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Debatte um Genschere - Schweigen im Regierungsviertel

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Es gibt Fragen, in die die Politik hineinschweigt. Nachdem in China angeblich genmanipulierte Babys geboren wurden, braucht es dringend Antworten zum Umgang mit neuer Technik.

Archiv: Ein Laborant mit DNA-Proben, aufgenommen am 09.11.2016
Laborant mit DNA-Proben (Archivbild)
Quelle: dpa

Ende November 2018 schockte der chinesische Wissenschaftler und Unternehmer He Jiankui die Weltöffentlichkeit: In mehreren Youtube-Videos bekannte er sich dazu, Zwillingsmädchen auf die Welt gebracht zu haben, deren DNA er in der Petrischale nach künstlicher Befruchtung so bearbeitet haben will, dass die Mädchen gegen HIV immun seien. Lula und Nana, so heißen die beiden Mädchen, hat bislang noch kein seriöser Wissenschaftler gesehen.

Schäden nicht auszuschließen

Ob es sie gibt oder die Welt einem Scharlatan aufsitzt, lässt sich schwerlich beurteilen. "Ich konnte gar nicht glauben, dass ein Forscher auf der Welt das gemacht hat", sagt Professor Jochen Taupitz, Experte für Medizinrecht an der Universität Mannheim. "Die Forschungsgemeinschaft ist sich einig, dass es zum jetzigen Zeitpunkt unverantwortlich ist, mit diesen Genscheren an die menschliche Keimbahn heranzugehen. Die Unsicherheiten sind noch viel zu groß." Schäden der geborenen Kinder seien nicht auszuschließen wie zum Beispiel eine Schwächung des Immunsystems oder Risikoerhöhung für andere Krankheiten.

Technisch hält die Forschung den Eingriff, das Erbgut von Menschen zu verändern, Bausteine zu ersetzen oder einzufügen, für möglich. Seitdem am 17. August 2012 im Wissenschaftsmagazin "Science" die bahnbrechende Arbeit der französischen Mikrobiologin Emmanuelle Charpentier und der US-Biochemikerin Jennifer Doudna die Entdeckung der sogenannten Genschere Chrispr-Cas9 bekanntgaben, stand aber die Befürchtung im Raum, dass jemand den Tabubruch begeht und in die Keimbahn von Embryonen eingreift, die dann auf eine Gebärmutter übertragen werden.

Kaum öffentliche Äußerungen

Jetzt sind alle von der Wirklichkeit überholt worden - die Forschung wie auch die Politik. Nach den Meldungen aus China im November aber blieb es in Berlin auffallend still. Dort, wo sonst von morgens bis abends Meinung produziert wird, gab es kaum öffentliche Äußerungen. Forschungsministerin Anja Karliczek (CDU), Justizministerin Katherina Barley (SPD) und auch Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), sie alle lehnten ZDF-Interviewanfragen ab. "Das könnte man Arbeitsverweigerung nennen", sagt der FDP-Abgeordnete Mario Brandenburg. Der Parlamentarier, der auch im Fachausschuss Bildung und Forschung arbeitet, sagt, er wünsche sich eine Debatte über Chancen und Risiken der neuen Technik. Brandenburg selbst sieht eher die Chancen. "Am Ende einer Debatte aber müsste nicht mal meine Meinung gewinnen, aber eine Debatte wünsche ich mir", sagt Brandenburg.

Hinter den Kulissen erfährt man, dass auch andere in der Bundesregierung selbst durchaus eine Meinung zu diesem Thema haben. Öffentlich aber herrscht weitestgehend Schweigen. Politiker wissen, dass Gentechnik in Deutschland unpopulär ist, viele Ängste frei setzt. "Damit können sie nicht gewinnen", heißt es dann in Hintergrundgesprächen. "Die Leute sind noch nicht soweit, dass sie darüber diskutieren können." Wie sollen sie auch, wenn die Politik die Debatte nicht öffentlich führt?

Eine einzige Bundestagsdebatte

Eine einzige Bundestagsdebatte hat es zum Thema Humangenetik Ende November gegeben. Beantragt von der FDP, lange vor dem Vorfall in China. Kurz vor Mitternacht stritten die Fachpolitiker miteinander. 38 Minuten Debatte, dabei blieb es dann auch. Der Ethikrat, 26 Wissenschaftler, ernannt und beauftragt von Bundestag und Bundesregierung, hatten das Kabinett Merkel schon 2017 aufgefordert, sich für eine Diskussion über mögliche Keimbahninterventionen einzusetzen: auf Ebene der Vereinten Nationen. Die drängenden Fragen hatten die Wissenschaftler auch formuliert. Nach dem Tabubruch in China schrieb der Vorsitzende des Ethikrates, Peter Dabrock, in der FAZ, er sehe bisher keinen erkennbaren "politischen Gestaltungswillen". Das ist diplomatisch formuliert. Erkennbar ist bislang nur eine Bundesregierung, die in die ethisch drängenden Fragen hineinschweigt.

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