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Haus der Eigenarbeit in München - Selbermachen: Werkeln mit Anleitung

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Im Haus der Eigenarbeit in München erhalten Hobbyhandwerker fachliche Anleitung beim Selbermachen. Das liegt nicht nur im Trend, das ist auch nachhaltig, sagt der Leiter.

Mann mit Zollstock im Haus der Eigenarbeit in München
Haus der Eigenarbeit in München: Selbermachen mit fachlicher Hilfe
Quelle: ZDF

Seit mehr als 30 Jahren dreht sich im Haus der Eigenarbeit - kurz HEi - in München alles ums Selbermachen. Laien können hier in acht verschiedenen Werkstätten selbständig oder unter fachlicher Anleitung handwerklich arbeiten. Das HEi finanziert sich zu einem Großteil selbst, aus Kursgebühren und Beiträgen zur Werkstattnutzung. Außerdem wird die offene Werkstatt vom Kulturreferat und dem Referat für Arbeit und Wirtschaft, einer Münchener Stiftung und dem Jobcenter gefördert. Denn im HEi können nicht nur Hobbyhandwerker vom Schüler bis zum Senioren arbeiten; hier wurden auch Stellen für Langzeitarbeitslose geschaffen. Rainer Wirth leitet seit September 2018 das Haus der Eigenarbeit. Er sieht einen klaren Trend zum Selbstgemachten.

heute.de: Herr Wirth, was ist so besonders am Haus der Eigenarbeit?

Rainer Wirth
"Selbermachen statt konsumieren" - Rainer Wirth
Quelle: ZDF

Rainer Wirth: Im Haus der Eigenarbeit bieten wir professionell ausgestattete Werkstätten an, in denen Laien an ihren eigenen Projekten arbeiten können; entweder selbständig oder unter Anleitung durch Fachleute. Es gibt für Nicht-Fachleute nur ganz, ganz selten die Möglichkeit, unter professionellen Bedingungen zu arbeiten. Genau das wollen wir hier anbieten. Wir haben acht verschiedene Gewerke: Das geht los mit der Holz- und Metallwerkstatt - das sind die größten Werkstätten - dann gibt es aber auch noch die Papierwekstatt und Buchbinderei, eine Schmuck-, Textil-, Polster-, Keramik- und eine Hightech-Werkstatt mit einer CNC-Fräse.

heute.de: CNC-Fräse klingt eher für Fortgeschrittene ...

Wirth: Wir setzen in erster Linie auf das traditionelle Handwerk. In unseren Kursen können Nutzer sogar noch Techniken erlernen, die schon fast in Vergessenheit geraten sind. Schelllack-Polituren, zum Beispiel - die sind so teuer in der Anfertigung, dass sie fast niemand mehr beauftragt. Aber bei uns kann man einen Kurs zur Holzrestaurierung besuchen, bei dem man dann auch das Polieren mit Schellack lernen kann.

heute.de: Was ist der Gründungsgedanke des HEi?

Wirth: Da sind erstmal die Idee der Selbstermächtigung - sprich: Man erarbeitet sich etwas selbst und merkt daran, dass man Fähigkeiten hatte, von denen man vorher gar nicht wusste. Auf der anderen Seite stehen aber auch Ökologie und Nachhaltigkeit. Das bedeutet für uns selbermachen anstatt zu konsumieren, reparieren anstatt wegzuwerfen.

heute.de: Was ist wichtig am Selbermachen?

Wirth: Der Wert des Selbermachens hat für mich einen ganzen Reichtum an Facetten. Auf der einen Seite identifiziert man sich viel mehr mit einem Objekt, das man selbst geschaffen hat. An einem Tisch zu essen, den man selber gebaut hat oder mit einem Fahrrad zu fahren, das man selber reparieren kann.

heute.de: Auf der anderen Seite ...

Wirth: ... hat das Selbermachen den nachhaltigen Aspekt. Zu uns kommen ganz viele Menschen, die aus alten Materialien selber etwas Neues bauen, die zum Beispiel Holztreppenstufen aus einem Abrisshaus mitbringen und daraus Möbel bauen; also eine Wiederverwertung von bereits existierenden Baumaterialien. Im Kern steht aber immer das Bewusstsein: "Ich kann mir selber helfen, ich kann dieses Fahrrad selber wieder flott machen, ich kann mir selbst ein Möbelstück bauen oder mir selbst ein Kleidungsstück nähen, obwohl ich das gar nicht für möglich gehalten hätte und bin deswegen unabhängig von einem Konsumgeschehen, das heutzutage die Welt bestimmt."

heute.de: Erlebt das Handwerk eine kleine Renaissance?

Wirth: Wir existieren ja seit 1987 und wir können innerhalb dieser Jahrzehnte tatsächlich ein stetiges Wachstum verzeichnen. Immer mehr Menschen kommen zu uns, die sehr theoretische Berufe ausüben und deshalb diesen Ausgleich suchen. Sie schätzen diese Tätigkeit mit Materialien, die Arbeit mit den Händen.

Klasse statt Masse: Eine neue Generation von Handwerkern hat sich zurückgekämpft ins öffentliche Bewusstsein. Tradition und Qualitätsarbeit treffen den Nerv der Zeit.

Beitragslänge:
29 min
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heute.de: Hinter dem HEi steckt auch ein gesellschaftlicher Anspruch.

Wirth: Das hat vor allem mit der Offenheit zu tun, die wir hier pflegen: Wir haben hier ein Haus, in dem alle Bürger arbeiten können. Das heißt, dass eine ganz große Bandbreite von sozialen Milieus zu uns kommt. Da gibt’s sehr Wohlhabende genauso wie Menschen mit niedrigem Einkommen, Arbeitslose oder sogar Obdachlose.

heute.de: An was werkeln die Besucher bei Ihnen?

Wirth: Auch die Projekte, die bei uns gemacht werden, sind vielfältig: Da geht's los mit kleinen Holzarbeiten - wie schnell mal ein Brett zuschneiden - bis zum Tischlern ganzer Zimmereinrichtungen. Da geht's von ganz einfachen Sachen bis zu ganz komplexen Projekten, die durchgeführt werden. Und wir haben hier auch eine ganz große Bandbreite, was das Alter unserer Nutzer angeht. Wir bieten ja auch Schulprojekte an, fördern vor allem Mittel- und Förderschüler. Da wollen wir nicht nur ein Bewusstsein für die eigenen, handwerklichen Fähigkeiten schaffen, sondern auch die Möglichkeit zur Berufsorientierung - hin zu einem handwerklichen Beruf - anbieten. Aber hier sind auch Rentner und Senioren, die ihre wieder gewonnene Freizeit bei uns im Haus nutzen.

heute.de: Sie wollen das Projekt noch ausweiten ...

Wirth: Wir halten das Selbermachen und Reparieren für ein so wichtiges Thema, dass wir denken, es sollte tatsächlich ein Teil einer kommunalen Grundversorgung werden; so wie sauberes Leitungswasser, Müllabfuhr, öffentliche Mobilität. Deswegen denken wir, es müssten Möglichkeiten zur Eigenarbeit in jedem Viertel geben. In München zum Beispiel: In jedem Stadtviertel ein kleines HEi, das man vielleicht sogar fußläufig erreichen kann, wo man selber arbeiten kann. Wir haben große Pläne.

heute.de: Zum Beispiel?

Männer arbeiten im Haus der Eigenarbeit in München
Bauen am eigenen Projekt: Haus der Eigenarbeit in München
Quelle: ZDF

Wirth: Eigenarbeit und Nachhaltigkeit machen noch ganz Anderes möglich. Wir könnten zum Beispiel, wenn wir mehr Platz hätten, einen urbanen Materialkreislauf schaffen und Materialien, die an anderer Stelle - in einem Betrieb zum Beispiel - nicht mehr gebraucht werden, bei uns lagern und vorrätig halten für unsere Nutzer. Man könnte auch aus dem Thema Verleih noch viel mehr machen. In anderen Städten, Berlin oder London beispielweise, ist das Thema schon viel größer. In sogenannten Libraries of Things kann man neben Handwerkszeug, Sportgeräten, Haushaltsartikeln, oder auch Lastenfahrrädern, unheimlich viel für den täglichen Bedarf ausleihen. Das ist gerade wieder in einem städtischen Umfeld interessant, wo jeder nur ganz beschränkten Platz hat für eigene Dinge.

Das Interview führte Stella Könemann.

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