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Debatte über Gaulands Gastbeitrag - "Hitler-Vergleiche helfen nicht weiter"

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Ein FAZ-Artikel von AfD-Politiker Gauland sorgt für Wirbel. Er knüpfe an antisemitische Bilder an, sagt Historiker Lenhard im Interview. Nazi-Vorwürfe seien jedoch nicht hilfreich.

Alexander Gauland, aufgenommen am 10.10.2018 in Berlin
In der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" erschien am 6. Oktober ein Gastbeitrag von AfD-Chef Alexander Gauland mit dem Titel: "Warum muss es Populismus sein?"
Quelle: dpa

heute.de: Mehrere Historiker erkennen in dem Gastbeitrag von Alexander Gauland in der FAZ Parallelen zu einer Rede Hilters aus dem Jahr 1933. Dachten Sie auch an Hitler, als Sie Herrn Gaulands FAZ-Artikel gelesen haben?

Philipp Lenhard: Nein, aber an Antisemitismus. Es gibt das antisemitische Bild vom heimatlosen Juden. Der lebt ein internationales Leben, ist entwurzelt und kosmopolitisch. Im Nationalsozialismus wird der heimatlose Jude zum Feindbild, eine Gefahr für das deutsche Volk. Man macht es sich jetzt aber zu einfach, wenn man aufgrund der Ähnlichkeiten zwischen Hitlers Rede und Gaulands Text aus Gauland einen zweiten Hitler machen will. Der Nazi-Vorwurf ist schnell da, aber Hitler-Vergleiche helfen nicht wirklich weiter. Wir müssen differenzierter hinschauen.

Worum es in der Debatte geht:

heute.de: Schauen wir genauer hin: Das Wort Jude kommt in Gaulands Text kein einziges Mal vor.

Lenhard: Man muss nicht das Wort Jude sagen, um Juden zu meinen. Antisemitismus funktioniert auch mit Andeutungen: Die Stereotype, die Herr Gauland bedient, wecken Assoziationen. Antisemiten rufen die ab und verstehen sofort, was gemeint sein könnte. Wir müssen ja nur nach Ungarn schauen.

heute.de: Sie spielen auf George Soros an, den amerikanischen Multimilliardär. Er hat ungarische Wurzeln - und ist Jude.

Lenhard: Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban hat George Soros für die Masseneinwanderung von Flüchtlingen verantwortlich gemacht. Das ist Antisemitismus wie nach dem Lehrbuch: Es gibt eine Verschwörung von dunklen Drahtziehern im Hintergrund, die das Volk ins Verderben stürzen wollen.

heute.de: Fährt Gauland einen ähnlichen Kurs wie Orban in Ungarn?

Lenhard: Ich halte Herrn Gauland für einen cleveren Mann, der sich gut verstellen kann. Er spricht zum Beispiel von der Nazi-Zeit als Vogelschiss in der deutschen Geschichte und relativiert damit die Gräueltaten - tut aber später so, als habe er es nicht so gemeint. Er spielt wiederholt mit Stereotypen, die eine rechtsextreme Parteiklientel bedient und an Verschwörungstheorien anknüpft.

heute.de: Gilt das auch für den Gastbeitrag in der FAZ?

Lenhard: Durchaus. Herrn Gaulands Beitrag zeigt gut, wie Populismus und Demagogie funktionieren. Es geht darum, Feindbilder aufzubauen, nach dem Motto: Wir gegen die, die anderen sind an allem schuld. Der AfD geht es nicht um Lösungen, sondern um Polarisierung und Schuldzuweisung - ohne eine Antwort darauf zu geben, was man gegen die ja tatsächlich existierenden sozialen Verwerfungen tun kann. Herr Gauland geißelt im FAZ-Gastbeitrag etwa die Globalisierung, erwähnt aber nicht, dass nicht nur multinationale Konzerne, sondern auch mittelständische Unternehmen in Deutschland davon profitieren. Im europäischen Vergleich ist es um die deutsche Wirtschaft gut bestellt.

heute.de: Trotzdem macht Globalisierung manchen Menschen Angst. Oder sie stören sich wie Minister Jens Spahn daran, dass in manchen Berliner Cafés nur noch Englisch gesprochen wird.

Lenhard: Mit Verlaub, aber die meisten Menschen haben schwerwiegendere Probleme als angesagte Szenecafés, in die sie sowieso nicht gehen. Und diese Probleme, zum Beispiel unbezahlbaren Wohnraum oder sinkende Reallöhne, spricht Gauland nicht an. Für ihn gibt es nur den Kampf zwischen dem Volk und den Globalisten. Interessenskonflikte unter Deutschen, etwa zwischen einfachen Angestellten und mittelständischen Unternehmern, kommen in seiner Vorstellungswelt nicht vor.

heute.de: Hätte der Text auch für Empörung gesorgt, wenn ihn nicht Herr Gauland, sondern ein linker Globalisierungskritiker geschrieben hätte?

Lenhard: Nein, da wird oft mit zweierlei Maß gemessen. Ich finde, der Text hätte ohne große Änderungen auch von Sahra Wagenknecht stammen können. Leider gibt es auch einen linken Antisemitismus. Das erklärt auch, warum manche linke Publizisten dem Gastbeitrag von Alexander Gauland etwas Positives abgewinnen.

Das Interview führte Raphael Rauch.

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