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Frankreich - Grundschule entscheidet über Karriere

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Der Ernst des Lebens fängt in Frankreich früh an. Private Grundschulen bereiten auf die Aufnahmeprüfungen der Grandes Écoles vor. Nur die eröffnen den Eintritt in die Elite.

Archiv: Lehrerin mit Schülern an der Grundschule Ferdinand Buisson - Franconville, Frankreich am 03.09.2013
Archiv: Lehrerin mit Schülern an der Grundschule Ferdinand Buisson - Franconville, Frankreich am 03.09.2013 Quelle: imago

In Deutschland kann man ohne Abitur Außenminister oder Kanzlerkandidat werden, in Frankreich ist das undenkbar. Der Besuch einer Elitehochschule ist ein Muss für die Karriere. Das Rennen um die besten Schulen fängt in Frankreich daher schon sehr früh an, nämlich in der Grundschule. Während in Deutschland nur drei Prozent der Grundschüler private Einrichtungen besuchen, sind es in Frankreich 14 Prozent - Tendenz steigend. "Frankreich investiert schon bei den Kleinsten sehr stark in die Ausbildung", heißt es in einer aktuellen Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

In Frankreich spielt die frühe Wahl der richtigen Schule eine große Rolle. Bereits der Kindergarten ist an eine Grundschule angeschlossen. Die Kinder rutschen mit sechs Jahren automatisch in die erste Klasse. Erst in der sechsten Klasse fällt die Entscheidung, wie es in der siebten Klasse mit der weiterführenden Schule weitergeht. Einige Schulen, wie das private Collège Stanislas, bieten das gesamte Schulprogramm an, so dass die Schüler nicht mehr wechseln müssen.

"Schüler werden nicht zum Mitdenken animiert"

Ein Manko der öffentlichen Schulen ist der Frontalunterricht. "Die Schüler werden nicht zum Mitdenken animiert, sondern zum Auswendiglernen. Entsprechend bleiben die Franzosen bei Innovationen im internationalen Vergleich hinter ihrem Potenzial zurück", erklärt ein führender OECD-Mitarbeiter. Er lebt seit Jahren mit seiner Familie in Paris und hat selbst seine Kinder auf Privatschulen geschickt. "Auch auf Fremdsprachen und Auslandsaustausch legen die öffentlichen Schulen in Frankreich vergleichsweise wenig wert", erklärt er mit Bedauern. 

Die öffentlichen Schulen in Frankreich bereiten aus Sicht der Eltern nicht ausreichend auf die strengen Aufnahmeprüfungen der Grandes Écoles vor. Spätestens in der sechsten Klasse, wenn der Wechsel zur weiterführenden Schule ansteht, gehen die Klassenbesten auf private Schulen. Denn bereits im Alter von 18 Jahren hat sich entschieden, wohin ihr Weg führen wird: auf eine Eliteuniversität mit großartigen Karrierechancen oder auf eine reguläre Universität mit der Zukunft Mittelmaß. So charmant Frankreich ansonsten ist, so hart siebt das Land im Berufsleben aus. In Deutschland steht für einen 18-Jährigen noch vieles offen. Wer in Frankreich dagegen nicht von Anfang an auf der richtigen Schule war, kann dieses Defizit in seinem Lebenslauf kaum mehr ausgleichen.

Nach dem Unterricht fängt die Arbeit erst richtig an

Besonders gefragt sind katholische Einrichtungen, die auch Präsident Emmanuel Macron besucht hat. Sie werden vom Staat stark subventioniert. Das Schulgeld ist daher relativ niedrig, die Aufnahmekriterien dafür sehr streng. Die ausgewählten Schüler sind auf Linie, gutes Benehmen und bereits gute Vorschulkenntnisse ein Muss. "Die Kinder schreiben schon in der ersten Klasse Diktate", erzählt ein Vater sichtlich stolz. Am Wochenende übt seine sechsjährige Tochter für die Tests am Montag. Der Schlüssel zum Erfolg sei "die eigene Arbeit der Schüler nach dem Unterricht", sagt Daniel Chapellier, der die katholische Privatschule Collège Stanislas 13 Jahre geleitet hat, in einem Zeitungsinterview.

Schulen wie das ebenso strenge wie begehrte Collège Stanislas im schicken sechsten Pariser Arrondissement wurden bereits vom französischen Präsidenten Charles de Gaulle besucht. In Stanislas fängt das Konzert am Ende des Schuljahres um neun Uhr abends an. Von den Kleinsten der Schule wird dann nicht nur erwartet, wach zu sein, sondern auch dem Mozart-Konzert bis zum Ende still und artig zu lauschen. Unglücklich wirken die Kinder nicht. Sie scheinen die hohen Anforderungen von Anfang an gewohnt zu sein. 

Tür zu einigen Schulen öffnet sich nur mit Empfehlung

Einen anderen Weg als die öffentlichen und katholischen Einrichtungen gehen private Schulen wie Montessori oder Waldorf, die in Frankreich immer mehr Anklang finden. Die privaten Kindergärten mit angeschlossener Grundschule schießen in Paris wie Pilze aus dem Boden. Der Ansturm ist gewaltig, auch weil viele Eltern das enge Korsett und den staatlichen Frontalunterricht nicht mehr für ihr Kind wollen. Sie erhoffen sich ein Gegenmodell, das die Kinder zum eigenen Erkunden ermuntert und ihre Talente fördert. 

Die neuesten Schulen werden heiß gehandelt und stehen in einigen Fällen nur ausgewählten Eltern offen, die die Gründer kennen. Keine Internetseite, kein öffentlicher Ansprechpartner. Vielmehr sind die Eltern auf eine Empfehlung angewiesen, bevor sie sich bewerben dürfen. Der Aufwand lohnt sich. Meist haben die privaten Schulen viel kleinere Klassen, sind bilingual und bestens mit Schulmaterial ausgestattet. Das Rennen kann beginnen.

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