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Schreiben nach Gehör - Wenn aus Eule "Oilö" wird

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Wie Kinder am besten schreiben lernen, ist viel diskutiert. Die Methode "Schreiben nach Gehör" wird teils heftig kritisiert. Aber gibt es wirklich nur den einen richtigen Weg?

Grundschüler bei Schreibübungen
Schreiben nach Gehör oder gleich auf die richtige Schreibweise pochen?
Quelle: imago

Die Sommerferien sind jetzt bundesweit zu Ende, und auch die letzten Abc-Schützen sind am Start. In der ersten Klasse steht neben Lesen und Rechnen auch das Schreiben lernen im Lehrplan. Während die Lehrer früher von Anfang an auf die Rechtschreibung achteten, hat vor rund 35 Jahren die Methode "Schreiben nach Gehör" Einzug gehalten.

Wibke Harnischfeger ist Grundschullehrerin in Darmstadt. Sie praktiziert seit Jahren erfolgreich "Schreiben nach Gehör" in ihren ersten Klassen, betont aber, dass sie beide Methoden des Schreibenlernens parallel anwendet. Sie möchte den Erstklässlern Freude am Schreiben vermitteln. "Gerade in den ersten Schulwochen sollen die Kinder ganz unbefangen drauflos schreiben dürfen", sagt Harnischfeger. So stellten sich in kurzer Zeit erste Erfolge ein, und die Kinder könnten verständliche eigene Texte verfassen.

Kritiker: Laute können nicht alle gehört werden

Wolfgang Steinig war Professor an der Universität Siegen für Didaktik der deutschen Sprache. Er gilt als einer der größten Gegner der "Schreiben nach Gehör"-Methode: "Gerade Kinder aus bildungsfernen Haushalten und mit Migrationshintergrund werden so in der Schule abgehängt." Denn wie sollen Kindern, deren Eltern kein korrektes Deutsch sprechen, sich an der Lautsprache orientieren können?

Der Gedanke, man könne jeden Laut in Wörtern hören, ist nach Ansicht von Steinig falsch. "Bei dem Wort "fünf" hört sich das "n" wie "m" an", gibt der Germanist zu bedenken: "Wir glauben, ein 'n' zu hören, weil wir wissen, wie das Wort geschrieben wird, aber ein Kind, das gerade erst Schreiben lernt und das Wort nicht kennt, hört ein 'm'." Steinig ist sich sicher, dass Menschen nicht von alleine darauf kommen können, wie Worte geschrieben werden, denn "wir brauchen die Einsicht, wie Worte aufgebaut sind". Bei zweisilbigen Wörtern wie etwa "Wagen" wird die erste Silbe betont und die zweite, die ein "e" enthält, wird verschluckt. Für Kinder ist ein "e" in der unbetonten Silbe aber nur schwer zu erkennen. "Um die einzelnen Laute hören zu können, muss das Wort beim Sprechen überdeutlich artikuliert werden, aber das machen wir im alltäglichen Sprachgebrauch nicht", fügt Steinig hinzu.

Nach und nach lernen, und immer besser darin werden

Erika Brinkmann gehört zu den Verfechterinnen des "Schreibens nach Gehör". Die ehemalige Professorin für deutsche Sprache, Literatur und Didaktik an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd ist überzeugt, dass Kinder erst das alphabetische Prinzip kennenlernen und verstehen müssen. "Deshalb nutzen sie von Beginn an lautierend ihre Kinderschreibweise, wissen aber, dass die Buch- oder Erwachsenenschrift oft anders aussieht", so Brinkmann. Danach erst können sie die Schrift für sich persönlich nutzen und auch etwas lesen und aufschreiben, was sie zuvor nicht geübt haben. Dass sie es noch nicht gleich fehlerlos nutzen können, ist laut Brinkmann ganz normal - sie sollen es, wie alles andere auch, nach und nach lernen und dabei immer besser darin werden.

So arbeitet auch Grundschullehrerin Harnischfeger. Sie weiß, wie wichtig Lob gerade in der ersten Phase des Schreibenlernens ist, allerdings betone sie auch immer: "So schreibst du, aber nicht die Großen." Damit führt sie ihre Schüler allmählich an die richtige Schreibweise heran. "Manche Kinder schaffen es bereits nach einem halben Jahr, manche brauchen ein Jahr, damit aus 'Oilö' Eule wird", weiß die Darmstädterin. Wichtig sei, dass die Kinder viel lesen. So könnten sie "immer ihre Schreibweise mit der richtigen Rechtschreibung aus den Arbeitsheften vergleichen". Sie gingen irgendwann ganz alleine dazu über, so zu schreiben "wie die Großen".

Laut Wolfgang Steinig ist das Erlernen der korrekten Schreibung nur durch gezielte Unterstützung von Eltern und Lehrern möglich. Kinder aus bildungsorientierten Familien kämen auch mit "schlechten Lehrmethoden" klar. "Die Eltern sind bemüht, dass ihr Kind die korrekte Rechtschreibung lernt, weil sie wissen, wie wichtig sie für den schulischen Erfolg ist", so Steinig. Seiner Erfahrung nach wird dann zu Hause gemeinsam geübt, oder ein Nachhilfe-Lehrer kommt ins Spiel.

Baden-Württemberg schaffte 2016 Methode ab

Wie kontrovers das Thema diskutiert wird, zeigt sich auch anhand der Haltung der einzelnen Bundesländer. Während das rheinland-pfälzische Kultusministerium den Einsatz von "Schreiben nach Gehör" in den Grundschulen gestattet, und darauf verweist, dass bislang keine empirische Untersuchung gezeigt hat, dass schlechte Rechtschreibleistungen auf diese Methode zurückzuführen sind, hat Baden-Württemberg bereits 2016 eine Kehrtwende vollzogen. In einem Schreiben stellte Kultusministerin Susanne Eisenmann klar, dass Lehrer verstärkt auf korrekte Rechtschreibung zu achten und Fehler konsequent zu korrigieren haben. Methoden, bei denen Kinder über einen längeren Zeitraum nicht auf die richtige Schreibweise achten müssen, dürfen hingegen nicht mehr praktiziert werden.

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