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"Wollen eine offene, liberale, demokratische Gesellschaft"

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Herbert Grönemeyer im Gespräch - "Wollen eine offene, liberale, demokratische Gesellschaft"

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Beim "Kosmos Chemnitz"-Festival will Herbert Grönemeyer eine "offene, aufgeklärte Stadt" zeigen - aber auch die Politik aufrütteln, wieder mehr auf die Bürger zuzugehen.

ZDF: Mit welchen Erwartungen oder Hoffnungen fahren Sie nächste Woche Donnerstag nach Chemnitz?

Herbert Grönemeyer: Ja, ich glaube einfach, das ist ein großes Stadtfest, was das Einjährige von der Veranstaltung im letzten Jahr "Wir sind mehr" feiert. Einfach zu zeigen, dass auch Chemnitz eine offene, eine aufgeklärte Stadt ist. Dass die Stadt auch für Vielfältigkeit steht und nicht nur plötzlich das Image bekommt, dass es eine rechte Stadt ist. Es geht darum, dass wir als Gesellschaft gemeinsam - das haben wir auch schon in Berlin gemacht bei der Demonstration "Unteilbar", wo 250.000 Leute gekommen sind. Und ich glaube, es ist einfach eine Fortsetzung. Einfach ein Signal der Gesellschaft: Wir wollen eine offene, liberale, demokratische, freiheitliche Gesellschaft haben.

Wir wollen eine offene, liberale, demokratische, freiheitliche Gesellschaft haben.
Herbert Grönemeyer

ZDF: Solche Zeichen zu setzen, auch mit Konzerten oder auch in Liedtexten, das haben Sie ja auch in der Vergangenheit immer wieder schon gemacht. Also zum Beispiel auch 2015 vor der Dresdner Frauenkirche. Was kann denn Musik bewirken? Oder kommt man da irgendwann vielleicht auch an einen Punkt, wo man sagt: Die, die man eigentlich erreichen müsste, die erreicht man damit gar nicht?

Was will man? Was will man nicht? Man will keine Verrohung der Sprache, man will keine Verrohung und Hetze im Netz. Man will auch keine Gewalt, keine Verfolgung, keine Hetze.
Herbert Grönemeyer

Grönemeyer: Nee, ich glaube das ist ein Baustein von vielen. Das hat mit Journalismus zu tun, das hat mit Fernsehen zu tun, mit Medien zu tun, mit Kultur zu tun, mit Theater. Musik ist ein Baustein, aber ich glaube eine Gesellschaft muss sich immer wieder gegenseitig versichern: Was will man? Was will man nicht? Man will keine Verrohung der Sprache, man will keine Verrohung und Hetze im Netz. Man will auch keine Gewalt, keine Verfolgung, keine Hetze. Und darauf muss sich eine Gesellschaft immer wieder gegenseitig Kraft geben und klarmachen: bis hierhin, aber keinen Millimeter weiter nach rechts. Und das gelassen und kraftvoll und dafür ist auch so ein Konzert immer wieder gut.

ZDF: Wenn Sie sagen: "keinen Millimeter nach rechts" - das ist ja auch eine Textzeile aus einem Ihrer Lieder, wo Sie sagen: Man kann Verständnis haben, aber man rückt nichts nach rechts. Da werden sich jetzt manche Bürger sagen: Aber ich bin doch kein Nazi, nur weil ich Rechts bin oder AfD wähle?

Grönemeyer: Nee, darum geht es auch nicht. Ich glaube, es geht darum, dass auch Eltern und Großeltern ihren Kindern erklären, was eigentlich rechtes Gedankengut ausgelöst hat vor achtzig Jahren. Wie viel Trauer das über die ganze Welt gebracht hat, was es auch jetzt schon wieder in Deutschland tut. Und umgekehrt ist ja heute auch wichtig, dass die Politik endlich begreift, dass man auf die Menschen zugehen muss. Wie Die Ärzte damals schon gesagt haben: Es ist ein Schrei nach Liebe. Die Menschen wollen gehört werden. Die Menschen wollen sich nicht überlassen fühlen. Sie wollen wertgeschätzt werden. Und das - glaube ich - hat die Politik, meine Meinung, nach der letzten WM in Deutschland 2006 versäumt.

Man weiß bis heute nicht: Wie ist die Situation mit den Geflüchteten? Wo liegen die Probleme? Man spricht nicht miteinander. Und da fängt die Gesellschaft an - und auch viele Menschen -, sich alleingelassen zu fühlen und nervös zu werden (...).
Herbert Grönemeyer

Man ist nicht auf die Menschen zugegangen, man hat nicht kommuniziert. Man kommuniziert bis heute nicht. Man weiß bis heute nicht: Wie ist die Situation mit den Geflüchteten? Wo liegen die Probleme? Man spricht nicht miteinander. Und da fängt die Gesellschaft an - und auch viele Menschen -, sich alleingelassen zu fühlen und nervös zu werden, Ängste zu haben und zusätzlich auch Ängste zu haben mit ihrer eigenen Existenz: Wie finanziere ich meine Familie? Wie zahle ich meine Miete? Und was hat die Regierung, was hat die Politik für Ideen wie sie das verbessert - und auch den Vermögensausgleich schafft, zwischen Arm und Reich in Deutschland. Das sind viele Themen. Und viele Menschen fühlen sich immer mehr nicht gehört und nicht gesehen. Das ist nicht nur im Osten so. Das ist, denke ich, zum Beispiel im Ruhrgebiet genau das Gleiche.

ZDF: Aber es geht ja auch, wie Sie sagten, um Abgrenzung, um klare Kante zu zeigen: Was ist akzeptabel, was ist nicht akzeptabel? Nun werden zu diesem Konzert, wenn da Herbert Grönemeyer auftritt oder letztes Jahr Kraftklub oder die Toten Hosen - da stehen Sie im Prinzip vor Ihrer eigenen Gemeinde, der Sie predigen, die eigentlich gar nicht überzeugt werden muss, oder?

Grönemeyer: Doch, ich glaube, wir müssen uns alle immer wieder hinterfragen: Wie weit rücken wir selber auch in unseren Köpfen? Wie anfällig sind wir? Ich glaube, man merkt: Ich bin jetzt Anfang 60. Ich habe mir nie vorstellen können, wie der Faschismus überhaupt entstehen konnte damals. Jetzt weiß ich das, ich habe zum ersten Mal verstanden wie schnell das geht, dass eine Gesellschaft - und das ist ja nicht nur ein deutsches Phänomen - aber wie eine Gesellschaft ganz zart und stückweise nach rechts rutscht. Und da sollten wir uns alle auch hinterfragen. Wir sollen nicht denken, dass unsere Gehirne so dagegen immun sind, sondern: Wir sind auch als Gemeinschaft verpflichtet, immer wieder uns selber in Frage zu stellen: Wie weit bin ich auch schon anfällig für ein Gedankengut, was ich vielleicht vor fünf Jahren - da habe ich gedacht da bin ich völlig immun dagegen.

Der ehemalige Fußball-Nationalspieler Cacau. Archivbild

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