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Politologe zum Syrien-Krieg - "Lieber Frieden mit Assad als Weitermorden"

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Der Dreißigjährige Krieg war hochkomplex und vielschichtig – und konnte doch beigelegt werden. Der Politologe Herfried Münkler sieht lehrreiche Parallelen mit dem Syrien-Krieg.

Zerstörungen in Damaskus am 22.05.2018
Zerstörungen in Damaskus
Quelle: reuters

heute.de: Warum gilt der Westfälische Friede als Lehrstück der Diplomatie?

Herfried Münkler: Weil der Dreißigjährige Krieg sehr komplex war und der Westfälische Friede ihn trotzdem beenden konnte. Im Krieg ging es um verschiedene Dinge: Verfassung, Religion, Grenzen, Geopolitik.

heute.de: Kriege haben meistens verschiedene Ursachen. Warum ist der Westfälische Friede so besonders?

Münkler: Weil es die Friedensverhandler in Münster und Osnabrück geschafft haben, die Konfliktebenen zu trennen. So konnte man über Einzelfragen verhandeln. Konfessionelle Fragen wurden in Osnabrück, machtpolitische in Münster verhandelt. Die Verhandler haben es geschafft, den Anspruch auf Wahrheit und Werte zurückzustellen. Denn hier kann man keine Kompromisse schließen, bei Interessen hingegen schon. Sie haben vier Jahre lang verhandelt – und schafften so den Friedensvertrag.

heute.de: Und worin liegt jetzt der Meilenstein?

Münkler: Der Westfälische Friede hat eine neue Ordnung begründet – mit dem Prinzip der Souveränität. Staaten können Kriege erklären und Frieden schließen. Das heißt: Entweder es herrscht Krieg oder Frieden. Aber nicht mehr der Zustand der Ungewissheit, der lange Zeit in Europa geherrscht hatte. Diese Ordnung war bis vor kurzem gültig, wird aber durch Terrorismus, Cyberwar und Drohnenkriege ausgehöhlt. Wir haben wieder viele Kriege ohne offizielle Kriegserklärungen.

Zur Person

heute.de: Religion und Gewalt werden heutzutage oft in einem Atemzug genannt. Welche Rolle spielte die Religion im Dreißigjährigen Krieg?

Münkler: Es war nicht nur ein Religionskrieg. Das war er natürlich auch, aber zum Teil kämpften Katholiken gegen Katholiken und Lutheraner gegen Protestanten. Der Westfälische Friede schaffte es, die Religion teilweise in den Griff zu kriegen, nach dem Motto: Religiöse Überzeugungen sind eher private Bekenntnisse. So kamen auch Gebiete zustande, in denen Katholiken und Protestanten zusammenleben konnten.

heute.de: Die Ausweglosigkeit des aktuellen Syrien-Krieges wird immer wieder mit dem Dreißigjährigen Krieg verglichen. Zurecht?

Münkler: Es gibt viele Parallelen. Wir haben einen Verfassungskonflikt: Wem gehört die Macht? Dem Militär, dem Volk oder der Familie Assad? Wir haben einen religiösen Konflikt: die alevitische Familie Assad gegen eine sunnitische Mehrheit. Und wir haben einen geopolitischen Streit: Wer hat in der Region das Sagen? Der schiitische Iran? Das wahhabitische Saudi-Arabien? Oder die von neoosmanischen Träumen geplagten Türken? Wenn wir diese Konfliktlinien anschauen, erhalten wir eine Vorstellung davon, wie schwierig es ist, diesen Krieg zu beenden. Das wird nicht möglich sein, wenn sich Erdogan, Putin und Rohani zum Kaffee treffen. Sondern das braucht lange Verhandlungen von professionellen Diplomaten.

heute.de: Wer könnte den gordischen Knoten durchschlagen und den Syrien-Konflikt lösen?

Münkler: Ich sehe Europa in der Pflicht. Allerdings tut sich Europa schwer zu akzeptieren, dass Assad und die Russen die Gewinner sind. Deren Taktik ist aufgegangen. So schwer das auch fällt: Ohne Assad sehe ich keinen Frieden. Also lieber jetzt einen Frieden mit Assad als sinnloses Weitermorden.

heute.de: Warum sollte der Diktator belohnt werden?

Münkler: Egal, ob Hussein im Irak oder Gaddafi in Libyen: Einen Diktator zu stürzen löst noch keine Probleme. Man braucht Strukturen, auf die man zurückgreifen kann. Und die sehe ich in Syrien nicht. Der Westen sollte Assad aber keinen Blankoscheck ausstellen, sondern fragen: Wie sieht es mit der Rückkehr von Flüchtlingen aus? Nimmt Assad die Enteignung zurück?

heute.de: Haben Sie keine Hemmungen, Assad zum strahlenden Sieger zu krönen?

Münkler: Doch. Aber es geht wohl nicht anders. Ähnliche Fragen wurden von Theologen auf dem Westfälischen Frieden diskutiert: Calvinistische Intellektuelle und Jesuiten wollten weiterkämpfen und keine Kompromisse schließen. Das hätte aber bedeutet: noch mehr Krieg, noch mehr Tote. Mit einer Gesinnungsethik kommen wir in Syrien nicht weiter, nur mit einer Verantwortungsethik.

heute.de: Sie sind ein ebenso gefeierter wie kritisierter Wissenschaftler. Kann man einen Konflikt aus dem 21. Jahrhundert wirklich mit einem aus dem 16. Jahrhundert vergleichen?

Münkler: Ein Vergleich ist ja keine Gleichsetzung. Es geht darum, Ähnlichkeiten und Unterschiede herauszuarbeiten. Und die Unterschiede sind immens, angefangen vom Kulturkreis bis hin zur Waffentechnik. Der Mensch braucht aber Orientierung, er lebt von Analogien. Als Wissenschaftler prüfen wir, inwiefern die Analogien stimmig sind.

Das Interview führte Raphael Rauch.

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