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Wirtschaftsexperte Bofinger - Brexit: "Amputation ohne Narkose"

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Die entscheidenden Brexit-Tage stehen bevor: Kommt es zu einem chaotischen Bruch? Ökonomisch wäre es eine "Amputation ohne Narkose", so Ex-Wirtschaftsweiser Bofinger im Interview.

Symbolbild: Brexit führt zu Schäden an der EU
Der wirtschaftliche Schaden eines harten Brexit sei für Großbritannien erheblich, sagt Ökonom Bofinger.
Quelle: AP

heute.de: Wenn Sie in diesen Tagen nach Großbritannien, genauer: ins Unterhaus in London schauen - was denken Sie?

Peter Bofinger: Ich denke da täglich an eine Art Schauspiel der Augsburger Puppenkiste. Nur ist es weniger belustigend. Wirtschaftlich handelt sich Großbritannien gerade schwere Probleme ein. Für den Rest Europas muss das nicht nachteilig sein. Denn vieles von dem, was vorher über Großbritannien lief, wird in Zukunft in die EU verlagert werden.

heute.de: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat vergangene Woche aber davor gewarnt, der Brexit habe das Potenzial, der EU dauerhaft zu schaden. Das sehen Sie offenbar nicht so?

Bofinger: Ich sehe eine Chance für die EU: Dass sie geeinter sein wird; dass sie stärker die politische Integration fördern wird. Großbritannien war immer eine Bremse bei der politischen Integration. Der Brexit erhöht zudem die Kohäsion der EU, weil Länder, die vielleicht mit einem EU-Austritt liebäugeln, merken, was für eine Katastrophe das ist.

heute.de: Das ist die möglicherweise politisch stabilisierende Wirkung des Brexit. Sie glauben aber auch, die Länder der EU werden wirtschaftlich durch den Brexit profitieren?

Bofinger: Klar ist: Großbritannien gibt wirtschaftlich seine dominante Stellung als Finanzstandort der EU auf. Es wird sicher andere Standorte geben, die davon profitieren werden.

heute.de: Das gilt vor allem für die Banken- und Finanzbranche. Aber gilt das auch für die produzierende Industrie, die hierzulande doch stark auf den Export angewiesen ist?

Bofinger: Wir sehen es doch längst schon, dass Unternehmen ihre Produktionsstätten in andere EU-Länder verlagern. Der Vorteil, den Großbritannien hatte, war es, den Zugang für die ganze englischsprechende Welt in die EU zu öffnen. Diesen Zugang sperren sie jetzt ab. Ich vergleiche das immer mit der Amputation eines gesunden Beines, weil man glaubt, dass man mit der Prothese besser laufen kann.

In Großbritannien dreht sich die ganze verfahrene Situation doch darum, dass alle diskutierten Prothesen weder gut noch schön sind. Nur hat das Parlament nicht den Mut zu sagen: Dann lassen wir die Amputation doch lieber sein. Vor allem, wenn man jetzt die Knochensäge sieht, die allmählich näher kommt.

heute.de: Klingt schmerzvoll für Großbritannien - auf lange Sicht. Aber wenn wir nun kurzfristig schauen und es wirklich zu einem "harten" Brexit kommt, dann hätten doch auch wir ein Problem?

Bofinger: Ja, aber der Schaden für Großbritannien ist erheblich größer: Der EU-Handel macht für Großbritannien grob die Hälfte aus, die deutschen Exporte dorthin liegen etwa bei sechs Prozent. Für Deutschland aber stellt sich in der Tat die Frage, was ein harter Brexit bedeutet. Man würde auf die Regeln der Welthandelsorganisation WTO zurückfallen. Für Automobile beispielsweise bedeutet das einen Zoll von zehn Prozent. Wenn man zusätzlich unterstellt, dass ein harter Brexit auch das Pfund weiter schwächen würde, ist klar: Deutsche Autos würden erheblich teurer werden in Großbritannien.

Das würde zu einem gravierenden Absatzrückgang führen. Da die Automobilindustrie ohnehin schon große Probleme hat, wäre das wirtschaftlich für uns in Deutschland problematisch. Wir gehen davon aus, dass wir diesem Jahr ein Wachstum von 0,8 Prozent haben werden. Ich könnte mir vorstellen, dass ein harter Brexit am Ende auf eine Null hinausläuft. Wir würden also in diesem Jahr in der Stagnation landen.

heute.de: Das heißt, die Industrie-Rezession, von denen Ihre Kollegen gerade sprechen, würde sich erheblich verschärfen. Da sind doch dann auch Arbeitsplätze in Gefahr?!

Bofinger: Die Schätzungen, die ich kenne, bewegen sich im Bereich von 20.000 Arbeitsplätzen, die betroffen sein könnten. Das wäre für die Betroffenen gerade in der Autoindustrie natürlich schlimm. Volkswirtschaftlich insgesamt ist das aber nur ein relativ geringer Anteil, der Arbeitsmarkt ist nach wie vor sehr stark. Ein anderes Problem bei einem harten Brexit aber ist die Abfertigung an den Grenzen. Ganze Wertschöpfungsketten zwischen Großbritannien und Deutschland würden beeinträchtigt. Es stellt sich etwa die Frage nach pharmazeutisch-chemischen Produkten. Dürfen die aus Großbritannien dann überhaupt noch in die EU eingeführt werden? Auch bei tierischen Lebensmitteln stellt sich diese Frage.

heute.de: Rechnen Sie mit einem Beben an Börsen und Finanzmärkten, wenn ein harter Brexit kommt?

Bofinger: Börsen sind immer unberechenbar. Aber ich glaube nicht, dass ein "Lehman"-Moment kommt. Zumal die Weltwirtschaft nicht so aufgeblasen ist, wie das 2008 der Fall war. Aber dass es ein größeres "Zucken" gibt, ist schon denkbar. Denn wir alle gehen ja eigentlich noch davon aus, dass Großbritannien jetzt nicht mit Vollgas gegen die Wand fährt. Um im Bild zu bleiben: Der harte Brexit ist die Amputation ohne Narkose. Ich denke – und hoffe wie viele andere auch – dass dies im letzten Moment noch verhindert wird.

heute.de: Auch das ist ja noch möglich. Am vergangenen Freitag hatte Theresa May um einen Aufschub des Austrittstermins Großbritanniens aus der EU bis zum 30. Juni gebeten. Auch EU-Ratspräsident Donald Tusk brachte EU-Diplomaten zufolge den Vorschlag eines "flexiblen" Brexit-Aufschubs von bis zu einem Jahr ins Spiel. Möglich ist also noch ein Austritt mit Vertrag und Übergangszeiten ...

Bofinger: Ja. Und der Brexit-Deal ist ja ökonomisch vernünftig. Der sagt einfach gesprochen: Wir lassen alles, wie es ist. Nur darf Großbritannien nicht mehr mitreden. Das ist die ökonomisch beste Lösung - auch für Großbritannien. Nur ist auf der anderen Seite auch klar, dass dann Leute wie Boris Johnson kommen und sagen: Wenn wir alle Regeln übernehmen, aber nicht mehr mitbestimmen können, ist das Vasallentum. Für mich ist es einfach die beste Lösung: Dass man diese Amputation einfach nicht macht.

Das Interview führte Mischa Erhardt.

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