Sie sind hier:

Zwischen Höhenflug und Talfahrt - Gründen in Deutschland immer unbeliebter

Datum:

Immer weniger Menschen gründen Firmen. Das liegt vor allem an der guten Konjunktur, die viele Jobs in Anstellung produziert. Doch auch die Rahmenbedingungen sind schwierig.

Co-Working-Raum (Symbolbild)
Co-Working-Raum (Symbolbild)
Quelle: dpa

Viele Proteine, wenig Zucker, Bio. Mit ihren Linsennudeln, Linsenmehl und weiteren Sportlerprodukten trafen Fabian Fröhlich und seine vier Mitstreiter eigentlich den Nerv einer nach Fitness verrückten Gesellschaft. Trotzdem wuchs ihnen ihr Start-up Five Mills irgendwann etwas über den Kopf: "Spätestens als die Discounter auf den Markt gegangen sind und den umgewälzt haben, konnten wir nicht mehr mithalten", sagt Fröhlich. "Wir hätten einen Risiko-Kapitalgeber reinholen und den Markt schnell selbst aufrollen müssen, aber das war gar nicht so einfach."

Viele gründen neben der Arbeit

Die fünf befreundeten Gründer zogen Five Mills neben einem dualen Studium auf, das mit der Materie wenig zu tun hatte. Ein typischer Fall, mehr als die Hälfte der rund 550.000 Gründer in Deutschland starten ihr Unternehmen wie Fröhlich nebenbei, parallel zu einem anderen Job oder einer Ausbildung. Für eine strategische Ausrichtung am Markt hatten er und seine Kumpels deshalb zu wenig Zeit, verkämpften sich teils mit bürokratischen Hürden wie etwa der Bio-Zertifizierung. Und keiner von ihnen traute sich, das Studium für die Gründung abzubrechen.

"Hätte es eine einfache finanzielle Förderung gegeben, wäre es vermutlich anders gelaufen, dann hätten wir uns vielleicht voll in die Gründung gestürzt", meint Fröhlich. Doch einen Gründerzuschuss, der ähnlich wie ein monatliches Gehalt funktioniert, konnte er nicht bekommen. Denn den gibt es bis auf wenige Ausnahmen nur für arbeitslose Personen, die gründen wollen. "Das macht aus meiner Sicht überhaupt keinen Sinn, da schließt man so viele Personen aus, die das auch sehr gut gebrauchen könnten", sagt Fröhlich.

"Noch nie so viel staatliches Geld für Gründer"

Insgesamt ist die Förderlandschaft für Gründer in Deutschland sehr komplex. "Tatsächlich gab es noch nie so viel staatliches Geld für Gründer wie heute", sagt Georg Metzger, Gründungsexperte der KfW. Von Gründerzuschüssen über regionale und europäische Kredite bis hin zu Stipendien für forschende Gründer. "Zugegeben: Durch die vielen Programme wird es gleichzeitig schwieriger, sich zu orientieren, das kann Gründer auch entmutigen", fügt Metzger hinzu.

"Erfüllten wieder irgendein Kriterium nicht"

Und: Viele Programme sind so eng zugeschnitten, dass nur bestimmte Gründergruppen davon profitieren können. "Wir waren immer entweder zu spät oder erfüllten wieder irgendein Kriterium nicht", berichtet Marcus Stahl von seinen Erfahrungen mit staatlichen Förderprogrammen. "Irgendwann haben wir es aufgegeben."

Boxine GmbH: Nominiert für den Deutschen Gründerpreis 2019 in der Kategorie Aufsteiger
Boxine GmbH: Nominiert für den Deutschen Gründerpreis 2019 in der Kategorie Aufsteiger
Quelle: dpa

Mit seinem Kompagnon Patric Faßbender hat Stahl 2013 das Unternehmen Boxine gegründet, das mit der sogenannten Tonie-Box Figuren vermarktet, die Hörspiele und Musik abspielen können. Das Unternehmen ist heute mit über 60 Millionen Euro Umsatz und 140 Mitarbeitern zu einem erfolgreichen Player im Unterhaltungsmarkt für Kinder herangewachsen.

Doch der Weg dorthin führte nicht über staatliche Förderung, sondern über private Netzwerke, die die beiden Gründer dank ihrer früheren Jobs aufgebaut hatten. Die Kontakte unterstützten die Gründung bis zum Produktstart mit Hunderttausenden Euro und Knowhow in technischen, finanziellen und juristischen Fragen.

Viermal so viel Kapital im Silicon Valley

Alles in allem ist der Wagniskapitalmarkt in Deutschland trotz Zuwächsen mit rund 4,5 Milliarden Euro jährlich noch immer recht überschaubar. Allein im US-amerikanischen Silicon Valley wird pro Jahr mehr als viermal so viel Kapital in Start-ups gesteckt. Bleibt für viele Firmen hierzulande nur die staatliche Förderung.

"Dass die so kompliziert ist, ist ein Grund dafür, dass wir seit Jahren immer weniger Gründungen haben", sagt Marc Evers, Gründungsexperte vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag. "Gründer haben Angst vor der Bürokratie und selbst wenn es staatliche Förderung gibt, fließt das Geld teils so langsam, dass die Zwischenfinanzierung nicht gewährleistet ist und einige aufgeben müssen."

Viele attraktive Jobs in Anstellung

Der Hauptgrund dafür, dass die Zahl der Gründungen zwischen 2015 und 2018 von rund 760.000 auf 550.000 zurückgegangen ist, liegt allerdings in der guten Konjunktur. Es gibt viele attraktive Jobs in Anstellung, die auf Fachkräfte warten - Gründen mit all seinen Risiken verliert da seinen Reiz. Ein positiver Nebeneffekt dagegen: Es gründen immer weniger Menschen aus Verlegenheit - was Innovation und Strategie angeht, ist die Qualität der Gründungen deshalb in den letzten Jahren gestiegen.

Mittlerweile, so erzählt Fabian Fröhlich, erziele der frühere Topseller von Five Mills einen mittleren zweistelligen Millionen-Umsatz. Davon profitieren die fünf jungen Gründer heute nicht mehr. Aufgrund des hohen Marktdrucks entschieden sie nämlich vor einiger Zeit, ihr Start-up an ein größeres Lebensmittelunternehmen zu verkaufen. Doch wehmütig sei er nicht, so Fröhlich. Er gründete neu, entwickelt und vermarktet nun sanierungsbedürftige Immobilien in seiner Region. Auch das ein zukunftsträchtiger Wachstumsmarkt. "Wir haben aus der ersten Gründung viel gelernt, etwa wie wir gegenüber Geschäftspartnern auftreten müssen." Womöglich eine gute Voraussetzung, um sich diesmal besser zu schlagen.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.