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Rücktritt als Tory-Vorsitzende - May - daran gescheitert, die Suppe auszulöffeln

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Nach ihrem Scheitern beim Brexit tritt Premierministerin May als Tory-Chefin zurück. Sie habe ihre größten Fehler zu Beginn der Verhandlungen gemacht, sagt der Historiker Patel.

Nach drei Jahren an der Spitze der britischen Konservativen gibt die scheidende Premierministerin May den Parteivorsitz ab. Mögliche Nachfolger laufen sich schon warm.

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heute.de: Ist Theresa May eine Fußnote der Geschichte?

Kiran Klaus Patel: Eine Fußnote der Geschichte ist sie ganz bestimmt nicht. Man wird sie als die Premierministerin in Erinnerung behalten, die versuchte, die Suppe auszulöffeln, die andere dem Land eingebrockt hatten, und die daran scheiterte. Das sichert ihr auf jeden Fall einen Platz in den Geschichtsbüchern. Vor dem Referendum hatte sich Theresa May für einen Verbleib in der EU ausgesprochen, wenngleich ihr Engagement für die Sache überaus lahm war. Nachdem David Cameron zurückgetreten war, setzte sie sich parteiintern gegen mehrere Konkurrenten durch. Zunächst sah es so aus, als hätte sie die Sache gut im Griff.

heute.de: Die Brexit-Verhandlungen hat sie dann aber verbockt.

Patel: Ja, aber aus einem anderen Grund, als man denkt. Die Hauptfehler machte sie nicht in den zurückliegenden Monaten, als ihr Vertragsentwurf für den Austritt im britischen Parlament krachend scheiterte. Die gravierendsten Fehler beging sie viel früher. In den Wochen nach dem Brexit kündigte sie ohne große Not an, dass kein Deal besser sei als ein schlechter Deal. Sie bediente Großmachtphantasien und ließ die Handlungsspielräume und Optionen des Vereinigten Königreichs als viel größer erscheinen, als sie tatsächlich sind. Damit baute sie Erwartungen auf, die sie später nicht erfüllen konnte.

heute.de: Warum wurde ihr das schließlich zum Verhängnis?

Patel: Sie löste das Austrittsverfahren aus, ohne zu wissen, was das Vereinigte Königreich eigentlich wollte. Auf interne Kritik hörte sie wenig und stolperte blauäugig in die Verhandlungen, die von Brüsseler Seite mit hoher Professionalität geführt wurden. Letztlich bestimmte die EU den Plan: erst die Austrittsverhandlungen, dann die Klärung des künftigen Verhältnisses zur Rest-EU. Auch sonst gab Brüssel den Takt vor. Das machte die EU stark, die Briten schwach. Es hätte nicht so kommen müssen. 2016 und 2017 war vieles noch offen.

heute.de: Mays Faible für Schuhe und ihre Tanzeinlage zu Abbas "Dancing Queen" werden auf jeden Fall in Erinnerung bleiben. Und sonst?

Patel: Die Ankündigung ihres Rücktritts mit brechender Stimme. Viel wichtiger ist jedoch etwas anderes: May steht für die Spaltung der britischen Gesellschaft und für die Unmöglichkeit, auf komplizierte Fragen einfache Antworten zu geben.

heute.de: Warum war May zuletzt so unbeliebt?

Patel: Das hat teilweise mit ihrer Persönlichkeit zu tun. Sie suchte als Premierministerin nie die Nähe zur Bevölkerung, galt als unnahbar, distanziert und gelegentlich auch als ungelenk. Und sie baute Erwartungen auf, die sie nicht erfüllen konnte. An ihr spiegelt sich der Riss, der durch die britische Gesellschaft geht. Die Stimmung im Land ist schlecht und unsicher - wir erleben das Gegenteil von 'Cool Britannia' der 1990er-Jahre.

Theresa May wartet am 20. Oktober 2017 in Brüssel auf EU-Ratspräsident Donald Tusk
Theresa May wartet am 20. Oktober 2017 in Brüssel auf EU-Ratspräsident Donald Tusk
Quelle: AP

heute.de: Was sollte Mays Nachfolger als erstes tun?

Patel: Nicht auf Donald Trump hören. Der neue Premierminister oder die neue Premierministerin sollte versuchen, einen Konsens zu finden - innerhalb der britischen Gesellschaft, aber auch in den Verhandlungen mit der EU. Das geht nur, wenn man sich von Maximalforderungen verabschiedet.

heute.de: Wie geht‘s weiter mit dem Brexit?

Patel: Er wird uns noch lange begleiten. Und selbst, wenn es eine Einigung gibt, wird diese höchstwahrscheinlich in Großbritannien so umstritten sein, dass die Debatte endlos weitergehen wird. Als David Cameron 2013 das Referendum ankündigte, wollte er damit die Debatte über die Mitgliedschaft in der EU ein für alle Mal beenden. Genau das Gegenteil ist eingetreten. Der Brexit hat sich in eine tiefe Wunde verwandelt, die die britische Gesellschaft von innen heraus schwächt. Dagegen geht die EU kurzfristig gesehen gestärkt aus dem Debakel hervor - mittelfristig ist aber auch sie ohne das Vereinigte Königreich schwächer.

heute.de: Wird es ein zweites Referendum geben?

Patel: Eher nicht, wobei in diesen Tagen nichts unmöglich ist. Falls es dazu käme, würde dies eventuell helfen, das Vereinigte Königreich in der Europäischen Union zu halten. Ein zweites Referendum könnte aber populistischen Strömungen in ganz Europa Auftrieb geben, die dann argumentieren könnten: 'Seht, die Eliten lassen so lange abstimmen, bis ihnen das Ergebnis passt.' Nur auf den ersten Blick ist ein zweites Referendum eine einfache, gute Lösung.

Das Interview führte Raphael Rauch.

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