Sie sind hier:

Verletzte Polizisten, empörte G20-Gegner - Polizei kämpft gegen Eskalation - und harte Vorwürfe

Datum:

Die Ausschreitungen in Hamburg dauern an. Die Polizei beklagt 160 verletzte Beamte und fordert weitere Unterstützung an. Gleichzeitig wird die Kritik an der Strategie der Einsatzkräfte lauter. Das Lager der G20-Gegner spricht von "Brutalität bis hin zur Grausamkeit".

Am ersten Tag des G20-Gipfels ging die Randale weiter. Es gab zwar auch friedlichen Protest. Das Gesamtbild aber bestimmten die gewalttätigen Demonstranten.

Beitragslänge:
5 min
Datum:

Hamburg kommt nicht zur Ruhe: Auch am Freitag kommt es an vielen Orten in der Stadt zu gewaltsamen Ausschreitungen. Auf der Reeperbahn setzen Gewaltbereite Eisenstangen gegen Verkehrspolizisten ein. In St. Pauli ist ein Streifenwagen Ziel eines Angriffs. Besonders kritisch ist die Lage auch in Altona. Dort brennen Autos, Molotow-Cocktails fliegen auf Einsatzkräfte. An den Landungsbrücken blockieren Gegenstände die Schienen und Störer sammeln Wurfgegenstände.

Innensenator Andy Grote spricht von einem erschreckenden Gewaltpotenzial. "Wir müssen mit allem rechnen, wir rechnen auch mit allem", sagt er mit Blick auf den weiteren Gipfel-Ablauf. Aus den anderen Bundesländern kommen im Laufe des Tages deshalb auch weitere Hundertschaften nach Hamburg. Die Qualität der Gewalt sei doch eine andere als erwartet, erklärt Polizeisprecher Timo Zill die angeforderte Verstärkung. "Wir müssen davon ausgehen, dass die Gewalt wieder aufflammt."

Schon jetzt beklagt die Polizei 160 verletzte Beamte. Bei den Krawallen nach der "Welcome to Hell"-Demo seien mehrere Beamte mit Zwillengeschossen verletzt worden. Die Piloten eines Polizeihubschraubers seien zudem mit einem Laserpointer angegriffen worden. Sie seien aber nicht schwer verletzt und wieder dienstfähig, so die Polizei.

G20-Gegner erheben schwere Vorwürfe

Doch die Beamten beschweren sich nicht nur über Gewalt - sie sehen sich auch selbst schweren Vorwürfen ausgesetzt. Die G20-Gegner machen die Polizei unter anderem für die Eskalation der "Welcome to Hell"-Demo verantwortlich. Auch der Einsatz von Schlagstöcken, Wasserwerfern und Pfefferspray gegen Aktivisten, die bunt und friedlich demonstrieren, sorgt für Unverständnis.

Besonders deutlich wird Gabriele Heineke vom anwaltlichen Notdienst. Sie wirft der Polizei in mehreren Fällen "Fake News" vor. Bei "Welcome to Hell" hätten sie eine friedliche Demonstration angegriffen und auch vor ihr als klar gekennzeichneter Anwältin keinen Respekt gehabt. Außerdem habe die Polizei die Einreise von Aktivisten aus Bologna verhindert. Ein Verstoß gegen das europäische Menschenrecht auf Demonstration, so Heineke.

Auch in der Gefangenensammelstelle im Stadtteil Harburg kämpfe der anwaltliche Notdienst mit massiven Behinderungen. 120 Gefangene seien dort bereits. Die Anwälte würden gerne helfen, hätten aber erhebliche Probleme, zu den Festgenommenen zu gelangen. Heineke spricht von einem massiven Verstoß gegen die Verfassung - und sieht in dem momentanen Einsatz insgesamt sogar "eine Bürgerkriegs-Übung". Die Hamburger Polizei kann diese Vorwürfe nicht bestätigen.

"Unverhältnismäßiger" Einsatz

Deutliche Kritik kommt auch von Jana Schneider. Sie gehört zu den Organisatoren des Bündnisses BlockG20, das den ganzen Freitag über versucht, in verschiedenen Kleingruppen wichtige Straßen und Kreuzungen zu blockieren. Dabei versuchen die Aktivisten, die Polizei "zu umfließen". Von Gewalt wollen sie aber keinen Gebrauch machen. Die Aktion wertet Schneider zwar bereits am Mittag als Erfolg. So sei es zum Beispiel gelungen, die deutsche Delegation aufzuhalten. Doch die Polizei habe bei der Auflösung "brutal" reagiert, die Blockierer mit einem Wasserwerfer und dem Einsatz von Pfefferspray attackiert, statt sie wegzutragen. "Wir haben uns gefühlt, als ob wir keine Menschenrechte mehr hätten", kritisiert Schneider.

Die Parlamentarischen Beobachter der Linken berichten Ähnliches. Sie beobachten eine Gruppe des BlockG20-Bündnisses, die an den Landungsbrücken startet. Dort wird der Protestzug bereits nach 100 Metern aufgehalten - unter dem Einsatz von Schlagstöcken und Schubsereien. Kurze Zeit später kesseln die Einsatzkräfte die Gruppe in einem Wohngebiet ein, indem überhaupt kein Demonstrationsverbot gilt. Rechtswidrig, urteilt der Bundestagsabgeordnete Jan van Aken, einer der Beobachter.

Immer wieder geht van Aken auf Beamte zu, wenn er hartes Einschreiten beobachtet, vermittelt zwischen Einsatzleiter und Demonstranten. Dennoch kommt es zum Einsatz von Schlagstöcken und Pfefferspray, unter anderem gegen eine Journalistin. "Ich finde den Einsatz der Polizei von der Menge, aber auch vom Vorgehen her unverhältnismäßig", sagt van Aken. "Ich weiß nicht, was das soll. Es ist hier ein bunter Protest: Die tanzen, die machen Musik. Und dass die Polizei derart hart zuschlägt, ist aus meiner Sicht nicht zu erklären."

Zill: "Handeln war alternativlos"

Speziell um den Einsatz bei der "Welcome to Hell"-Demo dreht sich die Kritik von Andreas Beuth. Der Rechtsanwalt der Roten Flora spricht von "Brutalität bis hin zur Grausamkeit" und erklärt den Dialog mit der Polizei für beendet. Besonders schlimm habe er die "hasserfüllten Gesichter der Polizisten" empfunden, die auch auf Demonstranten am Boden eingeprügelt hätten. Michael Martin, einer der "Welcome to Hell"-Organisatoren, glaubt, dass die Eskalation eingeplant war. Martin fordert eine politische Auseinandersetzung mit dem Einsatz. Er ist überzeugt: "Es gab von vornherein den Plan, uns einzukesseln und die Demonstration nicht loslaufen zu lassen."

Den Vorwurf weist Pressesprecher Timo Zill energisch zurück. "Das Handeln der Polizei war alternativlos", sagt er. Die Polizei habe versucht, zu kooperieren. Über 45 Minuten habe es Gespräche gegeben, um die Vermummten davon zu überzeugen, Gesicht zu zeigen. Das habe aber nicht zu den erwünschten Fortschritten geführt. "Diese Menschen dann vermummt durch bewohntes Gebiet ziehen zu lassen, ist aus Sicherheitsgründen nicht durchführbar gewesen", sagt Zill.

Dem Autor auf Twitter folgen: @waskevinsagt

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.