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Gregor Gysi wird 70 - "Mit dem Florett, nie mit dem Säbel"

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Nicht wenige sagen: Ohne Gregor Gysi würde es die Linke, die früher PDS hieß, in Deutschland so nicht mehr geben. Jetzt wird er 70 Jahre alt.

Archiv: Gregor Gysi, aufgenommen am 22.11.2017 in Berlin
So kennen ihn die Menschen: Gregor Gysi als Redner. Quelle: dpa

Das abrupte Ende der DDR bescherte ausgerechnet dem letzten SED-Chef Gregor Gysi die Rolle seines Lebens. Zu seinem 70. Geburtstag blickt der gelernte Rinderzüchter und Jurist auf fast drei Jahrzehnte in der gesamtdeutschen Spitzenpolitik zurück. Als Stimme der Wendeverlierer und Skeptiker der Wiedervereinigung prägte der langjährige Fraktionschef der Linken die geeinte Bundesrepublik wie nur wenig andere Politiker aus dem Osten. Angela Merkel sei da noch erwähnt.

Zu seinem Geburtstag gibt es viel Lob - auch aus anderen Parteien. Ex-SPD-Kanzler Gerhard Schröder lobt, Gysi habe immer draufhauen können, "aber nie mit dem Säbel, sondern immer mit dem Florett". Der Linke sei nur in der falschen Partei. Für die Grünen-Politikerin Claudia Roth ist Gysi noch immer ein "Popstar in der Politik", äußert sie sich wie Schröder in einer Dokumentation des MDR.

Den besten Überblick

Heute ist Gysi Chef der Europäischen Linken, als einfacher Abgeordneter sitzt er zudem weiter im Bundestag - oben links, ein selbstgewählter Platz. Von da habe er den besten Üerblick, sagt er. Auch nach drei Herzinfarkten kann Gysi nicht von der Politik lassen.

Geboren wurde Gysi 1948 in Berlin als Sohn der Kommunisten Irene und Klaus Gysi. Sein Vater amtierte sieben Jahre lang als DDR-Kulturminister. Gysi studierte nach Abitur und paralleler Berufsausbildung zum Rinderzüchter Jura und übte den damals im Osten eher seltenen Beruf des Rechtsanwalts aus.

Umstrittene Rolle

Als solcher verteidigte Gysi DDR-Dissidenten wie Robert Havemann, Bärbel Bohley, Ulrike Poppe, Rudolf Bahro und Jürgen Fuchs. Wie groß Gysis Distanz zur Staatsmacht aber tatsächlich war, bleibt umstritten. Er wehrte sich jahrzehntelang juristisch erfolgreich gegen sämtliche Berichte, wonach er als Anwalt mit der Stasi kooperiert habe.

Der Historiker Christian Booß von der Stasi-Unterlagen-Behörde äußert dennoch die Auffassung, Gysi sei deutlicher in das DDR-System verstrickt gewesen, als er "das damals hat gucken lassen". Grünen-Politikerin Claudia Roth bedauert, Gysi habe es nie geschafft, das DDR-Unrecht anzuerkennen. Dem hält er entgegen: "Ich habe mich als einziger beim Volk der DDR zutiefst entschuldigt für alle Fehlleistungen, die die SED vollbracht hat."

Ohne ihn keine Linke

Zumindest war im Herbst 1989 genug Abstand zur alten SED-Führungsriege um Erich Honecker, um in der Wendezeit als Hoffnungsträger zum SED-Vorsitzenden gewählt zu werden. Binnen Monaten war der Staat, den diese Partei verkörperte, allerdings Geschichte.

Nach dem Mauerfall schickte er die verknöcherte autoritäre Staatspartei auf den Weg zu einer Organisation, die heute auf dem Boden des Grundgesetzes steht. Der frühere Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) äußert die Vermutung, dass es ohne Gysi als Identifikationsfigur die Linke als parlamentarische Gruppierung gar nicht mehr gäbe. Und da ist Lammert nicht der einzige, der das so sieht.

Folgenschweres Zerwürfnis

Gysi wurde der erste Vorsitzende der Partei des Demokratischen Sozialismus, kurz PDS, und zusammen mit Ex-SPD-Chef Oskar Lafontaine bahnte er den Weg zur gesamtdeutschen Linken, die 2007 aus der ostdeutschen Linkspartei und der westdeutschen WASG entstand. Die zwei Schwergewichte waren das Erfolgsduo für "Die Linke" in Ost und West - an ihrem Zerwürfnis hat die Partei bis heute schwer zu knabbern.

Nach Mitgliederzuwachs und Wahlerfolgen lähmten in den vergangenen Jahren allerdings immer wieder Machtkämpfe und unterschiedliche Ansichten der Ost- und der Westlinken die Partei. Auf einem Parteitag 2012 in Göttingen las Gysi seinen Parteifreunden, insbesondere auch Oskar Lavontaine, die Leviten: Am Werk sah er "Hass", "Zerstörung", "Arroganz". Als Moderator gelang es Gysi fortan, die Parteilager im Zaum zu halten. Heute müssen andere diese schwierige Aufgabe bewältigen.

Seine größte Leidenschaft

Mehr Freude als die Lage der eigenen Partei und der Sozialisten in Europa machen ihm die von ihm selbst moderierten Gesprächsreihen mit Zeitgenossen. Sich lustvoll vor Publikum streiten, das ist wohl ohnehin Gysis größte Leidenschaft.

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