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Peter und Özdemir hören auf - Halb zog man sie, halb sank sie hin

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Simone Peter will nicht mehr, Cem Özdemir auch nicht: Die Grünen stehen vor einer personellen Zäsur. Gesucht wird: ein neues Spitzenduo für die kleinste Oppositionspartei.

Cem Özdemir und Simone Peter kandidieren nicht erneut als Vorsitzende. Die neue Spitze wird wohl wieder mindestens aus einer Frau und beiden Parteiflügeln bestehen.

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Der Satz hatte einen hörbaren Seufzer als Unterton: "Jetzt brechen einfach neue Zeiten an mit neuen Gesichtern", sagte Cem Özdemir heute vor Beginn der Vorstandsklausur seiner Partei. Er selbst, der bis zum Platzen der Jamaika-Sondierungen eines der profiliertesten Gesichter seiner Partei war, hatte auf die erneute Kandidatur für den Parteivorsitz verzichtet. Heute gab auch Simone Peter ihren Rückzug bekannt. Eine wirkliche Überraschung ist das nicht.

Nett, aber harmlos

Bei der Bundesdelegiertenkonferenz Ende November, nach dem Platzen der Jamaika-Träume, war die schwindende Unterstützung für Peter in der Partei spürbar. Der Applaus bei ihrer Rede: eher mau. Der Applaus für die Jamaika-Sondierer: nicht der für Peter, sondern der für Özdemir, Katrin Göring-Eckardt, Robert Habeck, Claudia Roth, Anton Hofreiter. Bei Gesprächen am Rande über den künftigen Parteivorsitz: Peter spielte bei den Spekulationen kaum eine Rolle. Die 52-jährige Saarländerin gilt als freundlich und sympathisch, aber inhaltlich und rhetorisch eher als harmlos. Und manchmal lag sie auch daneben, als sie nach den Übergriffen in der Kölner Silvesternacht den Polizeieinsatz kritisierte. Offenbar traut man ihr nicht zu, dass sie der kleinsten Partei im Bundestag ein Profil geben kann, um die Grünen nach 2005 wieder in Regierungsverantwortung zu führen.

In ihrem Abschiedsbrief an ihre Partei betonte Peter, dass sie sich "einer Erneuerung der Parteispitze nicht verschließen" wolle. Sie, die Linke, zog in dem Moment zurück, als mit Anja Piel aus Niedersachsen auch eine vom linken Flügel ihre Kandidatur bekannt gab. Bislang haben zudem die beiden Realos Robert Habeck aus Schleswig-Holstein und Annalena Baerbock ihren Hut in den Ring geworfen. Das, so Peter, habe "Dynamik in die Partei gebracht". Mit Piel seien nun alle Richtungen in der Partei vertreten. "Das ist die Hauptsache."

Große Krokodilstränen weint man Peter in der Partei nicht hinterher. Bundesgeschäftsführer Michael Keller spricht von einer "ehrenwerten Entscheidung". Sie sei ein Zeichen dafür, dass Politiker eben nicht immer am Amt klebten. Konstantin von Notz twitterte: "Respekt vor der Entscheidung und herzlichen Dank." Die Grüne Jugend schickte ihr per Twitter ein Herz. Sie selbst sagt: "Blick nach vorn ohne Zorn." Sie will nun in Ruhe überlegen, wie es für sie beruflich weitergeht. Sie sei in den elf Lebensjahren ihres Sohnes neun wenig anwesend gewesen. "Da kann man jetzt auch mal andere Schwerpunkte setzen."

Özdemir fällt aus der ersten Reihe

Etwas verbitterter scheint dagegen der Rückzug von Cem Özdemir, obwohl er den Rückzug von der Parteispitze schon vor gut einem Jahr angekündigt hatte. Das war anders geplant gewesen: Rückzug vom Parteiamt, um seine politische Karriere mit einem Regierungsamt in einer Jamaika-Koalition zu krönen. Daraus wird nun nichts. Obwohl er als hochgeschätzt in seiner Partei gilt, ist in der ersten Reihe für ihn momentan kein Platz. Er fällt der Flügelarithmetik bei den Grünen zum Opfer.

Traditionell werden dort alle Spitzenpositionen mit Frau und Mann, Realo- und Fundi-Flügel besetzt. Mit Habeck und Baerbock hatten für den Parteivorsitz schon zwei Realos den Finger gehoben, Özdemir wäre der dritte gewesen und hätte irgendjemand des Trios beschädigt. Mit einem Rückzug vom Rückzug am ehesten vermutlich sich selbst. Auch in der Fraktionsspitze ist für ihn kein Platz, die Ende der Woche festgelegt werden soll. Katrin Göring-Eckardt gilt als Frau gesetzt, die andere Position soll der Linke Anton Hofreiter wieder bekommen. Für eine Kampfkandidatur gegen Göring-Eckardt hätte Özdemir derzeit keine Mehrheit.

"Vielleicht bin ich ja der Römer"

Noch tut sich Özdemir schwer mit einem Rückzug. Er bezweifelt, ob die Fundi-Realo-Quote noch das richtige Instrument ist und hofft auf eine Diskussion in der Partei. Die dürfte für ihn zu spät sein. Er selbst, sagt er, habe aber als einfacher Bundestagsabgeordneter nun viel stärker die Freiheit, seinen Wahlkreis Stuttgart - seiner Meinung nach "Deutschlands schönster" - zu vertreten. Er müsse nicht mehr wie noch als Parteichef auf das "17. Konsens-Papier" Rücksicht nehmen, sondern könne die Probleme "pointiert" ansprechen.

Vielleicht, sagt Özdemir, müsse man seine Arbeit als Parteivorsitzender ein bisschen wie in dem Film "Das Leben des Brian", einem seiner Lieblingsfilme, bewerten. Als darin die Judäische Volksfront zum Aufstand gegen die Römer bläst, fällt ihr plötzlich nach und nach ein, was die Römer alles Gutes geleistet haben. Sichere Straßen, Einführung der Kanalisation zum Beispiel. "Vielleicht", sagt Özdemir, "bin ich ja der Römer gewesen."

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