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Hartz-IV-Debatte - Wer arm ist, lebt teurer

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In der Debatte um Armut und Hartz IV wird eines oft vergessen: Mit wenig Geld, hat man aus verschiedenen Gründen höhere Lebenshaltungskosten. Eine Armutspirale droht.

Kunden der Essener Tafel stehen mit ihren Einkaufstrolleys vor der Ausgabestelle am 23.02.2018
So mancher, der Hartz IV bezieht, geht bei Tafeln essen. Quelle: dpa

Vielleicht ist der Gedanke einfach zu verführerisch: Mehr als 160.000 Menschen möchten gern sehen, wie Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) einen Monat vom Hartz-IV-Regelsatz lebt, also von 416 Euro. Jedenfalls haben diese Menschen eine entsprechende Petition unterzeichnet. Spahn will sich nun mit der Initiatorin treffen.

Es herrscht Knappheits-Ökonomie

Die öffentlich auch viel kritisierte Petition ist der skurrile Höhepunkt einer Debatte, die nach Meinung vieler Armutsexperten am eigentlichen Kern des Problems vorbeigeht: Wer wenig Geld hat, droht in der Armutsspirale immer weiter herabzugleiten. Ein Grund dafür ist, dass die Lebenshaltungskosten in Haushalten mit niedrigen Einkommen im Verhältnis höhere Lebenshaltungskosten haben als besser betuchte Haushalte.

In vielen Fällen kann es teuer werden, kein oder wenig Geld zu haben. Experten sprechen von einer "Knappheits-Ökonomie". Die Lebenshaltungskosten fallen so schwer ins Gewicht, dass unvorhergesehene Kosten nicht beglichen werden können, ganz anders, als in Haushalten, in denen die Einkommen das Bilden von Reserven, so genannter "freier Spitzen", gestatten. "Knappheit bedeutet: Diese freie Spitze gibt es nicht", sagt Professor Ernst-Ulrich Huster, Armutsforscher an der Universität Gießen.

Das Waschmaschinen-Dilemma

Für Familien ist das ein ernstes Problem. "Alles muss gedeichselt werden, ohne dass es dazu besondere Zuschüsse gibt", erklärt Huster. Zum Beispiel wenn die Waschmaschine kaputt geht. Wer keine Reserven hat, muss in den Waschsalon gehen. Das ist aber teurer, als zuhause zu waschen. Sollte das Geld für eine neue Maschine vorhanden sein, reicht es selten für ein hochwertiges Gerät.

Eine Waschmaschine mit der Energieklasse A+++ verbraucht nur die Hälfte des Stroms, den ein A+-Gerät verschlingt. Das schlägt sich direkt auf die Stromrechnung nieder. Auch bei dieser bestimmt oft das Einkommen den Preis. Wer die Bonitätsprüfung nicht besteht, bekommt nur den Basistarif des örtlichen Stromanbieters. Die günstigeren Vergleichstarife können bis zu 40 Prozent unter diesem Basispreis liegen.

Wer stückelt, verliert

Das Problem existiert für Hartz-IV-Empfänger ebenso wie für kleine Lohngruppen. "Entscheidend ist, dass es da so gut wie keine Elastizität bei den Einnahmen und den Ausgaben gibt", erklärt Huster. Kommen unerwartete Ausgaben, muss an anderer Stelle gespart werden. "Das Anschaffen von Winterschuhen, eines besonderen Taschenrechners, der von der Schule verlangt wird, ein Kinobesuch, ein Besuch bei der Schwester in der Nachbarstadt – ohne Spenden von außen ein Abenteuer", so der Politologe.

Ein Ausweg ist es, die Kosten zu stückeln, was wiederum teurer ist. Wochenkarten für den Bus kosten mehr als eine Monats- oder Jahreskarte. Versicherungen sind deutlich günstiger, wenn sie in einem Rutsch am Jahresanfang gezahlt werden und nicht quartalsweise. "Zugleich fehlt es an Barem, um Sonderangebote wirklich auf Vorrat anzuschaffen, also muss man, wenn man was braucht, es zu regulären Preisen erstehen", erklärt Huster.

Viel Rennerei

Damit führt die Geldnot zu Stress. Wer auf Billigketten angewiesen ist, in den Second-Hand-Laden und zur Tafel geht, ist viel unterwegs. Bei Hartz-IV-Empfängern kommen diverse Behördengänge hinzu. Armutsforscher Huster konstatiert: "Leben in Armut ist zeitaufwändig".

Die Lösung wäre, die Sätze und Niedriglöhne deutlich anzuheben, was nicht auf der Agenda steht. Auch muss sich mehr um das Thema und um die Menschen  gekümmert werden, fordert Huster. Soziale Betreuung sieht er als wichtig an. Wer wenig habe, müsse lernen besser zu wirtschaften.

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