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75 Jahre Operation Gomorrha - "Hamburg hatte mehr Tote als Dresden"

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Mit Bombenhagel versuchten die Briten, die Moral der Deutschen zu brechen. Historiker Thießen erklärt, warum viele von Dresden sprechen, obwohl es in Hamburg viel mehr Tote gab.

Ruinen nach einem Bombenangriff auf Hamburg im Juli 1943 - "Operation Gomorrha"
Ruinen nach einem Bombenangriff auf Hamburg im Juli 1943 - "Operation Gomorrha"
Quelle: dpa

heute.de: Sie vermeiden im Titel Ihrer Doktorarbeit den Begriff "Operation Gomorrha". War Ihnen das zu provokativ?

Malte Thießen: Eigentlich ist Feuersturm der schlimmere Kampfbegriff. Er wurde vom Nationalsozialismus propagandistisch aufgeladen. Doch der biblische Begriff "Gomorrha" ist auch schwierig. Viele benutzen "Sodom und Gomorrha", um gegen Schwule zu hetzen. Fakt ist: Die britische Luftwaffe, die Royal Air Force, hat für große Flächenangriffe Tarnnamen erfunden. Und für Hamburg lautete der "Action Gomorrha".

heute.de: Was ist bei dieser "Action Gomorrha" genau passiert?

Thießen: Es war der schwerste Angriff auf eine deutsche Stadt im Zweiten Weltkrieg überhaupt. Ziel war es, die Zivilbevölkerung mit Flächenbombardements zu treffen und die Moral der Deutschen zu brechen. Die Engländer sahen den Angriff auf Zivilisten als Teil einer psychologischen Kriegsführung. Die Amerikaner verfolgten eine andere Strategie: Sie haben zielgerichtet militärische Infrastruktur bombardiert.

heute.de: Wie stark hat Hamburg unter der "Operation Gomorrha" gelitten?

Thießen: Das war verheerend für Hamburg. Der erste Angriff vom 24. auf den 25. Juli 1943 hat den westlichen Teil Hamburgs getroffen. Vom 27. auf den 28. Juli folgte dann die sogenannte Feuersturm-Nacht. Hier wurden weite Teile des Ostens Hamburgs platt gemacht. Das Ganze funktionierte mit zwei Bomberwellen.

heute.de: Was meinen Sie mit "Bomberwellen"?

Thießen: Die Flieger brausten zweimal über die Stadt. Die erste Welle warf Sprengbomben ab. Die deckten die Dächer ab und sorgten für eine erste Zerstörung. Die zweite Welle bestand aus Brandbomben. Hamburg ist eigentlich für Schmuddel-Wetter bekannt. Doch damals herrschte herrliches Sommerwetter und damit Trockenheit. Das Feuer konnte sich rasch ausbreiten. Es entstand eine Art Kamin-Effekt: Nach oben entwich die Heißluft, von unten wurde kalte Luft nachgesaugt. So wurde ein riesiger Feuersturm entfacht.

heute.de: Das heißt: Viele Menschen sind verbrannt?

Thießen: Nein, eben nicht. Die meisten sind erstickt, weil die Sogwirkung des Feuersturms den Sauerstoff aus den Kellern gezogen hat. Das war das perfide: Viele hatten Schutz in den Kellern gesucht, sind dann aber im vermeintlichen Zufluchtsort erstickt. Die Löschversuche waren nicht erfolgreich, die Feuerwalzen konnten sich ungehindert breitmachen.

heute.de: Wie viele Menschen kamen um?

Thießen: Sichere Zahlen haben wir nicht, weil oft nur noch Schutt und Asche vorgefunden wurden. Viele Menschen waren nicht mehr zu identifizieren. Schätzungen gehen von insgesamt 33.000 Toten aus, davon allein 31.000 Tote in der sogenannten Feuersturmnacht. Hamburg hatte damit mehr Opfer zu beklagen als Dresden. Hier geht die Historikerkommission von bis zu 24.000 Opfern aus.

heute.de: Warum sind die Bomben auf Dresden im kollektiven Gedächtnis präsenter, wenn in Hamburg alles viel schlimmer war?

Thießen: Schon die Nazis haben Dresden zu einem Menetekel stilisiert. Göbbels versuchte, mit dem zerstörten Dresden die Bösartigkeit der Alliierten auszuschlachten. Er wollte weiter für den "Endsieg der Deutschen" werben. Und dann gab es eine geteilte Erinnerungskultur. In der DDR wurde Dresden zu einem nationalen Erinnerungsort. Das DDR-Regime hat hohe Opferzahlen frei erfunden, um im Kalten Krieg eine schaurige Geschichte über das NATO-Land Großbritannien und die "Mörder-Amis" zu erzählen.

heute.de: Und wie sah die Erinnerungskultur in Hamburg aus?

Thießen: Viel differenzierter und von Anfang an auf Aussöhnung bedacht. Schon 1946/47 gab es einen britisch-deutschen Gedenkgottesdienst. Als in Hamburg ein Massengrab eingeweiht wurde, hat man nicht nur der deutschen Opfer gedacht, sondern den Zusammenhang zu den deutschen Verbrechen betont. Die Deutschen haben den Krieg schließlich begonnen und wollten die Juden vernichten. Diese geschichtspolitische Sensibilität war in Hamburg erstaunlich präsent.

heute.de: Hatten die britischen Militärs keine moralischen Bedenken?

Thießen: Doch. Die Flächenbombardements waren sehr umstritten, schließlich trifft man auch Frauen, Kinder, Zivilisten. Auch Opfer des NS-Regimes wie Zwangsarbeiter oder Juden litten unter den britischen Bomben. Aber Großbritannien stand während der Planung der Flächenbombardements im Frühjahr 1940 mit dem Rücken zur Wand. Das war vor Pearl Harbor, die USA waren noch nicht in den Krieg eingetreten, ein Großteil Europas in deutscher Hand. Die Briten sahen darin das einzige Mittel, die Deutschen zu schwächen. Und in gewisser Weise ging die Taktik in der Hansestadt auf: Die Hamburger Rüstungswirtschaft war erst Anfang 1944 wieder voll produktionsfähig, aber längst nicht mehr so effizient wie früher. Und viele Hamburger glaubten nicht mehr an einen Sieg Hitlers. Viele Soldaten haben sich an der Front gefragt: Was kämpfen wir im fernen Russland, wenn nicht mal Hamburg in Sicherheit ist?

heute.de: Haben sich die Briten für die "Action Gomorrha" entschuldigt?

Thießen: Nein. Aber es gab viele Gesten des Bedauerns und der Versöhnung. Nach Kiel war Hamburg die zweite Stadt, die das Nagelkreuz von Coventry erhalten hat – ein Symbol für die deutsch-britische Versöhnung. Und die Briten sind sich ihrer historischen Verantwortung bewusst. 1995 kam Prinz Charles, 2003 der britische Botschafter. Ich finde, gelebte Freundschaft und Versöhnungsarbeit bringt viel mehr als eine explizite Entschuldigung.

heute.de: Welche Lehren ziehen Sie aus der "Operation Gomorrha" – dass Krieg und Vernichtung ethisch vertretbar sein können?

Thießen: "Nie wieder Krieg" – natürlich bin ich für diese Parole. Aber das funktioniert nicht immer. Die Angriffe auf Hamburg waren unmenschlich und barbarisch. Aber aus damaliger Perspektive waren sie zu rechtfertigen. Eine Lehre aus der der "Operation Gomorrha" kann sein: Wir dürfen es uns mit der Erinnerung nicht zu leichtmachen. Wir müssen die Schwierigkeiten und Widersprüche miterinnern. Umgekehrt gilt: Kriege sind nie einfach, es gibt immer Alternativen. Wir müssen uns anstrengen, um diese zu ergreifen und um Schlimmeres zu verhindern.

Das Interview führte Raphael Rauch.

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