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Brexit - Großbritannien: Die Unsicherheit der EU-Bürger

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Die Brexit-Verhandlungen zwischen Brüssel und Großbritannien kommen nur schleppend voran. Ein großer Streitpunkt ist die Zukunft der EU-Bürger im Königreich. Nicht nur unter ihnen macht sich das Gefühl breit, dass die britische Regierung eigentlich ziemlich planlos wirkt.

Rund zwei Millionen in Großbritannien beschäftigte EU-Bürger sorgen sich: Dürfen sie nach dem Brexit noch so arbeiten wie bisher? Doch nicht nur die Arbeiter und ihre Chefs wissen nicht, wie es weitergeht, auch die britische Regierung gibt sich ratlos.

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Mehr als zwei Millionen Bürger aus EU-Ländern arbeiten in Großbritannien. Was werden zukünftig die Bedingungen sein für ihre Einwanderung? Bisher gibt es keine Antworten von der Regierung. Auch Arbeitgeber, die angewiesen sind auf die Kräfte aus dem Ausland, wissen nicht, wie sie nach 2019 weiter machen.

Unternehmen sorgen sich

Hilke Petersen
Hilke Petersen, ZDF-Korrespondentin Quelle: ZDF

Wenn sie beim Frucht- und Marmeladen-Produzenten Wilkin and Sons in Tiptree Erdbeerpflanzen, Himbeersträucher oder Pflaumenbäume pflanzen, ist eines völlig klar: 10 bis 15 Jahre lang werden sie die pflücken müssen, acht Monate lang jedes Jahr. Ein harter Job für Saisonarbeiter, den kaum ein Brite machen will. Vor allem Süd- und Osteuropäer arbeiten hier, 330 Leute auf dem Feld in der Saison. Doch schon jetzt bemerkt Wilkin and Sons ihre Zurückhaltung: 20 Prozent weniger Leute konnten sie bereits in dieser Saison bekommen. Das liegt auch am schwächer werdenden britischen Pfund, das seit dem Austritts-Votum vor einem guten Jahr etwa zehn Prozent an Wert verloren hat.

Chris Newenham ist der Geschäftsführer. Er hofft, dass am Ende der undurchsichtigen politischen Debatten über ein neues EU-Einwanderungsrecht ein System stehen wird, mit dem es für sie weitergehen kann in Tiptree. Doch die Unsicherheit allein ist schon jetzt ein Problem. Und die Leute denken längst nach über den Plan B. Der Bulgare Georgi Petrov kommt seit zehn Jahren als Pflücker hierher, hat aber andere Länder längst im Visier, sollte Großbritannien ihm Schwierigkeiten mit der Arbeitserlaubnis machen. "Deutschland, Spanien, die Niederlande. EU-Länder eben. Wir sind doch europäische Bürger." Auf seiner Mütze steht: I like Barcelona.

Wirtschaft macht Druck

Seit die Fragen nach dem "Was dann?" lauter werden, hat die britische Premierministerin Theresa May eilig einen Wirtschaftsrat eingerichtet. Dasselbe Gremium hatte sie gleich nach ihrer Amtsübernahme kurzerhand schon einmal abgewickelt. Die Spitzen von britischer Industrie und Wirtschaft machen jetzt Druck, wollen endlich wissen, welche Pläne May für Handel, Zollunion und Arbeitnehmer-Zuwanderung eigentlich verfolgt. Denn schon jetzt hat sich das Wirtschaftswachstum spürbar verlangsamt.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat seine Prognose für das laufende Jahr zurückgeschraubt, auf 1,7 Prozent. Die großen Wirtschaftsverbände glauben nicht, dass bis zum Austrittsdatum im März 2019 die Verhältnisse geklärt sein werden. Und tatsächlich ist von Übergangsphasen zwischen zwei bis drei Jahren die Rede. Doch auch dazu haben unterschiedliche Minister unterschiedliche Meinungen, was das Vertrauen in das wichtigste Regierungsprojekt Brexit nicht gerade erhöht. Diese Woche wird Theresa May aus dem Urlaub zurückerwartet und man munkelt, mit ihr dürften auch Papiere auftauchen: Vorschläge, um die Kritiker zumindest ein bisschen ruhig zu stellen.

Angst vor neuer Bürokratie

Ganz genau weiß das die britische Regierung nicht. Deshalb hat sie erst kürzlich eine Studie in Auftrag gegeben, um zu ermitteln, welche Europäer was machen in Großbritannien. Ganz offenbar fehlen dem Staat die Daten, auf die sich ein neues Einwanderungs-System für EU-Bürger gründen ließe. Jahrelang war die jetzige Regierungschefin Innenministerin, doch die Datensammlung startet erst jetzt.

Zu spät sagen viele: Mit Ergebnissen ist erst im September 2018 zu rechnen, kurz vor dem Brexit. Dass die Dinge bis dahin unklar bleiben, glaubt Natasha Chell. Sie ist Rechtsanwältin bei der auf Einwanderung spezialisierten Kanzlei Laura Devine Solicitors in London. Und hat einen bemerkenswerten Rat für alle, die mindestens seit fünf Jahren in Großbritannien leben: Sich jetzt überlegen, ob man nicht einfach die britische Staatsbürgerschaft beantragt. Nur das wäre ein wirklich sicherer Status.

Schon seit 20 Jahren lebt der Deutsche Rolf Oldach in England. Er ist Chef von Photon Energy, einer Solar-Firma in Reading. Von 35 Angestellten ist ein knappes Drittel aus der EU. Oldach würde gerne mehr britische Ingenieure einstellen, aber das ist nicht so einfach. Viel zu wenige würden an britischen Unis ausgebildet, sagt er. Und er fürchtet, dass das Registrieren von EU-Ausländern und mögliche aufwändige Visa-Verfahren den Firmen neue Bürokratie aufladen könnte.

Unsicherheit wird andauern

Vor einem der Computer entwirft Stefano Girolami aus Italien eine Solar-Panel-Installation. Seit drei Monaten ist er bei Photon Energy beschäftigt. Er mag das Land und seine Sprache. Aber tatsächlich würden Ingenieure wie er überall in Europa gesucht. In Deutschland, den Niederlanden, Skandinavien. Doch das sei natürlich unbequemer, weil er dann wieder eine neue Sprache lernen müsse.

EU-Bürger und ihre Arbeitgeber in Großbritannien werden die Unsicherheit und alle Spekulationen wohl länger aushalten müssen. Sicher ist nur: Eins der großen Brexit-Ziele war, die Zahl der Einwanderer zu reduzieren.

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