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Protest gegen Wohnungsnot - "Wir wollen diesen Kapitalismus abschaffen"

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Der Hausbesetzer Kim Schmitz spricht im Interview über den Protest gegen spekulativen Wohnungsleerstand und den Kampf für ein antikapitalistisches Gesellschaftssystem.

Hausbesetzung in Neukölln, Berlin
Hausbesetzung in Berlin-Neukölln (Archivbild) Quelle: dpa

heute.de: Das Grundgesetz schützt Privateigentum, Hausbesetzungen sind illegal. Weshalb sind Sie dennoch als Hausbesetzer aktiv geworden? 

Kim Schmitz: Wir stellen grundsätzlich die Frage: In welcher Gesellschaft wollen wir eigentlich leben? Unsere Antwort: In einer Gesellschaft ohne Ausschluss und Verdrängung! Alle Menschen sollen ihr Recht auf Teilhabe wahrnehmen können und selbst bestimmen, wie sie ihren Lebensraum gestalten. Das ist unvereinbar mit dem Recht auf Eigentum. Denn das bildet die Basis dafür, dass Unternehmen mit großem Profitinteresse ihr Eigentum als Ware anbieten können – und im Immobilienmarkt bedeutet das, dass sich viele Menschen die Ware einfach nicht mehr leisten können.

heute.de: Mit Hausbesetzungen bekämpfen Sie aus Ihrer Sicht also einen Auswuchs des Kapitalismus?

Schmitz: Der spekulative Wohnungsleerstand ist mit Sicherheit einer der am wenigsten nachvollziehbaren Auswüchse des Kapitalismus in einer Zeit, in der viele Menschen wohnungslos sind. Unsere Kritik richtet sich nicht gegen einzelne Investorinnen und Investoren, sondern gegen das System Kapitalismus, das es Menschen ermöglicht und sie dazu zwingt, maximal profitorientiert zu handeln. Unsere Kritik richtet sich auch gegen ein System, das es Menschen mit normalen Einkünften nicht mehr möglich macht, sich die neuen, schicken von Investorinnen und Investoren gebauten Immobilien zu leisten. Wir arbeiten daran, langfristig diesen Kapitalismus abzuschaffen, weil wir dagegen sind, dass sich die Gesellschaft den Profitinteressen von Unternehmen unterwirft.

heute.de: Die Müllers und Meiers mit ihren Einfamilienhäuschen müssen jetzt aber keine Angst vor Ihnen haben, oder?

Schmitz: Dass einige Menschen noch das Privileg genießen, sich ein Einfamilienhaus leisten zu können, ist nicht das Problem. Sondern die Verdrängung und der Ausschluss von sozialer Teilhabe, die dadurch entstehen, dass viele sich gar keinen Wohnraum in dieser Stadt mehr leisten können. Wir besetzen Privateigentum, mit dem aus der Gentrifizierung Profit gemacht wird.

heute.de: Es gibt Menschen, die verurteilen Hausbesetzungen vehement, dagegen befürworten inzwischen laut einer Forsa-Umfrage 53 Prozent der befragten Berliner solche Aktionen. Wie nehmen Sie die Atmosphäre in der Stadt wahr?

Schmitz: Verdrängung war schon lange ein Problem für Menschen, die finanziell schlecht gestellt sind, aber inzwischen ist es ein Phänomen, das weit in die Mittelschicht hineinreicht. Wer kennt nicht Geschichten aus seinem Freundes- und Bekanntenkreis über die Hoffnungslosigkeit bei der Wohnungssuche? Wir haben das Gefühl, dass sehr, sehr viele Menschen spüren, was hier gesellschaftlich schiefläuft. Nicht zuletzt durch die große Obdachlosigkeit in Berlin, die für alle sichtbar ist. Wir geben eine praktische Antwort darauf, wie wir uns gegen solche Missstände wehren können und eine Antwort auf die Ohnmacht, die viele verspüren, die gerne was ändern wollen.

heute.de: Sie meinen wirklich, dass sich mit symbolischen Hausbesetzungen die weitreichende Wohnungsnot effektiv bekämpfen lässt?

Schmitz: Unser Protest ist nicht nur rein symbolisch. Das wird oft falsch verstanden. Wir wollen Wohnraum schaffen und Orte, die nicht kommerziell sind, wo Nachbarinnen und Nachbarn sich gemeinsam neu organisieren können. Unser großes Ziel ist es, die Gesellschaft durch Selbstorganisation von unten radikal zu verändern. Ein erster Schritt dahin wäre es, Orte zu schaffen, an denen die Menschen zusammenkommen können.

heute.de: Was setzen Sie dem Argument entgegen, dass ohne private Investoren die Wohnungsnot noch viel größer wäre in Deutschland?

Schmitz: Unter den gegebenen Verhältnissen wird wichtige Infrastruktur oft nur noch mit privatem Kapital bereitgestellt, das stimmt. Damit wird diese aber auch der Logik des Kapitals und dessen Streben nach maximalem Profit unterworfen und orientiert sich nicht an den Bedürfnissen der Menschen. Wir wollen zeigen, dass es anders geht, wenn wir es selbst in die Hand nehmen.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

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