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Videoanalyse in Geschäften - Für mehr Umsatz: Gescannte Gesichter

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Sind wir endgültig auf dem Weg zum gläsernen Kunden? Real und die Deutsche Post lassen in einigen Filialen die Gesichter ihrer Kunden per Software analysieren - für gezielte Werbung. Denn dahinter steckt ein Riesenmarkt. Aber Datenschützer stellen deshalb Strafanzeige.

Padeluun, Netzaktivist "Digitalcourage", fordert eine Gesetzgebung gegen Gesichtserkennung in Geschäften: "Dass plötzlich die Bilder ausgewertet werden, das geht überhaupt nicht. Ich verstehe nicht wie ein Unternehmen auf die Idee kommen kann sowas zu …

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Hugo Gimber von der Deutschen Post versteht die ganze Aufregung um die Videoanalyse in 100 Partner-Filialen nicht. "Was wir machen, entspricht datenschutzrechtlich allen gesetzlichen Vorgaben", meint der Post-Sprecher. Real setzt die Videoanalyse in 40 Supermärkten bundesweit ein. "Da werden keine personenbezogenen Daten erhoben", ist sich auch Real-Sprecherin Alja-Claire Dufhues sicher.

Beide Unternehmen lassen die Gesichter ihrer Kunden filmen, die in einer Wartezone der Filiale vor Bildschirmen stehen und sich dort gezeigte Spots anschauen. In der digitalen Kamera analysiert eine Software für Gesichtserkennung das Alter und Geschlecht des Kunden. Erkennt die Software zum Beispiel eine junge Frau, werden Spots mit Kosmetiktipps gezeigt. Für eine Mittfünfzigerin würde der Analyserechner Diättipps abspielen und für einen braungebrannten Mann Anfang Sechzig Werbung für einen Sportwagen der gehobenen Klasse.

Technik vom Fraunhofer-Institut

Genutzt wird dafür eine Technik namens Adpack der Berliner Firma Indoor Advertising GmbH (IDA). Die wiederum basiert auf Entwicklungen des Fraunhofer-Instituts für Integrierte Schaltungen in Erlangen namens Shore bzw. Avard.

Die Fraunhofer-Forscher haben schon auf der Branchenveranstaltung Mobile World Congress in Barcelona im Jahr 2015 für ihre Entwicklung geworben: "Shore analysiert in Echtzeit das Verhalten von Kunden." Dafür wertet die Analysesoftware beispielsweise die aufgenommenen Gesichtsbilder nach Alter, Emotionen und Geschlecht aus. Weitere Parameter können eingearbeitet werden.

Digitalcourage: Nur allgemeiner Hinweis

"Allerdings verwenden wir für die Pilotprojekte bei Real und der Post nur Angaben zum Geschlecht, Alter und wie lange der Kunde den Spot auf dem Display angeschaut hat", wendet IDA-Geschäftsführer Ralph Razisberger ein. Und es würden auch keine Gesichtsbilder an den Auswerteserver übertragen. Gleich nach der Analyse würde die Software in den Kameras vor Ort zudem das aufgenommene Gesichtsbild wieder löschen.

Dem Aktionskünstler und Datenschutzaktivisten Padeluun reichen diese Erklärungen nicht. "Wenn mein Gesicht gefilmt und analysiert wird, werden ganz klar personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet", meint der Gründungsvorstand des Datenschutzvereins Digitalcourage. Zudem bemängelt er, dass die Kunden nicht auf diese Gesichtsanalyse hingewiesen werden. Tatsächlich ist in den betroffenen Partner-Filialen der Post und in den Real-Supermärkten nur ein ganz allgemeiner Hinweis angebracht, dass Videoüberwachung stattfinde. Auch deshalb haben die Digitalcourage-Aktiven Strafanzeige gestellt.

Gesichtsanalysen als Milliardenmarkt

In den USA, Großbritannien und China hat sich eine solche Gesichtsanalyse von Menschen in Einzelhandelsgeschäften, an Tankstellen und auf Flughäfen schon vor drei Jahren weitgehend durchgesetzt. Dort werden allerdings auch Emotionen der Menschen analysiert und gespeichert.

Das Marktforschungsunternehmen "Markets and Markets" schätzt den weltweiten Markt für solche Gesichtsanalysen bis zum Jahr 2020 auf mehr als 42 Milliarden US-Dollar. Davon dürfte mehr als die Hälfte laut einer Statistik des Dortmunder Anbieters VTI auf China entfallen. Nordamerika wird auf Platz 2 geschätzt, Europa belegt Rang 5 mit etwas mehr als fünf Milliarden Dollar.

Analysebranche ist schweigsam

Die Firma Intel hat diese emotionale Analyse in ihr Konzept des "vernetzten Geschäftes" aufgenommen und unter anderem gemeinsam mit Adidas, Kraft Foods, Procter & Gamble und Harley Davidson getestet. Über die Testergebnisse wollen die Intel-Manager sich nicht en Detail äußern. Das Einkaufserlebnis sei insgesamt personalisierter, der Verkaufserfolg verbessert worden, lässt Jose Avalos, Leiter der Abteilung für Embedded Computing bei Intel, lediglich ganz allgemein mittteilen.

Das Pilotprojekt bei Real wird noch bis in den Sommer hinein laufen. Anschließend werden die Daten ausgewertet. "Erst danach wird entschieden, wie es weiter geht", meint Michael Kimmich, Vorstand der Echion AG, die das Pilotprojekt für Real durchführt.

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