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Zukunft der SPD - "Das sozialdemokratische Herz ist wund"

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Die SPD gleiche einem waidwunden Tiger, so der Historiker Weichlein. Im heute.de-Interview erklärt er, warum die SPD in der GroKo bleiben und sich von Kühnerts Ideen lösen solle.

Andrea Nahles im Berliner Willy-Brandt-Haus
Seit Schröder - und auch unter Nahles - werde die SPD von oben nach unten geführt, sagt der Historiker Weichlein. "Bei Willy Brandt herrschte ein anderer Führungsstil."
Quelle: imago/Seeliger

heute.de: Ist die SPD eine undankbare Partei? Andrea Nahles hat gegen heftigen Widerstand den Mindestlohn und die Rente mit 63 eingeführt. Trotzdem hatte sie keinen Rückhalt.

Siegfried Weichlein: Ja, die SPD ist undankbar. Aber das sind andere Parteien auch. Dankbarkeit ist keine Kategorie in der Politik.

heute.de: Wie erklären Sie sich den Zeitpunkt des Rücktritts?

Weichlein: Wir befinden uns in der Mitte der Legislaturperiode. Wenn sich noch etwas ändern soll, dann muss man die Pferde jetzt umsatteln. Ausschlaggebend waren die desaströsen Ergebnisse bei den Europawahlen. Die SPD hat nur 15 Prozent geholt. Vor 20 Jahren hatte Gerhard Schröder noch über 40 Prozent geholt. Die Leidensfähigkeit der Genossen ist überbeansprucht. Das sozialdemokratische Herz ist wund.

heute.de: Was wurde Andrea Nahles zum Verhängnis?

Weichlein: Ehrlich gesagt bin ich perplex. Andrea Nahles hat fast so viel politische Erfahrung wie Angela Merkel. Seit über 25 Jahren zieht sie in der SPD die Strippen. Sie hat Männer wie Franz Müntefering zu Fall gebracht. Sie ist mit allen Wassern gewaschen. Mir ist völlig unklar, warum ein absoluter Profi im Geschäft wie Andrea Nahles es so weit hat kommen lassen.

heute.de: Was hat Sie persönlich an Andrea Nahles gestört?

Weichlein: Sie hat sich nicht sonderlich für die Geschichte ihrer Partei interessiert. Sie machte auf mich nicht den Eindruck, sie trage die Uhr oder die Bürde von August Bebel. Dabei muss sie als Parteichefin den Pegelstand kennen und Zeitansagen machen. Gestört hat mich auch ihr Führungsstil. Ich habe in SPD-Gremien immer wieder gehört: "Der Parteivorstand macht sowieso, was er will." Seit Schröder wird die SPD von oben nach unten geführt. Bei Willy Brandt herrschte ein anderer Führungsstil.

Die SPD fragt sich, wer den Fraktionsvorsitz und wer die Parteiführung übernimmt. Es zeichnet sich eine Übergangslösung ab.

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heute.de: Überzeugt Sie die voraussichtliche Übergangslösung Malu Dreyer und Rolf Mützenich?

Weichlein: Malu Dreyer genießt meine Hochachtung. Sie ist die beste Lösung, die wir haben. Sie hat wiederholt Wahlen gewonnen, die als aussichtslos galten. Rolf Mützenich kennt die Stimmungslage in der Fraktion gut. Er weiß, wie man mit dem waidwunden Tiger SPD arbeiten kann. Und er kommt aus Nordrhein-Westfalen, dem stärksten Landesverband. Das sehe ich als klaren Vorteil.

heute.de: Wäre Kevin Kühnert nicht die bessere SPD-Antwort auf das "Rezo"-Video?

Weichlein: Mit Kevin Kühnert können Sie mich jagen. Ich bin dagegen, dass man diesem Affen noch Zucker gibt. Seine sozialistischen Planspiele sind Antworten von vorvorgestern auf Fragen von morgen.

heute.de: Und Manuela Schwesig?

Weichlein: Sie ist eine überzeugende Frau und wäre auch eine gute Lösung - gerade mit ihrer ostdeutschen Biographie. Aber es macht einen Unterschied, ob ich Parteivorsitzende werde, um Wahlen zu gewinnen, oder ob ich Vorsitzende werde, weil ich bereits Wahlen gewonnen habe. Manuela Schwesig hat ihr Amt von Erwin Sellering geerbt.

heute.de: Wird der Kohlekompromiss der SPD zum Verhängnis – weil sie die Klimadebatte zu wenig ernst nahm?

Weichlein: Eine vernünftige Klimapolitik ist kein Alleinstellungsmerkmal der Grünen. FDP-Chef Christian Lindner ist mir zutiefst unsympathisch, aber er hat kürzlich etwas Treffendes gesagt: Es kann nicht sein, dass Öko-Dirigismus und Klimaleugnung die beiden Alternativen sind. Es muss doch etwas dazwischen geben. Und das wird die SPD nun zeigen: dass man Atomausstieg, Klimawende, soziale Marktwirtschaft und soziale Gerechtigkeit zusammenbringen kann.

heute.de: Sollte die SPD in der Großen Koalition bleiben?

Weichlein: Unbedingt, wir dürfen uns jetzt nicht aus der Verantwortung stehlen. Die SPD wird aber für die Union noch unberechenbarer. Die SPD wird nun noch mehr auf ihre Handschrift pochen.

heute.de: Haben Sie in letzter Zeit an Parteiaustritt gedacht?

Weichlein: Nein, wegen Misserfolgen tritt man doch nicht aus einer Partei aus. Da müsste schon etwas ganz anderes passieren.

Das Interview führte Raphael Rauch. Dem Autor auf Twitter folgen: raphael_rauch

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