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"Wir haben um die Ehre gekämpft"

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75 Jahre Warschauer Aufstand - "Wir haben um die Ehre gekämpft"

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Hanna Stadnik (90) war als 15-jährige als Krankenschwester in Warschau tätig und am Aufstand beteiligt. Sie repräsentiert die jüngste Generation der Aufständischen.

Zeitzeugin Hanna Stadnik
Zeitzeugin Hanna Stadnik
Quelle: ZDF

heute.de: Wie haben Sie den Beginn des Aufstands empfunden?

Hanna Stadnik: Ich glaube, dass die fünf Jahre Besetzung tragischer als der Aufstand waren. Wir sind in die Schule gegangen, unser Vater zur Arbeit. Aber wir wussten nicht, ob wir uns beim Mittagessen wiedersehen würden.

heute.de: Warum war der Aufstand also "weniger tragisch"?

Stadnik: Weil wir um die Ehre gekämpft haben. Wir sind mit anderen Gefühlen zum Aufstand gegangen. Unsere Eltern und Großeltern lebten noch unter der Besatzung. Wir waren die erste Generation, die im freien Polen groß geworden ist. Und die Eltern haben uns gelehrt, wie man sich um die Heimat kümmern muss, sie lieben muss und etwas für sie tun muss.

heute.de: Wie war die Stimmung vor und am Anfang des Aufstands?

Es herrschte Freude und Euphorie. Bis zum ersten Verletzten.

Stadnik: Es gab sehr viel Enthusiasmus und sehr große Freude. Zum ersten Mal, nach Jahren der Besatzung, sahen wir weiß-rote Fahnen in den Fenstern. Ich weiß nicht, wo die Menschen sie aufgetrieben haben. Aber sie haben sie irgendwie gefunden. Es herrschte Freude und Euphorie. Bis zum ersten Verletzten.

heute.de: Und danach?

Stadnik: Mit jedem weiteren Tag wurde es schlechter und schlechter. Es gab immer mehr Verletzte. Und Kämpfe, ständig Kämpfe. Die Leute fragen mich, wo ich übernachtet habe, oder was ich gegessen habe. Ich kann mich daran nicht erinnern. Es gab keine Zeit. Wenn es eine kleine Pause gab, ist man in die Hocke gegangen oder hat sich an eine Wand gedrückt. Man hat kurz geschlafen und ist dann gleich wieder in den Kampf gezogen. Tagsüber und nachts.

heute.de: Was haben Sie als 15-Jährige gemacht?

Stadnik: Ich war Krankenschwester und Meldegängerin. Dazu habe ich gelernt, auf dem Boden zu robben. Denn im Aufstand musste ich mich manchmal zu den Verletzten robben. Das ganze Jahr haben solche Vorbereitungskurse gedauert.

Mit meiner vier Jahre älteren Schwester musste ich dann zählen: wieviele Deutsche da sind, welche Autos, wieviele ein- und ausfahren, welche Waffen sie dabei haben.

Manche sagen, dass der Aufstand mittelmäßig organisiert war. Das ist nicht wahr! Meine Kompanie wurde gut vorbereitet. Wir sind dazu in die Rakowiecka Straße gegangen, schon drei Monate vor dem Aufstand. Das war das deutsche Revier. Mit meiner vier Jahre älteren Schwester musste ich dann zählen: wieviele Deutsche da sind, welche Autos, wieviele ein- und ausfahren, welche Waffen sie dabei haben. Das musste man alles notieren und an die Führung weitergeben.

heute.de: Worüber denkt ein junger Mensch nach, der täglich mit Leiden, Schmerz und Tod konfrontiert wird?

Stadnik: Wir haben ständig gedacht, dass der Sieg möglich ist. Die ganze Zeit. Dass wir es schaffen. Dass die Freiheit kommt, von der meine Eltern und Großeltern geträumt haben. Die Freiheit wurde ihnen nach 20 Jahren der Unabhängigkeit weggenommen. Wir lebten in großer Freude, Enthusiasmus und Liebe für unser Land.

heute.de: Hatten so junge Menschen Methoden, um sich zu stärken?

Stadnik: Für so etwas gab es keine Zeit. Aber an manchen Tagen war es etwas ruhiger. Und diese Ruhe hat einmal sehr schlecht geendet. Das war im Park Dreszera (ein Park im Mokotow Stadtviertel), ein schöner, sonniger Sonntag. Wir haben Fangen gespielt, mit Leszek, einem Kameraden. Wir haben ein paar Minuten gespielt und plötzlich heulten wieder die Sirenen. Also sind wir in den Bunker gelaufen.

Es war Leszek, der blass am Boden lag. Er bewegte sich nicht. Es gab kein Blut.

Am folgenden Tag gab es eine große Schießerei, tagsüber und nachts. Zu unserem Sanitätsstützpunkt kam ein Kollege und sagt: Mädchen, ein Verletzter! Ich lief mit meiner Schwester, und es war Leszek, der blass am Boden lag. Er bewegte sich nicht. Es gab kein Blut. Meine Schwester nahm seine Hand, um den Blutdruck zu prüfen, ich legte meine Hand unter seinen Kopf. Ich spürte sein Gehirn auf meiner Hand. Das waren schreckliche Momente. Sie stecken in uns, bis heute. Es ist sehr schwer, das zu erzählen. In dem Park wurde ein Denkmal errichtet. Und obwohl ich da schon Kinder hatte und in der Nähe wohnte, konnte ich diesen Park nicht betreten.

heute.de: Junge Leute fragen Sie oft, ob Sie auch mal einem deutschen Soldaten geholfen haben.

Stadnik: Ich habe mal einen gerettet. Aber dann hat er uns später auch gerettet. Das war auf der Falata Straße. Da gab es einen kleineren Sanitätsstützpunkt. Man konnte ja nicht immer alle Verletzten in das Krankenhaus transportieren. Die Kameraden kamen und sagten, dass jemand in der Nähe stöhnt. Wir gingen hin und stellten fest, dass es ein Deutscher war. Er hatte eine Beinverletzung und konnte nicht gehen. Wir brachten ihn zu unserem Sanitätsstützpunkt. Natürlich haben wir ihn behandelt, ihm etwas zu Trinken und Essen gegeben - was wir eben zur Hand hatten.

Später hat er uns gerettet. Die von Kaminski kamen vorbei (29. Waffen-Grenadier-Division der SS "RONA"), schreckliche Menschen. Mongolen oder Ukrainer, sie trugen schwarze Uniformen. Sie vergewaltigten und schossen auf alle. Sie kamen auch in unseren Sanitätsstützpunkt rein, wir waren da - vier junge Mädchen. Und sie wollten … aber der Deutsche hat es nicht erlaubt. Er hat sehr laut auf Deutsch geschrien. Er wußte wahrscheinlich, dass ihr Befehlshaber deutsch war. Er hat sie angeschrien und sie haben uns nichts getan.

Später haben wir dann erfahren, dass alle auf der Falata Straße erschossen und vergewaltigt wurden. Schrecklich, was auf dieser Straße während des Aufstands passierte. Aber wenn man hilft, bekommt man Hilfe. Er hat uns geholfen. Das war damals eine sehr ernste Situation.

heute.de: Wie haben Sie das Ende des Aufstandes erlebt und was passierte danach mit Ihnen?

Stadnik: Das war der schlechteste Tag meines Lebens. Schreckliches Gefühl. Es gab sehr schwere Kämpfe an den Tagen zuvor. Und plötzlich - Stille. Wir wollten schon zu den Kanälen runter gehen, um in die Innenstadt zu gelangen. Aber Gott sei Dank haben wir das nicht gemacht. Die Gruppe, die vor uns da runter gegangen ist, ist gefallen.

Kapitulation. Gehen Sie nach draußen und geben Sie die Waffen ab. Wer das nicht tut, wird erschossen.

Ich bin morgens früh draußen vor das Haus gegangen und sah weiße Fahnen an den Fenstern. Keine weiß-roten mehr. Ich fragte mich, was passiert ist und plötzlich drang aus einem Megaphon eine Stimme: "Kapitulation. Gehen Sie nach draußen und geben Sie die Waffen ab. Wer das nicht tut, wird erschossen." Ich berichtete es meinen Freunden. Es gab keinen freien Polen mehr.

heute.de: Sie wurden dann festgehalten und …?

Stadnik: Und dann nach Pruszkow und weiter nach Skierniewice gebracht. Und in Skierniewice haben wir Glück gehabt, denn wir trafen einen Deutschen. Er hat 42 Mädchen frei gelassen.

heute.de: Wissen Sie warum?

Stadnik: Er hat geweint. Ihm wurde gesagt, dass im Transport Banditen aus Warschau kommen. Er öffnete den Viehwagon und sah über 40 Mädchen. Die älteste war 24. Er weinte und sagte, dass er auch eine Tochter in unseren Alter hatte. Und er hatte seit drei Monaten keine Nachricht von ihr. Damals war Berlin wahrscheinlich schon sehr stark bombardiert.

heute.de: Haben Sie vergeben?

Stadnik: Natürlich. Ich habe nichts gegen sie. Ich behalte es einfach in Erinnerung.  Das kann man nicht vergessen. Nach so vielen Jahren, jetzt ist der 75. Jahrestag des Aufstands, und ich habe alle diese Szenen vor den Augen. Nicht nur jetzt, da ich mit Ihnen spreche. Sehr oft auch zu Hause, wenn ich alleine bin. Wenn die Gedanken wiederkommen. Wenn ich etwas im Fernsehen sehe, oder im Radio höre, oder irgendwelche Beschreibungen lese … alles kommt zurück an mich, ich kann nicht schlafen. Aber es vergeht wieder. Man kann das nicht verdrängen. Aber man muss leben. Wenn es uns vorherbestimmt ist so lange zu leben. Ich habe nie erwartet bis zum 75. Jahrestag des Warschauer Aufstands zu leben. 

Für mich ist unvorstellbar, wie man einen Mensch hassen kann. Das ist tragisch. Aber in jeder Nation gibt sehr korrekte, gute Menschen - und Monster. Hitler war ein Monster. Aber nicht alle Deutschen waren so. Er hat sie so mobilisiert. Wie auch heute Manche andere Menschen mobilisieren. Das ist erschreckend. Die Nationalismen bauen sich in aller Welt wieder auf. Ich fürchte mich davor.

Das Interview führte Roman Krysztofiak.

Lesen Sie hier ein weiteres Zeitzeugeninterview:

Zeitzeugin Krystyna Sierpinska

75 Jahre Warschauer Aufstand -
"Der Aufstand war eine wunderbare Aufgabe"
 

Eine Zeitzeugin, Krystyna Sierpińska (90) war während des Warschauer Aufstands als Sanitäterin tätig. Ihre Eltern waren getötet worden und sie sah den Kampf als ihre Berufung.

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