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Personalmangel - Große Sicherheitsrisiken: Es fehlen IT-Experten

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Die Zahl der Cyberattacken wird zunehmen. Da sind sich die Fachleute einig. Doch die IT-Sicherheitsbehörden sind hier völlig überfordert. Sie leiden vor allen Dingen unter Personalmangel. Und der wird sich noch verstärken.

Staaten destabilisieren, Atomkraftwerke sprengen, die Wirtschaft lahm legen – Hacker haben eine immense Spielwiese. Kann sich die Welt vor solchen Angriffen schützen? Harald Lesch im Gespräch mit dem Cyber-Sicherheitsexperten Sandro Geycken.

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Die Zukunft sieht nicht gerade rosig aus. "Wir gehen davon aus, dass bis zum Jahr 2020 etwa zwei Millionen Sicherheitsexperten weltweit fehlen werden", sagt Hans-Peter Bauer, Chef des IT-Sicherheitsunternehmens McAfee.

Appell an die Politik

Auf Deutschland bezogen sind das immerhin rund 160.000 Sicherheitsspezialisten, die Cyberangriffe auf Krankenhäuser, Bankautomaten oder Kraftwerke abwehren sollen. Der Missstand ist allgemein bekannt. "Wir brauchen hier dringend eine Initiative der Bundesregierung", fordert Hans-Peter Bauer.

Doch die hält sich spürbar zurück und verweist auf die Länderhoheit in Sachen Bildungspolitik. Und dazu zähle nun einmal auch die Ausbildung von IT-Sicherheitsexperten in den entsprechenden Studiengängen. Lediglich für die Bundeswehr und deren Universitäten fühlt man sich in Berlin zuständig.

Bundeswehr hofft auf die Cyberreserve

Ein entsprechender Studiengang mit Inhalten aus der digitalen Forensik entsteht derzeit an der Universität der Bundeswehr in München. 70 Absolventen pro Jahr sollen die neue aufgestellte Teilstreitkraft Cyber- und Informationsraum verstärken. Aktuell sucht die Bundeswehr händeringend 1.800 IT-Sicherheitsspezialisten. Am Arbeitsmarkt sind IT-Sicherheitsexperten kaum zu rekrutieren. Große Unternehmen werben gut ausgebildete Cyberspezialisten mit immer höheren Gehältern und zusätzlichen Annehmlichkeiten ab.

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen will dem Mangel mit einer neu aufzustellenden Cyberreserve abhelfen. Dort sollen auch Nerds als Reservisten angeworben werden, die den Personalmangel in der IT-Sicherheit durch Wehrübungen lindern sollen.

Charmeoffensiven sollen den Nachwuchs begeistern

Ob das klappen wird, ist fraglich. Andere Dienststellen, die für IT-Sicherheit zuständig sind, haben zudem solche Reservemöglichkeiten nicht. Arne Schönbohm, Präsident des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik versucht es deshalb mit einer Charmeoffensive.

"Beim BSI stimmt einfach das Arbeitsumfeld", versuchte er auf der 15. Sicherheitstagung seines Hauses in Bonn-Bad Godesberg vor allen Dingen die anwesenden frisch Graduierten für den Arbeitgeber BSI zu begeistern. Eine ähnliche Strategie verfolgt Freddy Dezeure, Chef des Computernotfallteams der Europäischen Kommission. Er besucht extrem viele IT-Sicherheitskongresse, die auch bei Studenten und Studienabsolventen beliebt sind. Auf der europäischen Digitalforensikerkonferenz Ende März in Überlingen am Bodensee hatte er auch Erfolg damit. Mehrere Examenskandidaten fanden die international ausgerichtete Arbeit des EU-Notfallteams so spannend, dass sie noch während der Konferenz ihre Bewerbung schrieben.

Berufsbegleitende Studiengänge können Abhilfe schaffen

"Allein über die grundständigen Studiengänge werden wir die benötigten Experten nicht in der erforderlichen Zahl bekommen", meint Professor Holger Morgenstern von der Hochschule Albstadt-Sigmaringen. Er hat deshalb einen berufsbegleitenden Online-Fernstudiengang ins Leben gerufen.

Die Nachfrage ist enorm. "Wir brauchen viel mehr berufsbegleitende Angebote dieser Art", meint Professor Felix Freiling von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen. Er gilt als einer der führenden Digitalforensiker in Europa und fordert ein schnelles Handeln von Regierung und Sicherheitsbehörden. "Wir brauchen schnell einige tausend Experten, um die kritischen Infrastrukturen abzusichern, die für unsere Gesellschaft überlebenswichtig sind", meint Freiling. Berufsbegleitende Aus- und Fortbildung ist nach seinem Dafürhalten das zweite Standbein neben den grundständigen Studiengängen.

Personalmangel verursacht Kosten

Doch es würde auch bei rasch umgesetzten Ausbildungskonzepten eine Personallücke bleiben. "Das wird für die Behörden richtig teuer", urteilt Felix Gaehtgens vom Technologieberatungsunternehmen Gartner Group. Denn diese Lücke kann nur durch Aufträge an Sicherheitsunternehmen und IT-Berater notdürftig und übergangsweise geschlossen werden. Und die fordern hohe Honorare.

"Auf Dauer kommen Bundes- und Landesregierungen nicht umhin, den IT-Sicherheitsbehörden mehr Spielraum bei der Bezahlung ihrer Experten für Cybersecurity zuzugestehen", schätzt Felix Gaehtgens ein. Doch bis diese Einsicht sich durchgesetzt hat, werden noch viel Cyberattacken Computernetze lahmgelegt und Festplatten verschlüsselt haben.

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