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Gründe, auf das Auto zu verzichten

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Mobilitätsforschung - Gründe, auf das Auto zu verzichten

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Der Besitz von Neufahrzeugen ist rückläufig. Weniger junge Menschen machen den Führerschein. Sie setzen dafür auf neue Mobilitätsformen. Das Auto stehen zu lassen, lohnt sich.

Mann und Frau am Elbstrand
Klima, Effizienz, Lebenszeit - es gibt viele Gründe, den Wagen stehen zu lassen
Quelle: axel heimken, dpa

Früher galt er als der Inbegriff von Freiheit - der Führerschein. Heutzutage machen ihn immer weniger junge Menschen. Bei den jungen Menschen stehen andere Dinge im Fokus als der Kauf eines Neu- oder Gebrauchtwagens.

Wir kommen kulturell-wirtschaftlich aus einer Welt, wo individueller Automobilbesitz normal ist. Und jetzt sind wir erstmals an dem Punkt, dass das in Frage gestellt wird.
Martin Stuchtey, Forscher

Die Anschaffungs- und Betriebskosten stellen dabei mit Blick auf das verfügbare Einkommen eine echte Hürde dar. "Wir kommen kulturell-wirtschaftlich aus einer Welt, wo individueller Automobilbesitz normal ist. Und jetzt sind wir erstmals an dem Punkt, dass das in Frage gestellt wird", erklärt Martin Stuchtey, Professor an der Universität Innsbruck in der Fakultät für Geo- und Atmosphärenwissenschaften.

Die Zeit im Auto frisst Lebenszeit

Die Zeit im Auto ist zudem ein echter Lebenszeit-Fresser - Parkplatzsuche in den Innenstädten, Stau, Stress an Ampeln sind nur einige der Faktoren, die das Wohlbefinden schmälern. Auch ist die tatsächliche Effizienz des Autos fraglich. Schaut man sich laut Stuchtey die Mobilitätssysteme an, sieht man, dass ein Auto 92 Prozent der Zeit geparkt ist, 1,6 Prozent nach Parkplätzen sucht, 1,2 Prozent im Stau steht und am Schluss nur zu fünf Prozent wirklich genutzt wird. "Die Gesamtauslastung liegt bei zwei Prozent. Es gibt keinen anderen Wertgegenstand, der ähnlich wenig genutzt wird. Das schlägt sich auch in der Wirtschaftlichkeit nieder", fügt Martin Stuchtey hinzu.

Autos fahren durch die Innenstadt von Stuttgart
Autos fahren durch die Innenstadt von Stuttgart
Quelle: dpa

Wer ein klimaneutrales Leben führen möchte, fährt auch ohne Auto besser. Bei einem verbundenen, geteilten, elektrifizierten und auf Wiedernutzung ausgelegten Mobilitätssystem hat man laut Wissenschaftler Stuchtey nicht nur einen deutlich geringeren CO2-Ausstoß, einen deutlich geringeren Ressourcen-Bedarf, man hat auch einen deutlich niedrigen Platzbedarf. "Es ist im Endeffekt ein deutlich günstigeres System", fügt der Lehrstuhl-Inhaber hinzu. Hinzu kommt, dass ein Auto fünf Sitzplätze hat, von denen in Europa nur 1,5 genutzt werden. "Man gelangt zu dem Schluss, dass auf der Systemebene das Auto hochgradig ineffizient ist", gibt Stuchtey zu Bedenken.

"Share economy" hält Einzug in die deutsche Gesellschaft

Die "share economy" hat ihren Weg in die deutsche Gesellschaft gefunden. Denn alternative Mobilitätsformen wie die Mikromobilität erobern die Städte. Was mit Leihrädern anfing, hat seinen vorläufigen Höhepunkt in den E-Tretrollern gefunden. Waren sie eigentlich als Alternative für die "letzten Meter" gedacht, schwingen sich immer mehr Menschen auf die Spiel-Geräte aus Kindheitstagen, um vor allem in Großstädten von A nach B zu kommen.

Auch die großen Unternehmen bieten bei der Firmenwagen-Regelung mittlerweile Alternativen an. "Ich weiß noch, wenn man vor 20 Jahren seinen Arbeitsvertrag bei großen Beratungs-Firmen unterschrieben hat, dann gab es das Firmenauto und man konnte endlich seinen großem Mercedes oder BMW fahren", erinnert sich Stuchtey. Die Quote derer, die dieses steuerliche Paket in Anspruch nahmen, habe sich mittlerweile deutlich verringert und die Firmen böten stattdessen Mobilitätsbeihilfen an: "Das kann dann ein E-Bike sein in Verbindung mit einem Vertrag bei einem Car-Sharing-Anbieter in Verbindung mit einer Netzkarte und anderen Micromobilitätsangeboten: ein attraktiveres Angebot für die Millenials und unterm Strich für die Firma auch günstiger."

Infrastruktur deutscher Großstädte macht das Auto überflüssig

Die Infrastruktur deutscher Großstädte wie Berlin, Hamburg oder München macht das Auto überflüssig. Der öffentliche Personennahverkehr ist vernetzt und die Alternativen zum eigenen Auto stärker vorhanden. Von Mikromobilität über Car-Sharing bis zu E-Hailing (App-basierte Fahr- und Sharing-Dienste) reichen die zusätzlichen Möglichkeiten beispielsweise. "Wichtiger als der Ausbau des Schnellstraßen-Netzes wäre es, die Verkehrsträger zu verbinden und digital über Verkehrsplattformen deutschlandweit - auch im ländlichen Raum - zu vernetzen", erklärt der Wissenschaftler.

Leihfahrrad-Anbieter müssen in Zürich künfitg zahlen.
Leihfahrrad-Anbieter in Zürich
Quelle: Ennio Leanza/Keystone/dpa

Die Anfänge der Mobilitätswende sind vor allem bei der deutschen Jugend angekommen. Der Ausbau des Schienennetzes, die Vernetzung des öffentlichen Nahverkehrs sowie die Ausweitung von Sharing, E-Hailing und Mikromobilitäts-Angeboten müssen umgesetzt werden. Gefragt und vor allem gefordert ist hier die Politik. "Die neuen Mobilitäts-Plattformen erfordern gleichzeitig unternehmerischen Esprit und politische Unterstützung der Verkehrsminister, und Abgeordnete müssen den Aufbau von Verkehrsverbünden und nicht nur den Straßenbau als ihr Spielfeld verstehen", erklärt Martin Stuchtey.

Wir brauchen künftig Mobilitäts- und keine Verkehrsministerien.
Martin Stuchtey

Seiner Meinung nach kann hier auch Bundespolitik maßgeblich helfen, die deutschen Verkehrsverbünde zu schaffen, die den Kunden mit einer App das ganze System zugänglich machen. Die Automobilkonzerne haben längst verstanden, dass ihre Zukunft in intermodalen Mobilitätsangeboten liegt. Warum nicht auch die Politik: "Wir brauchen künftig Mobilitäts- und keine Verkehrsministerien", fügt der Wissenschaftler hinzu.

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