnung also?

"Was sollen wir denn sonst machen?"

Die Schließungspläne bedrohen Görlitz, die Lausitz, ganz Sachsen. Frank Meyer ist für die Demo extra aus Dresden angereist. Denn der Kahlschlag in Görlitz wird vermutlich auch ihn betreffen. "Meine Tochter hat sich damals im Vertrauen auf Siemens in Görlitz niedergelassen", erzählt er. "Sie hat einen Kredit genommen und ein Haus gebaut. Und nun muss sie vielleicht weg, woanders Arbeit suchen." Mehr als 300.000 Euro habe sie insgesamt investiert und nun hätte ihr ein Kaufinteressent gerade mal ein Drittel des damals gezahlten Preises geboten.

Mehr ist offenbar derzeit in Görlitz nicht drin. Wie auch, wenn Investoren erwarten, dass die Stadt möglicherweise vor einer Abwanderungswelle steht. "Vermutlich wird sich meine Tochter in Dresden eine Arbeit suchen und dann unsere Wohnung beziehen. Und wir bewohnen dann das Haus hier in Görlitz." Glücklich sieht Meyer nicht aus, wenn er das sagt. Er liebt Dresden, aber er zuckt mit den Schultern: "Was sollen wir denn sonst machen?"

Kaum Druckmittel

Auf dem Görlitzer Obermarkt mündet die Demo in einer Abschlusskundgebung. Dutzende Schulen sind vertreten. Und wie ein Mantra geht es um "die Zukunft der Region". Es ist schwer festzustellen, ob hinter all dem Kämpfertum auf der Bühne ein wirklicher Optimismus steckt. Und es ist schwer einzuschätzen, ob sich Siemens vom beeindruckenden Bild des prall gefüllten Obermarktes wirklich beeinflussen lässt.

Und die Politik? Auch sie hat kaum Druckmittel. Die IG-Metall hatte Angela Merkel für den Freitag nach Görlitz eingeladen. Sie lehnte ab, "aus Termingründen", wie Gewerkschafter Jan Otto versichert. Aber man sei im Gespräch. Es klingt ein wenig nach Routine. Am Ende wurde die Kanzlerin in der fast euphorisch, kämpferischen Stimmung des Nachmittags nicht vermisst. Und dass sie wirklich kommen würde, damit hatte hier sowieso keiner wirklich gerechnet.

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