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75 Prozent Lohnabzug - Heimkinder werden zur Kasse gebeten

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Wer in Deutschland in einer Pflegefamilie oder in einem Heim lebt und eigenes Geld verdient, etwa in der Ausbildung, muss davon in der Regel 75 Prozent ans Jugendamt zahlen.

Wer in Deutschland in einer Pflegefamilie oder im Heim lebt und eigenes Geld verdient, muss davon in der Regel 75 Prozent ans Jugendamt zahlen. Diese Regelung gilt als nicht mehr zeitgemäß, sie bremst Jugendliche auf ihrem Weg in die Selbständigkeit.

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Suratsch Sarwari lernt Restaurantfachmann. Er mag seine Arbeit im Ausbildungs-Restaurant "Gabel" in Wiesbaden. Nur mit seinem Gehalt ist der 19-Jährige unzufrieden. Sawari bekommt im Monat nur knapp 90 Euro ausgezahlt. Das liegt daran, dass er in einem Heim lebt. Heimkinder müssen 75 Prozent ihres Einkommens an das Jugendamt zahlen. Das machte ihn erst einmal fassungslos. "Zuerst habe ich Wut empfunden, weil ich das echt schwachsinnig fand", sagt er im ZDF heute journal.

Regeln werden unterschiedlich ausgelegt

Das jeweilige Jugendamt hat einen Ermessensspielraum, ob es im Rahmen der sogenannten Kostenheranziehung die vollen 75 Prozent einfordert. Einige Jugendämter verlangen weniger Geld, viele Ämter aber bestehen auf dem Satz. Dann bleibt vom selbst verdienten Geld kaum etwas übrig.

Das empfindet nicht nur Sarwari als Missachtung seiner Arbeit. Auch wenn es vom Heim noch zusätzlich etwas Geld für Freizeit und Kleider gibt. Die 75-Prozent-Regel bremst junge Menschen auf ihrem Weg in die Arbeitswelt, auf ihrem Weg in die finanzielle Selbstständigkeit, nimmt ihnen die Motivation. "Die Jugendlichen sagen, wieso soll ich arbeiten gehen, wenn ich eh 75 Prozent abgeben muss und dann so eine Art Taschengeld bekomme", sagt Sarwari.

Er will stattdessen etwas gegen diese Vorschrift tun. Sarwari engagiert sich bei den sogenannten Careleavern, einem Netzwerk von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die die Jugendhilfe demnächst verlassen werden oder schon verlassen haben. Außerdem sitzt Sarwari im hessischen Landesheimrat.

Auch Pflegekinder müssen zahlen

Torben Steinringer wohnt in einer Pflegefamilie in der Eifel. Auch er muss als Pflegekind 75 Prozent seines Lehrlings-Gehalts ans Jugendamt zahlen. Und auch er war erst einmal empört, als er erfuhr, dass er von seinem Lehrlingsgehalt nur knapp 220 Euro ausgezahlt bekommt. Als Dachdecker-Lehrling verdient Steinringer eigentlich recht gut. Es ist harte Arbeit und er ist fast jeden Tag unterwegs. Der Abzug von 75 Prozent schmerzt ihn sehr. Im ZDF schildert der 17-Jährige es so: "Es gab viele und lange Diskussionen mit dem Jugendamt, weil ich das Geld eigentlich nicht abgeben wollte, weil es halt mein Geld ist. Ich verdiene das ja auch schließlich. Aber im Endeffekt habe ich natürlich verloren."

Ausgerechnet, die, die sowieso schon einen schweren Start ins Leben haben, würden finanziell so hart rangenommen, sagen Steinringers Pflegeeltern. "Er ist da einfach benachteiligt," sagt seine Pflegemutter Andrea Lorse. "So war das Leben für ihn immer: Ich stehe hinten an. Ich bekomme nicht das, was ich bekommen möchte. Ich würde gerne zuhause wohnen, wohne woanders. Die Benachteiligung, denke ich, zieht sich so durch."

Verbesserungen lassen auf sich warten

Die 75-Prozent-Regelung gilt seit Jahrzehnten. Mittlerweile gibt es aber kaum jemanden mehr, der sie wirklich verteidigt. Auch der Spitzenverband der Kommunen will Änderungen. Der zuständige Beigeordnete beim Deutschen Städte- und Gemeindebund, Uwe Lübking erklärt es so: "Grundsätzlich gehören zu unserem Sozialtransfer-System Kostenheranziehungen, aber sie müssen gerecht sein, sie müssen fair sein und sie dürfen nicht demotivierend sein. Und bei 75 Prozent sehe ich das eher als demotivierend an. Deshalb brauchen wir hier eine neue Regelung."

Fragt sich nur, wann etwas passiert, um die Lage der Betroffenen wie Torben Steinringer oder Suratsch Sarwari zu verbessern. Der letzte Änderungsversuch kam zwar durch den Bundestag, ist dann aber im Bundesrat einfach liegen geblieben. In dem Gesetzesentwurf war eine Verringerung der Kostenheranziehung auf 50 Prozent vorgesehen und ein monatlicher Freibetrag von 150 Euro im Monat.

Die Bundesfamilienministerin, die sich dem ZDF gegenüber nicht zu dem Thema äußern will, hat Anfang dieses Jahres eine grundsätzliche Reform des achten Sozialgesetzbuches angeschoben. Dieser Prozess wird geraume Zeit in Anspruch nehmen und in Sachen Kostenheranziehung wurden auch schon Verschärfungen diskutiert. Uwe Lübking vom Städte- und Gemeindebund könnte sich vorstellen, dass es schneller geht. Die Familienminister des Bundes und der Länder treffen sich Mitte Mai. Hier könnten sie Änderungen beschließen und kurzfristig auf den Weg bringen. Bisher allerdings steht das Thema nicht auf der Tagesordnung. Das Land Rheinland-Pfalz hat wiederum angekündigt, sich im Bundesrat für eine Gesetzesänderung einsetzen zu wollen.

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