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Hamburg vor G20-Gipfel - Kurzes Verschnaufen im Getöse

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Hamburg klingt anders zurzeit. Ständig dröhnen Hubschrauber über der Stadt, ständig erschreckt ein Martinshorn, donnern Wasserwerfer die Straße entlang zu irgendeinem Einsatzort. Aber es gibt auch weniger Martialisches. Hamburg tanzt und gönnt sich eine kleine Verschnaufpause.

Es müsse beim G20-Gipfel über die richtigen Alternativen für eine gerechtere Welt diskutiert werden, fordert Tobias Hauschild von Oxfam. 8 Milliardären gehöre so viel, wie den ärmsten 3,6 Milliarden Menschen. Das sei ein Kernproblem.

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Die Geschäfte in der Fußgängerzone machen dicht. Dicke Sperrholzbretter werden vor die Schaufenster genagelt, damit nichts kaputt geht. Die roten Sale-Schilder darauf wirken deplaziert. Sommerschlussverkauf, also ob dies Shopping-Tage wären. Vor dem großen G20-Gipfel ist Hamburg im Ausnahmezustand - und doch wieder nicht.

<strong>"Nennt uns nicht Schwestern und Brüder"</strong>

Die erste Aufregung ist vorbei. Heute wird getanzt, Künstler laden zur Lesung, und in einer Performance laufen grau verschmiert Menschen in Zeitlupe durch die Innenstadt. Und dort, wo es in der Nacht zuvor eine Demo mit Verletzten gab, beim Pferdemarkt auf Sankt Pauli, geht es jetzt um Solidarität. Eine Band singt vom Schicksal der Flüchtlinge und erinnert daran, dass es bei dem Treffen der Staats- und Regierungschefs um sie wahrscheinlich höchstens am Rande gehen wird. "Nennt uns nicht Schwestern und Brüder, wenn ihr nie nach uns fragt", singt eine Frau. "Wir reihen uns nicht ein in eure moralische Überlegenheit." Dabei wollen die Menschen, die auf der Wiese sitzen und im Takt der Musik wippen, das gerade nicht sein: Besserwisser, Ignoranten, Gewinner der Weltgeschichte. "Grenzenlose Solidarität statt G20“ steht auf einem Schild, das im Gras steckt.

Was die Menschen in St. Pauli denken, ist kein Geheimnis. Fast kein Haus, in dem nicht ein Plakat oder Schild im Fenster klebt: No G20 als Stopp-Schild gemalt, Welcome to Hell, Rettet die Erde. Oder auf dem Bürgersteig der Banner mit dem Trump-Konterfei, schwarz auf weiß wie früher die Haarwaschmittel-Werbung von Schwarzkopf. Schwachkoppf steht nun darunter. Unweit vom Pferdemarkt liegt die Johanniskirche, wo die Camper ihre Zelt aufschlagen dürfen, nachdem die Polizei erst alle Siedlungen mit Schlafzelten verboten hatte.

Diskussion bitte erst morgen

Heute ist sie nicht mehr so streng. 300 Zelte mit je ein bis zwei Schlafplätzen dürfen auf der Elbinsel Entenwerder nach ewigem Hin und Her und per gerichtlichem Entscheid aufgestellt werden. Doch die Veranstalter lasses es, haben "keine Lust", dass die Polizei es dann möglicherweise wieder auflöst. Die G20-Gegner finden heute auch woanders einen Schlafplatz. Kirchen bieten ihren Garten zum Zelten an, beim Kulturzentrum Kampnagel, wo Menschenrechtsorganisationen auf einem alternativen Gipfel über die Probleme der Welt diskutieren, dürfen ebenfalls Zelte aufgestellt werden. Über Twitter werden die Informationen über neue Schlafplätze weitergegeben.

Nicht alle stimmen. "Ne, wir diskutieren erst morgen", sagt der Mann an der Kasse des Thalia-Theaters. Am Abend ist erst einmal Vorstellung. Gespielt wird "Die Weber", Gerhart Hauptmanns Stück über die Not der Arbeiter und den Kapitalismus.

"20 gegen den Rest der Welt"

Dagegen bleibt das Schauspielhaus für die G20-Gegner offen. Etwa 50 haben Platz für Isomatte oder Luftmatratze im Malersaal bekommen. "Protest ist not a crime" hat das Theater auf einem Plakat über den Eingang gehängt. "Make democracy great again". Zu den ungewöhnlichen Theatergästen gehören Adèle (21), Julien (18) und Camille (25) aus Paris. Froh waren sie, als sie am Vortag per Twitter von dieser Schlafmöglichkeit erfahren hatten. Sie finden Deutschland trotzdem irgendwie gut organisiert - und sehr solidarisch. Nachbarn hatten Essen und Matratzen vorbeigebracht.

Die drei sind zum ersten mal bei einem G20-Gipfel. "Aus Prinzip", sagen sie. Trump, Erdogan, Putin, auch Macron: "20 entscheiden gegen den Rest der Welt", sagt Adèle. Und diejenigen, die ihre Beschlüsse ausbaden müssen, die Zivilgesellschaft nämlich, dürften noch nicht einmal mitreden. Sie wollen sich aber einmischen, wollen auf die Demonstrationen gehen, auf Workshops auch. Redefreiheit, Versammlungsfreiheit, überall würden die demokratischen Grundrechte eingeschränkt. "Und immer wird es mit dem Terrorismus begründet", sagt Camille.

Heiße Phase, die kommt erst noch

Morgen wollen sie zur "Welcome to hell“-Demonstration, die gewalttätigste des ganzen Gipfels vielleicht. Heute noch eine kleine Verschnaufpause. Neue Leute mit großen Rucksäcken kommen und suchen einen Schlafplatz. Morgen früh kommt der Protest-Sonderzug aus Basel mit Gipfel-Gegnern am Hauptbahnhof an. Am Nachmittag dann US-Präsident Donald Trump, der sich am frühen Abend mit Kanzlerin Angela Merkel trifft. Auf ihrer Besucherliste steht auch noch der türkische Staatschef Recep Tayyaip Erdogan. Die heiße Phase, die kommt erst noch.

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