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Besuch im VW-Werk - Hendricks liest Politik und Autoindustrie die Leviten

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Bundesumweltministerin Barabara Hendricks (SPD) hat die Nähe zwischen Politik und Autoindustrie als "zu groß" bezeichnet. Die Vorwürfe zu möglichen illegalen Kartellabsprachen hätten weiteres Vertrauen zerstört. Die Autobranche habe sich "zu sicher" gefühlt. Sie drohte mit Fahrverboten.

"Wir sind gerade inmitten eines großen Lernprozesses - gerade auch auf Seiten der Industrie. Das Einhalten von Regeln muss zwingend sein" sagt Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil zu den Vorwürfen gegen den VW-Konzern.

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Angesichts der Affären um manipulierte Abgasreinigungen und angebliche Kartellabsprachen sieht Umweltministerin Hendricks die Autoindustrie vor einschneidenden Veränderungen. "Das ist ein Wendepunkt", sagte sie vor einem Treffen mit Volkswagen-Chef Matthias Müller in Wolfsburg. Es habe auch eine große Nähe zwischen Politik und der Branche in den vergangenen Jahren gegeben, die den Anschein der Kumpanei erweckt habe. "Ich kann das nicht ganz von der Hand weisen", sagte sie. Es wäre daher richtig, wenn die Aufsicht über die Branche verstärkt würde und nicht nur von einem Ministerium. Neben dem Verkehrsministerium könnte auch das Umweltministerium dabei eine Rolle spielen.

Ministerin bezweifelt, dass Software-Updates ausreichen

In der Vergangenheit sei die Regierung vielleicht etwa in Brüssel zu stark gegen scharfe Abgasvorschriften und Grenzwerte vorgegangen. Das habe aber auch der Branche am Ende nicht genutzt. "Sie hat sich in Sicherheit gewogen und unzureichend in neue Antriebstechniken investiert", sagt die Ministerin. Jetzt komme der Druck vor allem vom chinesischen Markt, wo verstärkt auf Elektromobilität gesetzt werde.

Mit Blick auf den Diesel-Gipfel am nächsten Mittwoch sagte Hendricks, es werde hier um Software-Updates zur Nachbesserung von Diesel-Fahrzeugen gehen. Sie bezweifele aber, ob dies in allen Fällen ausreichend sein werde, um Fahrverbote zu verhindern. "Das kann nur ein erster Schritt sein." Die Kartellvorwürfe gegen die Autohersteller würden die Agenda des Treffens von Vertretern von Regierung, Bundesländern und Industrie nicht ändern. "Aber es beeinflusst die Atmosphäre", sagt Hendricks.

VW will weitere Autos nachbessern

Die Bundesumweltministerin äußerte sich skeptisch zu festen Endpunkten für den Verkauf des fossilen Verbrennungsmotors, wie ihn Großbritannien und Frankreich mit dem Jahr 2040 genannt haben. Sie gehe aber davon aus, dass auch in Deutschland um diesen Zeitraum herum keine neuen Benziner oder Diesel mehr verkauft würden.

VW stellte Abgas-Nachbesserungen bei zusätzlichen Autos in Aussicht. Der Konzern werde anbieten, insgesamt vier Millionen Fahrzeuge nachzurüsten und damit die Emissionen deutlich zu reduzieren, sagte Vorstandschef Matthias Müller. Nach Unternehmensangaben sind dies 1,5 Millionen zusätzliche Fahrzeuge. Volkswagen muss nach dem Skandal um manipulierte Abgaswerte bereits rund 2,5 Millionen Autos umrüsten.

Müller betonte: "Wir wissen um unsere Verantwortung für Umwelt und für unsere Arbeitsplätze." VW wolle einen Beitrag zu einem Erfolg des Gipfels am 2. August leisten.

Hendricks hält Fahrverbote dennoch für notwendig, sollten die Grenzwerte für Stickoxide auch danach weiter überschritten werden - auch wenn sie das letzte Mittel seien, sagte die SPD-Politikerin.

Trotzdem 6,6 Milliarden Euro Gewinn für VW

Trotz aller Widrigkeiten rund um Abgasskandal und Kartellverdacht hat Europas größter Autobauer Volkswagen seine Gewinne im ersten Halbjahr fast verdoppelt. Unter dem Strich stand ein Gewinn von knapp 6,6 Milliarden Euro - nach rund 3,6 Milliarden Euro im Vorjahreszeitraum, wie das DAX-Unternehmen am Donnerstag mitteilte. Am Vorabend hatte der VW-Vorstand den Aufsichtsrat über den Stand bezüglich der möglichen Kartellvorwürfe informiert - VW sei sich keiner illegalen Absprachen bewusst, hieß es.

Nach außen schwieg das Unternehmen nach einer außerordentlichen Aufsichtsratssitzung zu dem Verdacht gegen deutsche Autobauer, hält den Austausch zwischen Konzernen zu technischen Fragen aber für "weltweit üblich". Zur Frage von Gesprächen unter den Herstellern teilte VW mit, davon profitierten auch Kunden, "weil innovative Lösungen schneller verfügbar und preiswerter sind als aufwendigere Einzelentwicklungen". Die EU-Kommission prüft derzeit Informationen, wonach sich VW, BMW, Daimler, Audi und Porsche in verschiedenen Fragen mutmaßlich abgesprochen haben sollen.

Mehr Umsatz als geplant

Angesichts guter Verkaufszahlen peilt der Autobauer im Gesamtjahr nun mehr Umsatz als zuvor geplant an: Die Konzernerlöse dürften 2017 um mehr als vier Prozent im Vergleich zum Vorjahr zulegen. Vorher war VW von bis zu vier Prozent ausgegangen.

Die Wolfsburger steigerten im zweiten Quartal den Umsatz im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 4,7 Prozent auf 59,7 Milliarden Euro. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern kletterte auf mehr als das Doppelte und betrug 4,55 Milliarden Euro. Vor einem Jahr hatte die Bewältigung der Dieselaffäre mit Milliardenbelastungen zu Buche geschlagen. Unter dem Strich verdiente Volkswagen in dem Zeitraum rund 3,2 Milliarden Euro - fast dreimal so viel wie vor Jahresfrist. Im ersten Halbjahr verdoppelte sich das Ergebnis vor Steuern nahezu auf 9,0 (Vorjahreszeitraum: 4,8) Milliarden Euro.

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