Sie sind hier:

Heavy-Metal-Event - Wacken: Freundlicher Ausnahmezustand

Datum:

Status Quo, Europe, Accept: Gleich am ersten Tag des "Wacken Open Air" stehen heute die ganz großen Rocker auf der Bühne. Auf den Ausnahmezustand mit Zigtausenden Fans hat das Dorf sich längst eingestellt. Die ganze Region profitiert von dem Festival - sogar Insekten.

An 362 Tagen herrscht in dem Dorf Wacken in Schleswig-Holstein idyllische Ruhe. An den anderen Tagen verwandeln 75.000 Fans das Dorf in ein lautes, fröhliches Heavy-Metal-Mekka.

Beitragslänge:
1 min
Datum:

Klinkerhäuser, manche davon mit Reetdach - Wacken ist ein typisches norddeutsches Dorf. Die Menschen kennen einander und grüßen sich auf der Straße. Und wo jeder jeden kennt, da herrscht ein hoher sozialer Druck, gepflegte Vorgärten zu präsentieren, weil ein ungepflegter Vorgarten auf eine unbehauste Seele verweisen könnte. Auf den Feldern rund um die 1.800-Seelen-Gemeinde grasen Holstein-Rinder. Wer die Region nur durchfährt, erhält schnell den Eindruck, dass sie gegenüber Menschen in der Überzahl sind. Doch für ein paar sehr laute Tage im August ist alles anders.

Zum "Wacken Open Air" (3. bis 5. August 2017) pilgern regelmäßig Zehntausende Metalfans in die Region. Deren Populationsdichte schwillt gefühlt auf die einer durchschnittlichen Schwellenlandsmetropole an. In vielen sonst penibel gepflegten Vorgärten werden Bierstände und Imbissbuden aufgebaut. Zur 28. Auflage des Festivals, das am Donnerstag offiziell beginnt, wurden rund 75.000 Karten verkauft.

Metal als Konjunkturprogramm

Die Festivalzeit ließe sich gut als Ausnahmezustand beschreiben. Doch anders als im Katastrophenfall haben sich in Wacken und Umgebung alle darauf eingestellt. Denn der Ausnahmezustand bringt keine Verheerungen mit sich. Er ist ein Konjunkturprogramm. Von der Invasion der Kuttenträger profitieren Region und Menschen.

Wer im Kreis Steinburg während des Festivals Betten anbietet, kann sich vor Buchungsanfragen kaum retten. Und auf dem überschaubaren Straßennetz des Orts entsteht - trotz Straßensperren - ein umweltfreundlicher Taxi-und Transportservice: Schüler transportieren Metalfans oder deren Gepäck mit Kettcars von A nach B. Im Gegenzug verlangen sie eine kleine Spende.

"Die trinken immer früher und immer mehr"

Auch Jan (13) und Paul (10) aus Wacken haben ihre Nische gefunden. Mit einem kleinen Handwagen sammeln die Freunde Pfand ein. Auch schon vor dem offiziellen Startschuss - das Konzert des Wacken-Urgesteins "Skyline" am Donnerstag - gehen sie auf Sammeltour. Dass der Durst der Besucher groß ist, zeigt sich bereits daran, dass allein auf dem Festivalgelände jedes Jahr rund 400.000 Liter Bier getrunken werden. "Die trinken immer früher und immer mehr", sagt Jan, der beim Wacken bereits so ein alter Hase ist, dass er sich nicht mehr daran erinnern kann, wann das Festival ihm das erste Mal geholfen hat, sein Taschengeld aufzubessern.

Seine These kann der 13-Jährige belegen: "Viele basteln mit Klebeband Skulpturen aus den leeren Bierdosen", sagt er. "Normalerweise sieht man das immer erst am Ende des Festivals. Diesmal sind schon vorher ganz viele fertig", sagt er, während im Hintergrund schon wieder neue Metalfans mit Rucksäcken eintreffen, begeistert "Wacken" schreien und die Hand zur auch als Metallgruß bekannten "Pommesgabel" in die Luft recken. Den dauerhaften Bewohnern der Stadt ist das recht, besonders denen, die vom Biergeschäft profitieren.

Mückenstichcreme mit Wacken-Logo

Und noch andere freuen sich über die Besucher: Mücken. Denn davon gibt auf den morastigen Wiesen in der an Niederschlägen reichen Region genug. Auf den Zeltplätzen finden sie plötzlich Nahrung im Überfluss. Dafür gibt es in den Festival-Shops eine Mückenstichcreme mit Wacken-Logo zu kaufen.

Die stoische Gelassenheit, mit der selbst unbeteiligte Anrainer das Metal-Spektakel betrachten, zeigt sich auch bei der Ankunft des Metal-Train in Itzehoe am Mittwochmorgen, einem Sonderzug mit etwa 500 Metalfans an Bord. Zusammen mit Zwergspitzdame Jana beobachtet Renter Horst Wülfken das Treiben vor seiner Haustür am Itzehoer Bahnhof. "Die sind friedlich und machen Platz wenn Jana muss", sagt er - und findet, dass damit alles zum "Wacken" gesagt ist.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.