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Guy Stern: Es reißt alte Wunden auf

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Verfolgung und Antisemitismus - Guy Stern: Es reißt alte Wunden auf

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Guy Stern war 16 Jahre alt, als in Deutschland die Synagogen brannten. Seine Eltern hatten ihn nach Amerika geschickt. Frontal 21 sprach mit ihm über Verfolgung und Antisemitismus.

Guy Stern war 16 Jahre alt, als in Deutschland die Synagogen brannten. Seine Eltern hatten ihren ältesten Sohn ein Jahr zuvor nach Amerika geschickt.

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Guy Stern, als Günther Stern geboren, kehrte als Soldat der US-Army in das zerstörte Deutschland zurück und erfuhr erst dann vom Schicksal seiner Familie. Seine Eltern und Geschwister wurden von den Nazis deportiert und ermordet.1998, zum 60. Jahrestag der Reichspogromnacht, sprach Guy Stern als inzwischen renommierter amerikanischer Germanistikprofessor vor dem Deutschen Bundestag. Damals war er optimistisch, dass Deutschland aus den Schrecken des Nationalsozialismus gelernt hat.

Heute, 20 Jahre später, ist die jüdische Gemeinde in Deutschland besorgt: Die Zahl antisemitischer Straftaten steigt, in den Parlamenten sitzt eine rechtspopulistische Partei, die Verbrechen der Nationalsozialisten verharmlost.

  • Wie kam Guy Stern mit dem Verlust der Familie, die er in die USA nachholen sollte, zurecht?

"Zurecht gekommen wäre übertrieben. Die Erlebnisse, die man als Jugendlicher hat, bleiben. Ich habe damit gelebt und meine mir selbst gestellte Aufgabe ist immer gewesen, dass ich als einziger Überlebender ein Leben zu führen habe, das etwas bedeutet. Diese Aufgabe habe ich mir gestellt und ich bin jetzt noch als gealterter Mensch völlig eingebunden in Institut und Museum."

  • Erlebnisse aus Nazi-Deutschland ...

"Ich glaube, mein Vater hat begriffen, dass schlimme Zeiten bevorstehen. 1933 hatte sich die Familie um denTisch versammelt und gesagt: Hört zu, es werden schwere Zeiten auf uns zukommen, aber wir werden sie überwinden. Schließlich ist es eine Demokratie. Wir haben ein Parlament, eine Verfassung. Allzu schlimm kann es nicht werden. Aber dann kamen die Ausschreitungen der Nazis, ein Geschäftsfreund meines Vaters wurde furchtbar misshandelt. Mein Vater kam in ähnliche Situationen. Diese Erlebnisse bleiben haften, und mein Vater sagte, wir müssen etwas unternehmen."

  • 1938 brannten Synagogen ...

"Ich gehe aus dem Haus meines Onkels und meiner Tante (USA), und da schreit uns ein Zeitungsjunge entgegen: Die Synagogen brennen in Deutschland, lest alles hier, kauft eine Zeitung. Dieser Schrecken, dieser Ausruf, dieser Reklameschrei dieses Jungen gellt mir manchmal noch in den Ohren."

  • Wie war die Rückkehr in Ihren früheren Heimatort Hildesheim?

"Als Soldat war ich sehr diszipliniert. Aber was da geschah! Ich kam in die Wohnung und Frau Ebeling fing an zu heulen. Sie wusste, was sie uns mitteilen musste. Ihr Mann übernahm das Gespräch und es war sozusagen, als ob man auf einmal von den Menschen, die mir am nächsten standen, dass man von diesen Geliebten auf einmal Abschied nahm."

  • Gefühle in Deutschland 1945

"Diese Rückkehr, dieser Schritt war für mich problemlos. Ich war in Uniform, ich hatte meine Pflicht zu erfüllen, aber als ich diese Nachrichten erhielt, wusste ich, das ist nicht mein Land. Ich hatte gute Freunde in St. Louis, da war ich daheim, ich war wirklich gut integriert und ich dachte, Deutschland kann mir gestohlen bleiben."

  • Weshalb dann Germanistik?

"Meine Überlegung war folgende: Man darf keine Pauschalurteile fällen. Es gab Familien wie Ebeling, die uns beigestanden haben. Man darf nicht urteilen, wie der Jude ist. Wie in der Nazi-Propaganda. Man darf sich dieses Vorbild nicht zu eigen machen. Es war eine schrittweise Wiederannäherung. Germanistik hatte ich nicht gleich ausgesucht. Eine schrittweise geistige Rückkehr in ein Land, in dem ich aufgewachsen war, das ich fast wie ein Patriot geliebt habe, in dem ich verwurzelt war."

  • Und heute: Aufstieg rechter Parteien ...

"Ein Schrecken. Man sieht so viele Parallelen von der Übernahme der Macht, von einer Einzelperson, von einem Diktator, und der Weg, den diese Tyrannen beschreiten, ist immer derselbe. Machtübernahme, wie man die Gegenseite mundtot macht. All diese Verhaltensmuster habe ich schon einmal 1933 bis 1937 erlebt, und mir macht es Angst, dass diese Gewalt, diese Verführung eines ganzen Volkes noch mal geschehen könnte."

  • In Deutschland?

"Auch in Deutschland ist diese Gefahr nicht gebannt. Man sieht Rechtsradikale, die wieder ungestört demonstrieren, sich offen auf der Straße zeigen, kein Blatt mehr vor den Mund nehmen, antisemitische Slogans verbreiten. All das ist heute präsent. Was mir weiterhin noch einen gewissen Optimismus erlaubt, dass man noch Gegenstimmen hört, auch gegen diese Verkümmerung der Demokratie. Das lässt uns Hoffnung, dass wir nochmal davonkommen können."

  • Die Gefahr wird unterschätzt?

"Sie kennen den Ausdruck: Wer die Geschichte ignoriert, ist verdammt, sie zu wiederholen. Man ist nicht hellhörig genug. Freiheit der Rede. Man sagt, die dürfen auch schreien. Und das ist die falsche Einstellung."

  • Gaulands "Vogelschiss"-Vergleich ...

"Es reißt alte Wunden wieder auf. Man kann es natürlich abwerten als eine Dummheit eines nicht sehr gebildeten Politikers, aber es ist mehr. Denn er vertritt ja auch Wähler. Es ist nicht nur ein dummer Satz, sondern auch ein aufrührerischer Satz, der an die niederen Instinkte der Wähler appelliert, Hetze, Gewaltmaßnahmen, an diese Instinkte zu rühren, um eigenen Profit zu ziehen, ist schäbig und mehr.

  • Wünsche für jetzt und später?

"Man kann Leute umstimmen, nicht Fanatiker, das ist aussichtlos. Aber wir hier im Holocaust-Museum haben immer wieder erlebt, dass wir Leute, die mit Vorurteilen kamen, überzeugen konnten. Wenn sie die Geschichte gehört haben, erklärt bekommen, wenn sie sehen, welche Folgen das haben kann. Dann haben wir etwas geleistet. Würde mir wünschen, dass das Wort die Priorität erhält."

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