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"Liebe. Punkt."

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Kommentar 25 Jahre nach § 175 - "Liebe. Punkt."

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Vor 25 Jahren wurde die gesetzliche Diskriminierung von Homosexuellen beendet. Doch es reicht nicht aus, Paragrafen zu streichen. Ändern muss sich die Gesellschaft.

Kommentar: Dunja Hayali
ZDF-Moderatorin Dunja Hayali.
Quelle: ZDF/AP

§ 175. Der Paragraf steht nicht alleine da. Er hatte zahlreiche Vorgänger, viele noch brutaler als er selbst. Er wirkte als Nachfahre von Regelungen, die Menschen ins Zuchthaus bringen konnten, weil sie einen Menschen gleichen Geschlechts einfach nur liebevoll ansahen. Nur mühsam und in vielen Stufen entwickelte er sich dazu, Homosexualität zumindest nicht mehr unter Strafe zu stellen. Auch in anderen Teilen der Welt war es ein langer Weg, der mindestens noch bis heute andauert. Wenn er denn überhaupt beschritten wurde.

Der letzte Ausläufer des Paragrafen wurde hier in Deutschland am 11. Juni 1994 mit dem 29. Strafrechtsänderungsgesetz abgeschafft. 1994. Eine Zeit, in der ich noch beeindruckt von der recht frischen Wiedervereinigung und dem Ende des Kalten Krieges war. Eine Zeit, in der wir uns aber auch bereits in einer hochmodernen, hochtechnisierten, emanzipierten und schon stark globalisierten Welt befanden.

Eine Zeit, in der für meine Schulfreunde und mich Herkunft, Hautfarbe, sexuelle Orientierung keine Rolle spielten. Und so notierten wir diesen Schritt als überfällige Abwendung des Mittelalters. Haken dran, fertig. So menschlich, so naiv waren wir - kurz nach unserem Abitur. Wir waren offen, neugierig, flexibel und wollten Gerechtigkeit.

Paragrafen ändern nicht die Einstellungen der Menschen

Ich musste aber im Laufe der Jahre erkennen, dass, nur weil der Paragraf 175 weg ist und nur weil die Weltgesundheitsorganisation 1992 Homosexualität aus der Liste der Krankheiten gestrichen hatte, sich die Einstellung aller Menschen dazu nicht schlagartig geändert hat.

Im Gegenteil, gerade in den letzten Jahren erfuhren Homosexuelle neue Angriffe, verbale wie körperliche, manche auch in beruflichen Kontexten, trotz Gesetzeslage, trotz des Versuchs, Opfer der Vergangenheit zu entschädigen, trotz (oder gerade) wegen der Möglichkeit der Ehe für alle. Und so sehe ich sie immer noch täglich, manchmal auch unterschwellig, die großen Widerstände, die Liebe zweier Menschen ganz einfach als das anzuerkennen, was sie ist: Liebe. Punkt.

Vor allem die sozialen Medien werden hier wieder einmal zum gefühlt rechtsfreien Raum, wenn man lesen muss, was einige dort von sich geben. "Widernatürlich", "Abartig", "nicht normal", "zu bekämpfen", "früher gab es zurecht für 'so etwas' Lager" und so weiter. Solche Entgleisungen sind keine Seltenheit, glücklicherweise aber auch nicht die Mehrheit.

Aber was heißt denn eigentlich "nicht normal" oder "widernatürlich"? Wir wissen noch nicht einmal, wie viele Arten von Lebewesen es in den Tiefen unserer Meere gibt - und warum. Wir kennen nur Bruchstücke der Funktionsweise unseres Körpers, vor allem unseres Gehirns. Bei allem Fortschritt von Forschung und Medizin, frage ich mich: Wer ist also jemand, der sich anmaßen möchte, "die Natur" verstanden zu haben und festzulegen, was natürlich bzw. was normal ist und was nicht?

Widerliche Doppelmoral

Pornos gucken, am besten noch die, die es nur "unter der Theke" gibt? Die Frau oder den Mann betrügen? Bilder nackter Kinder teilen? Der Kollegin unter den Rock oder dem Kollegen an den Hintern fassen? Erotikchats mit den brutalsten Unterwerfungsszenerien "mitgestalten"? Mit Fackeln durch Straßen laufen und sich wie 1933 fühlen? Frauen aus Frust eine Vergewaltigung an den Hals wünschen? Menschen ausnutzen, um sich selbst zu bereichern? Steuern hinterziehen?

Aber wenn ein Mann einen Mann oder eine Frau eine Frau liebt, dann kommen die selbsternannten Wächter von Moral und Sitte um die Ecke und sprechen diesen Menschen die Natürlichkeit ab. Diese Doppelmoral ist widerlich. Wo um Himmels Willen ist denn eigentlich das Problem, wenn ein Mensch einen Menschen liebt? Was ist denn bitte daran verwerflich oder unmoralisch, wenn zwei erwachsene Menschen sich umeinander kümmern?

Mehr Aufklärung, mehr Vorbilder

Vielleicht ist es daher heute umso wichtiger, dieses Datum zu feiern. Denn es stellt einen Meilenstein dar auf dem Weg, der Gleichberechtigung von Menschen Ausdruck zu verleihen und tatsächlich die Würde anderer nicht anzutasten. Aber es gibt noch viel zu tun. Denn Paragrafen sind nicht alles; ob sie nun verabschiedet oder abgeschafft werden. Es verhält sich so wie mit dem Grundgesetz. Lesen ist das eine, es verinnerlichen und danach leben das andere.

Wenn jemand sagt 'Ich bin homosexuell' sollte als Reaktion darauf ein schlichtes, authentisches 'Ja, und?' folgen.

Die Errungenschaften unserer Zeit, die noch nicht so gewachsen, gefestigt und selbstverständlich sind, wie sich das viele von uns wünschen, müssen vielleicht anders vermittelt werden. Dazu gehört auch Paragraf 177 Strafgesetzbuch, der sexuelle Handlung gegen den erkennbaren Willen einer anderen Person strafbar macht. Es braucht mehr Aufklärung, mehr Vorbilder, um mehr Selbstverständlichkeit zu erreichen.

Wenn Sie mich also nach dem Ziel fragen würden, würde ich sagen: Wenn jemand sagt "Ich bin homosexuell" sollte als Reaktion darauf ein schlichtes, authentisches "Ja, und?" folgen. Punkt.

Paragraf 175 - historischer Rückblick

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